1. Wer war schuld am Bortoleto-Aus?
Gabriel Bortoleto würde seinen ersten Heim-GP in der Formel 1 am liebsten vergessen. Nach dem schlimmen Sprint-Unfall und der dadurch verpassten Qualifikation schaffte er im Rennen nicht einmal eine Runde. Eine leichte Berührung mit Lance Stroll katapultierte ihn in die Streckenbegrenzung. Bortoleto nahm es sportlich: "Ich gebe niemandem die Schuld dafür, es war ein Rennunfall in der Startrunde."
Franco Colapinto, der dahinter einen Logenplatz auf den Unfall hatte, sah das anders: "Stroll schießt immer Leute ab. Er schaut nicht in die Spiegel!" Die Stewards sahen es eher wie Bortoleto: Rennunfall.
2. War Oscar Piastri wirklich allein schuld am Unfall?
Nach dem Bortoleto-Unfall kam das Safety Car. Beim Restart am Ende von Runde 5 kam es zur Szene des Rennens: Als Lando Norris das Tempo an der Spitze anzog, war Kimi Antonelli auf einer feuchten Stelle und hatte Traktionsprobleme. Dadurch kam der Mercedes-Pilot in Kurve 1 in Bedrängnis. Oscar Piastri versuchte es innen, Charles Leclerc außen. Piastri und Antonelli berührten sich, der Mercedes-Pilot wurde dadurch in Leclerc gestoßen, dessen Rennen damit beendet war.
Die Stewards sahen in Piastri den alleinig Schuldigen und brummten ihm 10 Sekunden auf. Sie legten die Driving Guidelines zugrunde und argumentierten damit, dass der McLaren-Pilot zu weit hinten war, als er das Manöver begann. Im Fahrerlager gibt es durchaus andere Meinung. Die meisten geben Antonelli eine Teilschuld, weil Leclerc außen noch weit genug weg war.
"Mein Vorderrad hat blockiert, aber ich hatte kein Untersteuern. Ich hatte das Auto noch unter Kontrolle und bin komplett innen auf meiner Linie geblieben", versichert Piastri und klagt: "Ich kann mich aber nicht in Luft auflösen." Ähnlich sieht es auch Leclerc: "Oscar war vielleicht etwas optimistisch, aber Kimi ist gefahren, als wäre Oscar nicht da. Er ist genauso schuld."
3. Hatte Antonelli nach dem Unfall keinen Schaden?
Antonelli bekam links einen Stoß von Piastri und rechts von Leclerc. Vor allem der Zusammenstoß mit dem Monegassen war heftig, am Ferrari brach die Vorderradaufhängung. Antonelli aber konnte weiterfahren. "Ich hatte Glück, dass ich nur geringfügigen Schaden am Auto hatte. Das Lenkrad war nicht mehr ganz gerade, aber ansonsten bin ich gut davongekommen", so Antonelli.
4. Warum musste Lewis Hamilton aufgeben?
Ferrari erlebte in Brasilien ein Debakel. Charles Leclerc und Lewis Hamilton schieden aus, die Scuderia rutschte in der Konstrukteurs-WM von Platz 2 auf Platz 4 zurück. Leclerc fiel nach der der kontroversen Szene mit Oscar Piastri und Kimi Antonelli aus, aber Hamilton? Der Rekordsieger der Formel 1 stellte seinen Ferrari in Runde 37 in der Garage ab.
Hamilton hatte sich zuvor mehrfach über ein unfahrbares Auto beschwert. "Er hat durch einen Schaden viel Abtrieb verloren", erklärte Teamchef Fred Vasseur. Der Brite lag zum Zeitpunkt der Aufgabe auf dem letzten Platz. Ob eine leichte Kollision mit Carlos Sainz am Start oder eine größere Kollision mit Franco Colapinto am Ende von Runde 1 Ursache für den Schaden war, ist unklar.
5. Wofür wurde Lewis Hamilton bestraft?
Die Kollision mit Colapinto hatte nicht nur zur Folge, dass Hamilton an die Box kommen und Frontflügel wechseln musste. Der Zwischenfall landete auf dem Schreibtisch der Stewards. Hamilton bekam fünf Sekunden aufgebrummt, weil er alleine schuld am Unfall war. Hamilton kam mit Überschuss aus der letzten Kurve und touchierte auf der Start- und Zielgeraden Colapintos Heck. Weil der Alpine-Pilot keinerlei Konsequenzen von der Berührung davontrug, beließen es die Formel-1-Richter bei fünf Sekunden. Die Strafe saß er vor der Aufgabe noch ab.
Die Berührung hatte zwar keine Folgen für Colapinto, dafür aber für Max Verstappen und Esteban Ocon. Beide fuhren mit voller Geschwindigkeit hinter dem Duo durch die Trümmerteile. Verstappen und Ocon holten sich dabei schleichende Plattfüße und mussten anschließend zum Reifenwechsel.
6. Warum war Verstappen so schnell?
Nach Platz 16 im Qualifying baute Red Bull Max Verstappens RB21 um. Weil man sich zwischen Sprint und Qualifying beim Setup verzettelt hatte, brach man zwischen Qualifying und Grand Prix die Parc-ferme-Regeln. Deshalb musste der Weltmeister aus der Boxengasse hinterherfahren. Das neue Setup funktionierte aber. "Das Auto hat endlich reagiert", freute sich Verstappen. Ein komplett frischer Honda-Motor dürfte ein paar Extra-PS gebracht haben.
Dazu kamen andere Bedingungen, die Red Bull entgegenkamen: Bei Rennstart hatte es nur 16 Grad Celsius, rund 10 Grad weniger als bei der Qualifikation. Die Asphalttemperatur lag mit knapp 30 Grad sogar um 15 Grad unter dem Wert des Vortages. Außerdem hatte Verstappen reichlich frische Reifen, die er sich teils im Training, teils durch das Ausscheiden im Q1 aufgespart hatte.
7. Wie viel kostete Verstappen der Reifenschaden?
Aus der Pitlane aufs Podium – die Aufholjagd kann sich sehen lassen. Dabei hatte Verstappen sogar noch einen schleichenden Plattfuß durch den Hamilton/Colapinto-Zwischenfall. In Runde 7 musste er außerplanmäßig an die Box. Weil VSC-Bedingungen herrschten, verlor er nicht ganz so viel Zeit. Außerdem wurde er so die harten Reifen früh wieder los und konnte einen Großteil des Rennens auf Medium fahren. Bei Teamkollege Yuki Tsunoda wechselte Red Bull in der Safety-Car-Phase zuvor freiwillig auf diese Strategie. Deshalb lässt sich nicht genau sagen, wie viel Zeit er durch den Plattfuß wirklich verlor.
8. War Verstappens letzter Stopp nötig?
Als Lando Norris in Runde 50 zum letzten Mal stoppte, übernahm Max Verstappen die Führung. Für kurze Zeit bahnte sich eine Sensation an. In Runde 54 kam Verstappen aber zu seinem dritten Stopp. War der finale Reifenwechsel wirklich nötig? 7,0 Sekunden trennten Verstappen und Norris in Runde 53. Der McLaren-Pilot fuhr auf frischeren Reifen knapp eine halbe Sekunde schneller als der Weltmeister.
Mit diesem Tempo wäre Norris rund acht Runden vor Rennende direkt dran gewesen. Wie es ausgegangen wäre? Unmöglich zu sagen. Das Reifen-Delta war aber kleiner, als es scheint. Verstappen war zwar schon in Runde 34 beim Stopp, doch er holte sich dabei frische Mediums ab. Norris hingegen holte sich in Runde 50 hingegen Mediums ab, die bereits neun Runden auf dem Buckel hatten.
"Ich glaube nicht, dass wir gewinnen hätten können", verteidigte Red Bulls Laurent Mekies später die Strategie seines Teams. "Ich hatte gehofft, dass er noch reinkommt", gesteht sein Gegenüber von McLaren. Andrea Stella erkennt aber an: "Der Reifenabbau war stark. Und sie hatten noch einen frischen Soft-Reifen. Ich glaube, es war richtig." Verstappen fiel durch den Stopp auf Rang vier zurück, konnte aber George Russell überholen und wurde so Dritter. Wo er ohne den Stopp gelandet wäre? "Wir werde es nie wissen", meint Mekies.
9. Wie kam Nico Hülkenberg wieder in die Punkte?
Platz neun für Nico Hülkenberg hört sich nicht spektakulär an – zumal der Sauber-Pilot von Startplatz zehn ins Rennen ging und mit Charles Leclerc auch noch ein Top-Pilot ausschied. Auf der anderen Seite kam Max Verstappen von hinten durchs Feld gepflügt. Doch tatsächlich hatte es Hülkenbergs Rennen in sich. In der Startphase fiel er auf Platz 13 hinter Fernando Alonso, Alexander Albon und Carlos Sainz zurück. Vor allem Albon wurde für ihn dabei zum Problem, weil der Williams-Pilot ebenfalls auf Medium-Reifen gestartet war.
So dauerte es bis Runde 34, ehe Hülkenberg an Albon vorbeiging. Der Thailänder wurde gleich noch einmal zum Ärgernis, indem er anschließend stoppte. Sauber musste in Runde 36 auf den Boxenstopp reagieren, um keinen Undercut zu kassieren. Sonst wäre man wohl noch etwas draußen geblieben, denn man wollte es mit einem einzigen Stopp schaffen. Das schaffte Hülkenberg auch so, allerdings musste er die Soft-Reifen ins Ziel tragen. 35 Runden fuhr er auf den weichen Pneus.
Fast wäre es für Hülkenberg sogar Platz 7 statt Platz 9 geworden. Denn Liam Lawson fuhr als einziger Pilot neben dem Deutschen ebenfalls auf einer Einstopp-Strategie. Lawson war auf Soft gestartet und wechselte bereits in Runde 19 auf Medium. Hülkenberg lief am Ende des Rennens auf ihn auf, konnte aber nicht überholen. Sein Topspeed reichte nicht aus. Der langsamere Lawson sorgte dafür, dass Hülkenberg von hinten Besuch von dessen Teamkollegen Isack Hadjar bekam, der auf frischen Reifen unterwegs war und Hülkenberg in der vorletzten Runde überholen konnte.
10. Warum gab es Stress zwischen den Racing Bulls?
Erstmals seit Baku holten die Racing Bulls wieder Punkte. Doch beinahe hätte es in der letzten Runde ein Desaster gegeben. Hadjar, der auf Platz 5 gestartet war, war mit seinem Rennen mehr als unzufrieden. Ein früher Boxenstopp hatte ihn in den Verkehr gebracht und der Franzose tat sich fahrerisch und mental schwer, damit umzugehen. Erst in der zweiten Rennhälfte konnte er seine Pace nutzen. Als er am Ende auf Teamkollege Lawson traf, wollte er sich Platz sieben holen. Lawson war zwei Plätze hinter ihm gestartet.
Die beiden berührten sich in der letzten Runde in Kurve 1. Wie durch ein Wunder blieben beide im Rennen. Hadjar hatte dadurch zwar einen schlechten Ausgang aus dem Senna S, konnte sich aber auf dem Weg in Richtung Kurve 4 gerade so gegen Hülkenberg verteidigen. Die Rennleitung notierte den Unfall zwischen den beiden Junior-Bullen, beließ es aber schließlich dabei.
11. Was lief bei Yuki Tsunoda alles schief?
Für Yuki Tsunoda wird es langsam zappenduster. Im Sprint führte er Red Bull auf eine falsche Setup-Fährte, die in Startplatz 16 für Max Verstappen resultierte. Tsunoda wurde in der Qualifikation sogar Letzter (Gabriel Bortoleto nahm gar nicht erst teil). Im Rennen lief es wenig besser für den Japaner: Red Bull schaltete beim Safety Car schnell und holte Tsunoda an die Box. Dadurch wurde er die harten Reifen los, ohne viel Zeit und Positionen zu verlieren.
Dann verbockte es Tsunoda selbst: Nach dem Restart drehte er Lance Stroll um und kassierte dafür eine 10-Sekundne-Strafe. "Ich habe die Berührung nicht einmal gemerkt", gab Tsunoda später zu Protokoll. Stroll und die Stewards hatten die Berührung sehr wohl zur Kenntnis genommen. Tsunoda verbremste sich so, dass er Stroll abschoss, obwohl der noch nicht einmal direkt vor ihm fuhr. Die Schuldfrage stellte sich erst gar nicht.
Beim Absitzen der Strafe beim Boxenstopp unterlief dem Mechaniker hinten links mit dem Schlagschrauber ein Fehler. Er wartete die Strafe nicht ab und begann sofort mit seiner Arbeit. Deshalb gab es noch einmal eine 10-Sekunden-Strafe beim nächsten Boxenstopp. In Summe beendete Tsunoda das Rennen dort, wo er es aufgenommen hatte: auf Platz 17.
12. Warum war Aston Martin pötzlich so schlecht?
Im Sprint-Qualifying landeten Fernando Alonso und Lance Stroll auf den Plätzen 5 und 7, im Sprint holte Alonso trotz Strategie-Pech Platz 6 und damit drei Punkte. Im Qualifying landeten Alonso und Stroll nur noch auf den Plätzen 11 und 14, im Grand Prix wurden daraus die Positionen 14 und 16 – obwohl es vor ihnen Ausfälle gab. "Wir wurden nicht schlechter, die anderen sind langsam gestartet", erklärte Alonso später. Der Routinier ist der festen Überzeugung, dass er und Aston Martin an Sprint-Wochenenden regelmäßig zeigen, wie gut vorbereitet man ist. Mit lediglich einem Training fällt das auf. Erst im Laufe des Wochenendes würde die Konkurrenz die Performance finden, so Alonso.
Im Rennen sah es besonders schlecht aus, weil Lance Stroll von Yuki Tsunoda umgedreht wurde und beide Aston-Martin-Piloten auf Offset-Strategien unterwegs waren. Alonso und Stroll fuhren lange Stints auf dem ungeliebten Hard. Das tat man nur, weil man wusste, mit der gleichen Strategie keine guten Chancen zu haben. Deshalb schnitt man noch etwas schlechter ab.
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