Das Juniorprogramm von Red Bull ist der Inbegriff von Nachwuchsarbeit in der Formel 1. Die Statistiken aller Fahrer, die es hervorgebracht hat, sind imposant: Acht WM-Titel, 137 Rennsiege, 114 Poles und 314 Podien gehen auf ihre Kappe. Sebastian Vettel lieferte die Bilderbuch-Karriere eines Red-Bull-Juniors ab. Er war schon im ersten Jahr des Entwicklungsprogrammes 2001 mit dabei. Vom Beginn seiner Karriere im Kart an wurde er von der Energy-Drink-Marke gefördert, feierte seinen ersten Sieg für Toro Rosso und anschließend vier WM-Titel für die "großen" Bullen. Max Verstappens Aufstieg entsprach etwas weniger jenem eines Fahrers mit klassischer Nachwuchsförderung. Er ist mehr oder weniger nur auf dem Papier ein Red-Bull-Junior. Denn er wurde erst wenige Tage vor der Bekanntgabe seines Formel-1-Debüts für Toro Rosso in den Kader aufgenommen.

Fix: Marko-Aus bei Red Bull - Was heißt das für Verstappen? (09:43 Min.)

Verstappen kann aber exemplarisch für die seit jeher inhärente Risikobereitschaft des Red-Bull-Nachwuchskaders gesehen werden. Ohne diese sind die Chancen groß, dass man den Niederländer nicht an Land gezogen hätte und ein Aufstieg in die Königsklasse einen anderen Pfad genommen hätte. Verstappens Red-Bull-Aufstieg im Alter von nur 18 Jahren kann als logische Fortsetzung dieser Risikobereitschaft gesehen werden. Doch natürlich wurde nicht aus jedem Nachwuchsfahrer, den Dr. Helmut Marko unter seine Fittiche nahm, ein Verstappen oder Vettel.

Die aggressive Nachwuchspolitik von Red Bull bringt in einem schnelleren Intervall Fahrer in die Formel 1 als die Programme der Konkurrenz. Gleichzeitig führt das automatisch auch dazu, dass umso mehr Piloten zurückgelassen werden. Die Liste der Gescheiterten beinhaltet Formel-E-Champions wie Antonio Felix da Costa, Le-Mans-Sieger wie Neel Jani, sowie zahlreiche weitere erfolgreiche Piloten, etwa in der DTM oder auf der Langstrecke. Sogar der ehemalige Alpine-Teamchef Oliver Oakes war einst Red-Bull-Junior. 17 Fahrer schafften es in die Formel 1 – mit wechselndem Erfolg. Was wurde aus den Red-Bull-Junioren, die nicht den ganz großen Wurf landen konnten? Motorsport-Magazin.com hat sie in vier Kategorien aufgeteilt.

Die Gescheiterten: Daniil Kvyat

Wie bei so vielen gescheiterten Red-Bull-Junioren, die es bei den Bullen trotz F1-Aufstieg im letzten Jahrzehnt nicht zu Erfolg brachten, spielt in der Vita von Daniil Kvyat der Name "Max Verstappen" eine zentrale Rolle. Im Gegensatz zu Pierre Gasly oder Alex Albon scheiterte er aber nicht direkt an dem Holländer, sondern wurde vielmehr bei Red Bull für ihn aus dem Weg geräumt. Kvyat war eigentlich als Nachfolger von Sebastian Vettel zu den Bullen gekommen, traf dort jedoch mit dem RB11 auf den wohl schlechtesten Red-Bull-Boliden, seit die Milton-Keynes-Mannschaft in der Formel 1 um Sieg kämpfte.

In der einzigen vollen Saison beim Topteam überbot er zwar Daniel Ricciardo im Punkterennen und fuhr einmal auf das Podium, doch insgesamt gab es selten Zweifel daran, dass der Australier der Schnellere der beiden war. So hing ihm 2016 schon von Saisonbeginn an Verstappen bei Toro Rosso im Nacken, der mit den Hufen auf einen Aufstieg scharrte. Für den letztendlichen Auslöser sorgte Kvyat allerdings selbst, indem er beim Russland-GP eine Kollision mit Sebastian Vettel verschuldete, der ihm ein Rennen zuvor – Ironie der Geschichte – den anhaltenden Spitznamen 'Torpedo' verpasst hatte.

Während Red Bull die Gelegenheit nutzte, um ihren Wunderknaben zu befördern, fand Kvyat im kleinen Bullen-Team auf keinen grünen Zweig mehr und das, obwohl ihm aufgrund einer anhaltenden Nachwuchs-Flaute in Summe vier Jahre in Faenza vergönnt waren. Weder die zweite Chance gegen Carlos Sainz noch die dritte gegen Pierre Gasly konnte er nutzen, ehe er nach einem Jahr als Alpine-Testfahrer nach 2021 die Formel 1 abschreiben musste.

Außerhalb der Königsklasse fand er keinen anhaltenden Erfolg. Abgesehen von einzelnen NASCAR-Starts dauerte es bis 2023, ehe er im Langstrecken-Sport andockte und bei der Vorbereitung des LMDh-Debüts von Lamborghini mitwirkte. Im Sportwagen-Programm der Italiener, das inzwischen nur noch aus den Endurance-Starts in der IMSA besteht, steht er nach wie vor im Aufgebot.

Im Junior-Team:2010 – 2013
In der Formel 1:2014 (Toro Rosso)
2015 – 2016 (Red Bull)
2016 – 2017 (Toro Rosso)
2019 - 2020 (Toro Rosso / AlphaTauri)
Grund für Trennung:Mangelnde Performance
Das macht er heute:IMSA-Fahrer bei Lamborghini

Die Gescheiterten: Brendon Hartley

Brendon Hartley war 2010 schon einmal aus dem Nachwuchskader von Red Bull geflogen. Nachdem er fünf Jahre lang die Unterstützung aus Milton Keynes genossen und sich bis zum Test- und Ersatzfahrer hochgearbeitet hatte, blieb er in der Formel Renault 3.5 hinter den Erwartungen und vor allem gleichzeitig weit hinter Daniel Ricciardo zurück, der die Serie dominierte und von da an der hellste Stern am Red-Bull-Nachwuchshimmel war. Hartleys Traum von der Formel 1 war damit zwar nicht ausgeträumt, doch sein Hauptfokus lag in der Folge auf der Langstrecke, wo er mit Porsche einen Erfolg nach dem anderen feierte.

Als sich die Zuffenhausener aus der WEC zurückzogen, brachte sich Hartley mit einem Telefonanruf bei Dr. Helmut Marko wieder ins Spiel. Die Gemengelage war günstig, da sich Carlos Sainz im selben Jahr mit der Red-Bull-Führung verkrachte und auch die Leistungen von Daniil Kvyat als ungenügend eingestuft wurden. Ehe er sich versah, saß Hartley ab dem USA-GP plötzlich im Cockpit, wo er zunächst als Ersatz von Pierre Gasly für ein Rennen einstieg und dann die Sainz-Rochade dem Le-Mans-Sieger das zweite Cockpit freiräumte. Doch so schnell sich die Chance für den Neuseeländer aufgetan hatte, so schnell war sie wieder verflossen.

Brendon Hartley siegte bei den 24h Le Mans 2017 in der LMP1-Klasse, Foto: Porsche
Brendon Hartley siegte bei den 24h Le Mans 2017 in der LMP1-Klasse, Foto: Porsche

2018 bekamen die Hoffnungen, die Red Bull in das Sportwagen-Ass setzte, einen bitteren Reality Check. Der Grund hörte auf den Namen Pierre Gasly: Der sechs Jahre jüngere Rookie war Hartley vor allem in der Qualifying-Pace klar überlegen und brachte auch die besseren Resultate nach Hause, wodurch Hartleys Cockpit schon früh wackelte und er schließlich für Alex Albon rausgeworfen wurde. Er ist ein Beispiel, dass riskante Fahrerentscheidungen schnell auch nach hinten losgehen können, Nyck de Vries war drei Jahre später ein weiteres. Von dem Missverständnis Formel 1 erholte sich Hartley aber schnell und stieg im darauffolgenden Jahr wieder in seinen Paradedisziplin auf der Langstrecke ein. Seitdem konnte er zwei weitere Le-Mans-Siege für sich verbuchen und seinen beiden WM-Titeln mit Porsche zwei weitere mit Toyota hinzufügen.

Im Junior-Team:2006 – 2010
In der Formel 1:2017 – 2018 (Toro Rosso)
Grund für Trennung:Mangelnde Performance
Das macht er heute:WEC-Fahrer bei Toyota

Die Gescheiterten: Scott Speed

Der Name von Scott Speed ist ein gefundenes Fressen für viele Formel-1-Scherzkekse, die dem US-Amerikaner deshalb gerne "Vortäuschung falscher Tatsachen" vorwerfen. Denn in der Königsklasse konnte Scott wenig Speed zeigen. Doch sein Nachname war nicht der Grund für den Einstieg in die Formel 1. Vielmehr waren es seine Resultate in den Nachwuchsklassen, die 2005 in einer günstig getimten überzeugenden Premierensaison in der GP2 kulminierten. Gerade rechtzeitig für die Übernahme des ehemaligen Minardi-Rennstalls durch das im Aufbau befindliche Motorsport-Programm von Red Bull, die Bullen brauchten also dringend Fahrer für ihren italienischen Ableger.

Doch an der Seite von Vitantonio Liuzzi, der nur wenige Rennen Erfahrungsvorsprung mitbrachte, war der freche Amerikaner mit einem Touch von Rockstar-Image und dem schnellen Namen eineinhalb Jahre lang nur die Nummer 2 und blieb punktelos. Als ein von Red Bull geförderter Fahrer namens Sebastian Vettel beim USA-GP 2007 im BMW-Cockpit auf Anhieb einen Punkt einfuhr, wackelte das Cockpit erst recht. Den Sargnagel für seine F1-Karriere stellte ein Streit mit seinem damaligen Teamchef Franz Tost nach einem Unfall im Nürburgring-Regen dar – es sollte Speeds letztes F1-Rennen sein.

Nach seinem F1-Auftritt nahm er in der NASCAR teil, Foto: Red Bull/GEPA
Nach seinem F1-Auftritt nahm er in der NASCAR teil, Foto: Red Bull/GEPA
Scott Speed bei der NASCAR Emory Healthcare 500 2010, Foto: Red Bull/GEPA
Scott Speed bei der NASCAR Emory Healthcare 500 2010, Foto: Red Bull/GEPA

Doch seine Red-Bull-Laufbahn war dadurch noch nicht vorbei: Speed ging stattdessen in das erst wenige Jahre zuvor gestartete NASCAR-Programm der Energy-Drink-Marke, allerdings ebenfalls mit wenig Erfolg. Obwohl er das Ende des 2011 eingestellten Programmes nicht mehr miterlebte, versuchte er sich noch einige Jahre erfolglos in der nordamerikanischen Stockcar-Serie. Auch in der Formel E probierte er sich in deren Premierensaison aus. Langfristigen Erfolg fand Speed jedoch erst in einer gänzlich anderen Kategorie, im Rallycross. Dort avancierte er von 2015 bis 2017 in der US-zentrischen Global-Rallyecross-Meisterschaft zum Serienchampion. Hauptsponsor der Serie war übrigens bis zu deren Einstellung 2017 Red Bull. Auch noch 2025 ist er der Marke eng verbunden, erst im März absolvierte er einen Showrun in Brasilien, bei dem er in einem RB7 Platz nahm.

Im Junior-Team:2003 – 2005
In der Formel 1:2005 (Red Bull)
2006 – 2007 (Toro Rosso)
Grund für Trennung:Mangelnde Performance
Streit mit Teamchef
Das macht er heute:Fahrerberater / Fahrercoaching

Die Gescheiterten: Vitantonio Liuzzi

Vitantonio Liuzzi erlebte gleich zweimal, wie gnadenlos Red Bull sein kann. Zunächst glaubte der überlegene Formel-3000-Champion von 2004 einen Vertrag für das darauffolgende Jahr beim neuen F1-Team in der Tasche zu haben, in dem er sich mit Christian Klien abwechseln würde. Doch nachdem er vier Grands Prix bestritten hatte, durfte der Italiener für die komplette restliche Saison kein Rennen mehr absolvieren. Erst für das Folgejahr bekam er ein Ganzjahres-Cockpit bei Toro Rosso, die frisch aus Minardi entstanden waren. An der Seite von Scott Speed (ihn hatten wir ja schon zum Thema) zog er sich besser aus der Affäre.

Doch zufrieden war man mit seinen Leistungen dennoch nicht. Der als Lebemann und Playboy bekannte Italiener spiegelte zwar perfekt das Image als Partytruppe wider, das Red Bull in seiner Anfangszeit in der Formel 1 abgab, ihm wurde allerdings oft nachgesagt, dass er auf der Strecke deshalb nicht sein komplettes Potenzial abrufen könne. Das Aus kam für Liuzzi jedoch in Form von Champ-Car-Serienmeister Sebastien Bourdais. Der Franzose war die bevorzugte Wahl des damaligen Toro-Rosso-Miteigentümers Gerhard Berger und nachdem Sebastian Vettel bereits 2007 anstelle von Speed ins Team gerückt war, war für Liuzzi damit kein Platz mehr. Bis heute wirft der im Team beliebte Partytiger Berger diese Fahrerwahl als "politisches Spiel" vor.

Im Gegensatz zu Leidensgenosse Speed endete seine F1-Karriere allerdings nicht mit dem Aus bei Red Bull. Nach einem Jahr als Testfahrer fand er bei Force India als Nachfolger seines Landsmannes Giancarlo Fisichella, der den verletzten Felipe Massa bei Ferrari ersetzte, wieder einen Weg ins Cockpit. Dort zog er gegen Adrian Sutil den Kürzeren. Zu Ende ging seine F1-Laufbahn schließlich sang- und klanglos im hoffnungslos unterlegenen HRT 2011, wo ihm ein Besitzerwechsel einen Strich durch seinen Vertrag für die Folgesaison machte.

Nach der Formel 1 testete er sein Talent zwar in vielen Rennserien aus, fuhr vereinzelt in der Langstrecken-WM, bestritt eine Saison in Japan (Super GT & Super Formula) und startete kurzzeitig in der Formel E, konnte aber abgesehen von einer italienischen Tourenwagen-Meisterschaft nirgendwo wirklich Fuß fassen oder um Siege mitfahren. In der Formel 1 ist er heutzutage als Fahrer-Steward regelmäßig bei Rennen zugegen.

Im Junior-Team:2002 – 2004
In der Formel 1:2005 (Red Bull)
2006 – 2007 (Toro Rosso)
2009 – 2010 (Force India)
2011 (HRT)
Grund für Trennung:Platz für anderen Fahrer freimachen
Das macht er heute:F1-Fahrersteward

Die Geretteten: Pierre Gasly

Nicht alle Red-Bull-Piloten schafften im Nachwuchsteam der Bullen den großen Durchbruch oder flüchteten im Schatten eines der großen Stars mehr oder weniger ungewollt zur Konkurrenz. Mit Alex Albon und Pierre Gasly erreichten auch zwei Red-Bull-Nachwuchspiloten die Formel 1, die bei Red Bull aussortiert, beziehungsweise zum Platzhalter degradiert worden waren und mit herzlicher Genehmigung des F1-Teams die Seiten wechselten. Beide Namen stehen im engen Zusammenhang mit Max Verstappen, da sie hintereinander dem späteren Serienweltmeister bei Red Bull Racing vorgesetzt wurden, dort aber brachial scheiterten.

Gasly erwischte es 2019, als er innerhalb nur eines halben Jahres zunächst die ungeplante Nachfolge von Daniel Ricciardo antreten musste und dann sein Cockpit wieder verlor. Schon ein schwerer Unfall bei den Testfahrten in Barcelona sorgte für einen schwierigen Einstand und ließ Zweifel aufkommen, ob er für das Cockpit reif war. Als er dann in zwölf Rennen meilenweit hinter Verstappen blieb und zweimal sogar überrundet wurde, zog Red Bull bereits in der Sommerpause die Notbremse und degradierte ihn wieder zu Toro Rosso.

Gasly stand 2019 mit Toro Rosso das erste Mal auf dem Podium, Foto: Red Bull
Gasly stand 2019 mit Toro Rosso das erste Mal auf dem Podium, Foto: Red Bull

Ein Aus, das sich langfristig als Segen für ihn erwies, denn in der Folge erhielt der Franzose ausreichend Zeit, um sich beim Nachwuchsteam der Bullen in Faenza zu rehabilitieren. Teamkollegen wie der bereits drei Jahre zuvor im Topteam aussortierte Daniil Kvyat und anschließend der damalige Rookie Yuki Tsunoda sahen kein Land gegen ihn. Im zweiten Bildungsweg fuhr sich Gasly so in die Interessensphären anderer Teams.

Da er bei den Bullen nie für eine zweite Chance vorgesehen war, machte es nur Sinn, dass sie sich für einen echten F1-Neueinsteiger von ihm trennten. Trotz laufenden Vertrags ließ man ihn zu Alpine ziehen. In Enstone etablierte er sich seitdem als Idealbesetzung, über zwei Jahre an der Seite seines Landsmannes Esteban Ocon war er insgesamt der bessere Fahrer, gegen Rookie Jack Doohan erfüllte er sowieso die Rolle als Teamleader. Auch Franco Colapinto musste sich 2025 hinter ihm anstellen, Gasly war der alleinige Punktesammler für Alpine in dieser Saison. Seinen Vertrag mit dem französischen Rennstall verlängerte er im September bis 2028.

Im Junior-Team:2014 – 2017
In der Formel 1:2017 – 2018 (Toro Rosso)
2019 (Red Bull)
2019 – 2022 (Toro Rosso / AlphaTauri)
2023 – heute (Alpine)
Grund für Trennung:Keine Perspektive bei Red Bull
Das macht er heute:F1-Fahrer für Alpine

Die Geretteten: Alexander Albon

Alex Albon wurde bei Red Bull mit eineinhalb Jahren zwar deutlich mehr Zeit zugestanden als seinem Vorgänger. Seine Leistungen im zweiten Cockpit neben Verstappen waren aber nur marginal besser als jene von Gasly, wobei man dem Thailänder zugutehalten kann, dass er es mit einer halben Saison deutlich weniger Vorbereitungszeit erhalten hatte als der Franzose. Zwei Podien – allesamt mit Schützenhilfe in Form von Ausfällen – waren die Höhepunkte seines Schaffens im Topteam, ehe er im Dezember 2020 durch Sergio Perez abgelöst wurde.

Im Gegensatz zu Pierre Gasly kam er aber nach dem Ende seiner Milton-Keynes-Laufbahn nicht in den Genuss eines direkten Auffangnetzes in Form eines Stammfahrer-Cockpits. Diese waren alle schon vergeben. Stattdessen ging es für den Thai-Briten auf die Ersatzbank und er fungierte eine Saison lang als Reservepilot für die Bullen. Sein bedeutendster Auftritt 2021: Ein Filmtag nach dem Großbritannien-GP in Silverstone, bei dem er unter anderem Beweismaterial für das 'Right of Review' nach dem Unfall von Verstappen und Hamilton sammelte. Für 2022 klopfte Williams an. In Grove hatte er mit Nicholas Latifi und später Logan Sargeant leichtes Spiel und konnte sich gegen die beiden Nordamerikaner, die sich als nicht-Formel-1-tauglich erwiesen, als klarer Teamleader profilieren.

Damit rehabilitierte sich Albon nicht nur, sondern wurde zwischenzeitlich sogar mit höheren Aufgaben in Verbindung gebracht, wie etwa einer Rückkehr zu den Bullen oder sogar dem Mercedes-Cockpit als Nachfolger von Lewis Hamilton. Diese Gerüchte entpuppten sich als Strohfeuer, stattdessen verlängerte Albon 2024 bei Williams. Aber sie beweisen, wie viel Anerkennung er als Teamleader bei Williams einstrich. Nachdem er in den ersten Rennen der F1-Saison 2025 sogar Carlos Sainz im Griff hatte, sackte er in der zweiten Saisonhälfte ab. Während sein neuer Teamkollege zwei Podien holte, blieb Albon nach Zandvoort größtenteils punktelos. Sein starker Saisonstart hielt ihn in der WM-Wertung aber über Sainz.

Im Junior-Team:2012
In der Formel 1:2019 (Toro Rosso)
2019 – 2020 (Red Bull)
2022 – heute (Williams)
Grund für Trennung:Mangelnde Performance
Das macht er heute:F1-Fahrer für Williams

Die Flüchtlinge: Daniel Ricciardo

"Als ich zu Red Bull kam, dachten alle: Das ist nur der fröhliche, nette Typ. Er ist schnell, aber er kann nicht mit den Top-Fahrern mithalten. Diesen Ruf musste ich erst einmal loswerden." Daniel Ricciardos Jahre bei Red Bull glichen einer Achterbahnfahrt mit vielen Höhen und noch mehr Tiefen. Mit dem Titelgewinn in der britischen Formel 3 tauchte der fröhliche Lockenkopf aus Down Under auf dem Radar von Red Bull auf und erhielt prompt einen Platz im Juniorkader. Nach zwei Jahren bei Toro Rosso, in denen er respektable Leistungen zeigte, folgte der Aufstieg ins Weltmeisterteam und ins Scheinwerferlicht.

Mit seinem breiten Lächeln und seiner guten Laune eroberte er das Herz der Fans im Sturm, auch bei seinen Fahrerkollegen und den Journalisten stand er hoch im Kurs. Eine Seltenheit in der Formel 1! Auf der Strecke lieferte er eine starke Debütsaison mit Siegen in Kanada, Ungarn und Belgien ab. Sein Red-Bull-Teamkollege und vierfacher Champion Sebastian Vettel biss sich die Zähne an ihm aus, wobei fairerweise gesagt werden muss, dass Vettel in der Saison 2014 oftmals vom Technik-Pech verfolgt wurde. Gerade noch als neuer Shooting-Star am F1-Himmel gefeiert, folgte im Jahr darauf der Absturz in die harte Realität des Motorsports. Der Renault-Motor im RB11 war zu schlecht, um gegen Mercedes und Ferrari kämpfen zu können. Siege waren ein Ding der Möglichkeit.

2016 kam ein weiteres Problem hinzu: ein aufstrebendes Talent namens Max Verstappen. Ricciardo gelang es zwar in der gemeinsamen Zeit immer wieder mit seiner Performance aufzublitzen, doch je mehr Rennen vergingen, desto tiefer rutschte er in die Rolle des Nummer-2-Fahrers ab. Den Ausweg aus der Misere sah Ricciardo im Wechsel zu Renault. Ein Fehler, wie sich schnell herausstellte. Nach einem kurzen Intermezzo bei den Franzosen, heuerte der Australier bei McLaren an – nur um 2023 reumütig als Testfahrer zu Red Bull zurückzukehren.

Das Team gab dem F1-Veteranen eine zweite Chance und setzte ihn beim Ungarn GP für den gefeuerten Nyck de Vries in den AlphaTauri AT04. Nur ein Jahr später traf ihn selbst dieses Schicksal. Nach dem Großen Preis von Singapur 2024 musste Ricciardo sein Cockpit bei Visa Cash App RB – vormals AlphaTauri – für Liam Lawson räumen. Damit war das Kapitel Formel 1 für den "Honey Badger" beendet.

Im Junior-Team:2008 – 2011
In der Formel 1:2012 – 2013 (Toro Rosso)
2014 – 2018 (Red Bull Racing)
2023 – 2024 (AlphaTauri bzw. VISA Cash App)
Grund für Trennung:Fehlender Speed
Das macht er heute:Kein Interesse an Motorsport, eigene Lifestyle Brand "Enchanté", Ford-Markenbotschafter
Carlos Sainz und Daniel Ricciardo
Daniel Ricciardo und Carlos Sainz 2010, Foto: IMAGO / Crash Media Group

Die Flüchtlinge: Carlos Sainz

Red-Bull-Motorsportchef Dr. Helmut Marko forderte von ihm nicht weniger als den Titel und Carlos Sainz lieferte ab. 2014 gewann er als damals jüngster Fahrer der Geschichte die World Series by Renault 3.5. Kurz darauf saß der 20-jährige Spanier im Toro-Rosso-Cockpit und bildete mit dem 18-jährigen Max Verstappen eine der jüngsten Fahrerpaarungen in der Formel-1-Historie. Schnell wurde den beiden Talenten eine Rivalität nachgesagt, die, wie Sainz Jahre später erklärte, bewusst vom Team geschürt wurde. "Bei Toro Rosso stecken sie dich in ein Team und sagen: Kämpft gegeneinander, dann sehen wir, wer der Beste ist und wer zu Red Bull aufsteigt. Das ist der Grund, warum Toro Rosso existiert. Man fährt dort nicht gemeinsam für die Teamwertung, sonst würde sich das Verhalten der beiden Piloten komplett ändern."

Red Bull hatte schnell seinen Favoriten gefunden: Vor dem Großen Preis von Spanien 2016 wurde Verstappen ins Weltmeisterteam befördert. Sainz blieb bei Toro Rosso zurück und realisierte recht bald, dass es für ihn mittelfristig keinen Platz bei Red Bull Racing gab. Frustriert von der Situation beging der Spanier einen schwerwiegenden Fehler – er liebäugelte öffentlich mit anderen Teams. Als Sainz dann ausgerechnet beim Heimrennen des Rennstalls in Österreich gegenüber Journalisten erwähnte, auf keinen Fall eine vierte Saison bei Toro Rosso fahren zu wollen, platzte Dr. Marko der Kragen. "In Österreich sagen wir – du beißt nicht die Hand, die dich füttert. Es waren Didi Mateschitz und ich, die Sainz in einen Toro Rosso gehievt haben. Niemand sonst hätte ihm eine solche Chance gegeben."

Marko ging zwar bekanntlich nicht zimperlich mit den Nachwuchsfahrern um, doch dieser Schlag gegen Sainz saß. Trotz gegenteiliger Aussagen seitens des Teams und Fahrer war klar: Die Zeit des Madrilenen bei Red Bull war abgelaufen. Mit einem genialen Schachzug wurde Sainz von Red Bull an Renault ausgeliehen, die ebenfalls ihren Stammfahrer Jolyon Palmer loswerden wollten. Nach zwei Jahren bei Renault, ging es für Sainz weiter zu McLaren, Ferrari und aktuell Williams. Eine Rückkehr zu Red Bull kam nicht mehr in Frage, selbst als Sainz nach seinem Ferrari-Aus auf der Suche war und bei Red Bull der Platz von Sergio Pérez mehr als wackelte. Da wären wir wieder bei Markos Aussage: Du beißt nicht die Hand, die dich füttert.

Im Junior-Team:2010 – 2014
In der Formel 1:2015 – 2017 (Toro Rosso)
Grund für Trennung: Liebäugelte öffentlich mit anderen Teams
Das macht er heute:F1-Fahrer für Williams

Die Geförderten

81 Piloten aus 25 verschiedenen Ländern durchliefen zwischen 2001 und 2002 das Red-Bull-Nachwuchsprogramm. Nur wenigen Fahrern gelang der Sprung in die Formel 1. Der Erste war Christian Klien. Das österreichische Talent weckte natürlich die Begeisterung bei der in Fuschl am See ansässigen Red-Bull-Führung. Im Eiltempo wurde Klien durch die Nachwuchskategorien geführt und stieg 2004 nach einem einzigen Titel in der deutschen Formel Renault in die Königsklasse auf. 2005 übernahm Red Bull das Jaguar-Team und auch Klien als Fahrer. Allerdings musste der Österreicher eine bittere Pille schlucken: Er musste sein Cockpit mit Vitantonio Liuzzi teilen. 2006 sollte seine erste komplette Saison im Red-Bull-Cockpit werden, doch ihn ereilte dasselbe Schicksal wie so viele Red-Bull-Junioren: Er musste seinen Platz drei Rennen vor Saisonende räumen.

Christian Klien war von Anfang an bei Red Bull und ist heute bei ServusTV, Foto: xpb.cc
Christian Klien war von Anfang an bei Red Bull und ist heute bei ServusTV, Foto: xpb.cc

Zur gleichen Zeit betrat mit Patrick Friesacher ein weiterer österreichischer Hoffnungsträger die Formel-1-Bühne. Interessant: Friesacher wurde vor seinem Aufstieg in die Formel 1 aus dem Juniorkader aussortiert. Der damals 21-Jährige fuhr in der Formel 3000 für den Rennstall von Dr. Helmut Marko und wurde Ende 2003 vor die Wahl gestellt: Wechsel in die Formel Nippon oder das Aus. Friesacher entschied sich für Letzteres und setzte auf eigene Sponsorengelder. Nach einem weiteren Jahr in der F3000 saß er im Jahr 2005 in einem Formel-1-Cockpit. Friesacher bestritt mit Minardi elf Rennen. Als ihm das Geld ausging, wurde er ersetzt.

Trotz seines berühmten Nachnamens und der Unterstützung durch Red Bull sollte Mathias Lauda der Sprung in die Königsklasse nicht gelingen. Nach mäßigen Ergebnissen u.a. in der Formel Nissan lenkte Lauda ab 2006 seinen Fokus auf die DTM. Michael Ammermüller erwischte es besonders hart. Der damals 20-jährige Deutsche hatte in seiner Rolle als Testfahrer bereits einen Fuß in der Tür, als alles anders kam. Die Chance tat sich 2007 auf, als Toro Rosso einen Ersatz für Scott Speed suchte. Doch Ammermüller war verletzt, entsprechend musste ein Plan B her. Dieser Plan B hieß Sebastian Vettel. Der Rest ist Geschichte.

Dieser Artikel stammt aus der 102. Printausgabe des Motorsport-Magazins. Wer mehr exklusive Interviews und Hintergrundgeschichten wie diese lesen möchte, der kann sich hier ein Abo holen. Ein Ein-Jahres-Abo kann auch zu Weihnachten verschenkt werden – für Kurzentschlossene als Print@Home-Gutschein!