Im Paddock der MotoGP sind an allen Ecken und Enden Ex-Piloten der Meisterschaft zu finden. Das hat nicht nur damit zu tun, dass sie Fans des Sports sind. Sie können ihre Erfahrung auf viele Arten und Weisen einbringen. Ein fester Bestandteil eines jeden Teams ist mittlerweile etwa der 'Fahrlehrer', im Fachjargon 'Rider Coach' genannt. Unser MotoGP-Experte Tom Lüthi kann darüber ausführlich berichten, denn der Schweizer hilft dem Moto2-Spitzenteam von Intact GP derzeit äußerst erfolgreich in genau dieser Funktion.
"Grundsätzlich versucht man, die Wege zu verkürzen", beschreibt Lüthi seine Hauptaufgabe als Fahrer-Coach des deutschen Teams. Der Grund dafür liegt auf der Hand. "Man muss sich vorstellen, die ganzen Fahrer - wir haben in der Moto2 Senna Agius und Manuel Gonzalez - haben sehr wenig Tracktime. Sie sind wenig auf der Strecke. Das heißt natürlich, man hat auch wenig Zeit, um das Motorrad abzustimmen", führte unser Experte in der neuesten Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazins zum Spanien GP aus. Die gesamte Folge könnt ihr hier sehen:
Fahrer-Coach im Einsatz: Tom Lüthi als Späher für die Box
In erster Linie sind für das Setup natürlich Fahrer und Ingenieure verantwortlich: "Um ein Motorrad abzustimmen, ist das erste das Feedback vom Fahrer zum Crewchief. Das ist das Wichtigste. Danach gibt es die Daten, die runtergezogen werden vom Motorrad. Also das Datarecording wird angeschlossen. Dann sehen die ganzen Techniker die Daten, wie das Motorrad auf der Strecke funktioniert."
Doch Lüthi kann bei dieser Arbeit entscheidend mithelfen. "Ich bin zusätzlich auf der Strecke, auf der Service Road, noch einmal mit zwei Augen unterwegs und versuche mir das Ganze anzuschauen. Wenn der Fahrer noch auf der Strecke ist, sehe ich ab und zu schon mal, dass das Hinterrad pumpt oder in der einen Kurve geht der eine Fahrer immer weit. Das kann ich über Funk der Box melden: Bei Gonzalez pumpt das Hinterrad in Kurve 6 oder ähnliches. Dann wissen sie [das Team, Anm. d. Red.] bereits Bescheid", berichtet der Intact-GP-Coach.

Jede Minute Trainingszeit zählt: Crew dank Coach schon vor Fahrer-Feedback bereit
Genau dadurch kann dann die Arbeit beschleunigt werden, um die beschränkte Trainingszeit optimal zu ausnutzen: "Wenn der Fahrer reinkommt, kann man dann [den Prozess, Anm. d. Red.] ein bisschen abkürzen. Die Crew weiß schon Bescheid und vielleicht haben sie dann schon ein anderes Federbein vorbereitet oder welche Teile es auch immer braucht. Wenn der Fahrer dann - das ist der beste Fall - das bestätigt, also wenn sein Gefühl auf dem Motorrad mit meiner Beobachtung übereinstimmt, dann sind die Wege definitiv kürzer."

Dabei gilt das Augenmerk nicht nur den eigenen Fahrern. Auch die anderen Piloten können wichtige Informationen liefern: "Ich beobachte dann natürlich auch die Konkurrenten: Wer fährt wann, mit was? Es gibt auch andere technische Teile, zum Beispiel Verkleidungen, wo bei Kalex verschiedene Fahrer unterschiedliche Verkleidungen gefahren sind. Das sind Dinge, die ich beobachte und ich kann das beim Team oder beim Fahrer einbringen."
Tom Lüthis MotoGP-Fahrtipps in Jerez: Weg vom Kerb in Kurve 9 und 10!
Neben dieser Rolle als Beobachter gibt es aber auch die Funktion, an die Fans wohl als erstes beim Begriff 'Rider Coach' denken: Praktische Anweisungen und Tipps zur Fahrweise. Vom Spanien Grand Prix kann Lüthi ein konkretes Beispiel nennen: "In Jerez gibt es Kurve 9 und Kurve 10, das ist eine Doppelrechtskurve, da fährt man innen am Kerb, dann geht man raus, lässt sich raustragen auf den Kerb und dann wieder rein in den Kerb."
Hier finden die Piloten zwei Möglichkeiten vor: "Da gibt es auf der Außenseite die Variante: Man nimmt den Kerb mit, fährt raus, dann wieder rein auf die Strecke, ist ständig in Schräglage und dann in Kurve 10 wieder an der Innenseite. Dann gibt es auch die Linie, bei der man nur bis an die weiße Linie ranfährt und nicht bis auf den Kerb."

Der Vorteil von letzterer Linienwahl hat dann seinen Teil zum Intact-Doppelsieg am Rennsonntag beigetragen: "Das sind so kleine Dinge auf sehr hohem Level, die den Unterschied machen können. Wenn man auf die Kerbs fährt und dann wieder zurück auf die Strecke, kann das eine kleine Bewegung ins Motorrad reinbringen, was dann zu Problemen am Vorderrad führt. Weniger Speed aus Kurve 10 bringt dann auch weniger Speed die ganze Gerade herunter bis Kurve 11. Solche Sachen versuche ich dann abzuschätzen mit dem Fahrer und bespreche das dann auch. Ich sage ihm: Probiere doch mal da innen an der Linie zu bleiben und fahr nicht raus auf die Kerbs."
Mentale Stärke bei Intacts-Moto2-Duo: Lüthi schielt mehr auf die Konkurrenz
Und dann gibt es da noch das Thema des Kopfes. Doch dort muss sich Lüthi bei seinen beiden aktuellen Schützlingen keine Sorgen machen: "Es gibt natürlich mentales Training. Sportpsychologie gehört genauso wie das körperliche Training zum Alltag eines Rennfahrers. Aber ich bin da eigentlich im mentalen Bereich nicht groß mit meinen Fahrern am Arbeiten. Die sind wirklich beide auf sehr hohem Niveau unterwegs. Das ist Top-Level, sie führen die Meisterschaft gerade an. Da muss man dann nicht die Basics besprechen. Das wird von ihnen sowieso erledigt. Das haben sie zu Hause alles im Griff."

Vielmehr geht es darum, in sich in den Köpfen der Konkurrenz einzunisten. Darauf weist der Fahrer-Coach dann sehr wohl hin: "Es sind eher taktisch-psychologische Sachen, die wir ansprechen. Du musst im Training als Erster rausfahren und den anderen schon mal etwas zeigen. Den Hammer fallen lassen und sofort die schnellste Runde drehen. Versuch das, dann hast du den psychologischen Vorteil gegenüber den anderen." Es gibt also viele Aspekte der Arbeit eines Fahrer-Coaches. Am Ende müssen es aber natürlich immer die Fahrer richten. Manu Gonzalez und Senna Agius machen dies derzeit exzellent, auch der Unterstützung von Tom Lüthi.
Speziell für Gonzalez scheint es aktuell aber dennoch keinen Weg in die MotoGP zu geben, Interesse an seiner Person ist Mangelware. Unser Markus begab sich auf Spurensuche:



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