Formel 1 in Brasilien: Die Gewinner in Sao Paulo

Lando Norris
Auch auf die Gefahr hin, dass das wie eine Übertreibung klingt, aber dieses Wochenende könnte das wichtigste in der bisherigen Formel-1-Karriere von Lando Norris gewesen sein. Denn spätestens jetzt ist er der absolute Titelfavorit. Wir fassen zusammen: Aus einem Pünktchen Vorsprung hat er innerhalb von zwei Tagen und unter kräftiger Mithilfe seines Teamkollegen 24 gemacht. Und dann erst die Art und Weise, wie Norris im Moment fährt: Sprint-Qualifying: P1; Sprint: P1; Qualifying: P1; Rennen: P1. Sowas nennt sich Perfektion und diese zeigte er nicht nur in Sao Paulo, sondern schon in Mexiko. Was hat McLaren mit diesem Fahrer angestellt, der noch in den ersten Monaten dieser Formel-1-Saison für seine Fehleranfälligkeit bekannt war?

Max Verstappen
Es ist ein in der Formel 1 in den letzten Jahren oft zitiertes Dogma, dass man Max Verstappen nie abschreiben sollte. Aber sind wir mal ehrlich: Wer hätte nach dem schwachen Qualifying in einem grottig abgestimmten Red Bull damit gerechnet, dass Verstappen im Rennen wieder die Geister von 2024 aufleben lässt und so eine Aufholjagd hinlegt? Ganz ehrlich: Wir in der Redaktion taten es nicht. Doch der vierfache Formel-1-Weltmeister zeigt einfach immer wieder, zu welch außerirdischen Leistungen er fähig ist. Bitter für ihn bleibt trotzdem die Gewissheit, dass die WM nach diesem Grand-Prix-Wochenende so gut wie gelaufen ist.

Kimi Antonelli & Mercedes
Seit die Formel 1 in diesem Jahr Europa den Rücken gekehrt hat, läuft es bei Andrea Kimi Antonelli plötzlich wieder. Brasilien war der bisherige Höhepunkt seiner Achterbahn-Saison als Rookie. Einen Fahrer wie George Russell bügelt man nicht einfach mal so über ein gesamtes Wochenende. Antonelli war in Brasilien schlicht und ergreifend der schnellere Mercedes-Fahrer. Gleichzeitig hat auch das Team am Sonntag mit P2 und P4 einen Riesensatz in Richtung Konstukteurs-P2 gelandet, vor allem weil die Konkurrenz in Rot Federn ließ (dazu später mehr) und weist nun ein Guthaben von 30 Punkten auf.

Alpine
Es lebt! Endlich hat Alpine wieder Formel-1-Punkte eingefahren. Einen im Sprint, einen im Rennen, jeweils durch Pierre Gasly. In der Konstrukteurs-WM verpufft das natürlich ohne Effekt, denn zu weit ist die direkte Konkurrenz schon enteilt, aber darum geht es ja nicht. Die ersten Punkte seit dem Belgien-GP sind vor allem Balsam für die Moral der Truppe in Enstone und ihres Nummer-1-Fahrers. Das haben sie dringend gebraucht.

Rätsel um neuen Verstappen-Motor, WM für Piastri endgültig aus? (18:56 Min.)

Formel 1 in Brasilien: Die Verlierer in Sao Paulo

Oscar Piastri
Mittlerweile seit Monaten rätseln wir, was mit Oscar Piastri los ist. Was zunächst nach der Sommerpause als eine kleiner Schönheitsfehler in Form knapper Niederlagen gegen Lando Norris begann, ist inzwischen zu einer handfesten Krise ausgeartet. Schon das dritte Rennwochenende in Serie kam der Australier nicht einmal in die Nähe seines Titelrivalen und fand keine Antworten auf die bestechende Form von Norris. Und das, obwohl wir seine beiden erklärten 'Bogey-Strecken' inzwischen schon hinter uns gelassen haben.

McLaren-Teamchef Andrea Stella wird nicht müde zu betonen, dass es am Fahrstil seines erfahrungsärmeren Piloten liegt, dass dieser mit wenig Grip nicht so gut zurechtkommt. Selbst wenn das der einzige Grund ist: Wer so konsequent daran scheitert, eine einzelne Schwachstelle auszubessern, der hat sich dann eben auch den WM-Titel nicht verdient. Jetzt steht Las Vegas vor der Tür. Die Stadtstrecke ist für ihre niedrigen Grip-Verhältnisse berüchtigt. Sein aggressives Manöver in Kurve 1 im Brasilien-Rennen hat die Lage nicht besser gemacht, aber über die Strafe kann man geteilter Meinung sein. Sie war hart, steht jedoch in Einklang mit den Driving Guidelines der Formel 1.

Ferrari
Null Punkte. Beide Fahrer ausgeschieden und der größte WM-Konkurrent hat dick angeschrieben. Da braucht man nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, warum Ferrari einer der größten Verlierer dieses Formel-1-Rennens ist. Charles Leclerc war dabei einfach nur ein Opfer der unglücklichen Umstände am Restart. Für den Crash kann er am wenigsten, dennoch trug er die größten Konsequenzen davon. Lewis Hamilton auf der anderen Seite muss sich nach seinem Auffahr-Unfall gegen Franco Colapinto an die eigene Nase fassen - zumindest an das, was nachher an seinem Auto noch davon übrig war. Der Rekord-Weltmeister steckt derzeit in einem wahren Ferrari-Albtraum fest, so seine eigene Wortwahl.

Yuki Tsunoda
Ein 'guter' letzter Stint, der eineinhalb Zehntel schneller war als jener des zweitschnellsten Haas-Fahrers. Das ist nicht viel und doch ist es alles, was Yuki Tsunoda an Positivem von diesem Formel-1-Wochenende mitnehmen kann. Der Rest war eine ausgewachsene Katastrophe. Im Sprint und in beiden Qualifyings war seine Pace schwach und als sei das nicht genug, drehte er dann auch noch Lance Stroll um. Da war eigentlich schon alles vorbei. Auch wenn sein Reifenwechsler links hinten keinen Fehler beim Absitzen der Strafe gemacht hätte, es hätte keinen Punkte-Unterschiede mehr gemacht. Tsunoda ist am unteren Ende der Negativ-Spirale angekommen.

Gabriel Bortoleto
Die Formel-1-Fans in Brasilien haben Gabriel Bortoleto in Sao Paulo das ganze Wochenende hindurch mit Jubelchören bedacht und den ersten brasilianischen Vollzeit-Fahrer seit 2016 gefeiert wie einen ganz Nationalhelden. Wie so einer gefahren ist der Formel-2-Champion an diesem Wochenende aber nicht. Zuerst sein schwerer Unfall im Sprint. Dann die Kollision mit Lance Stroll im Rennen, die zu seinem nächsten Crash führte und für die er mindestens mitschuldig ist - eher sogar mehr. Ausgerechnet vor seinem Heimpublikum erwischte der ansonsten starke Sauber-Rookie sein bislang schlechtestes Formel-1-Wochenend. Im Übrigen ein auffälliger Trend: Bei allen Neueinsteigern ging es ihren Heim-GPs daneben oder zumindest bei jenen, die welche hatten.