Kimi Antonelli fährt in der Formel 1 wohl nur unter großem Stress aufs Podium: Bei seinem ersten Podestplatz in Kanada wurde er von Oscar Piastri gejagt, in Brasilien machte Max Verstappen in den letzten Runden mächtig Druck auf den Mercedes-Rookie. Nur 0,362 Sekunden trennten die beiden beim Überfahren der Ziellinie. Doch Antonelli hielt den vierfachen Weltmeister hinter sich und sicherte sich sein bisher bestes F1-Ergebnis.

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"Ich bin wirklich glücklich mit dem Resultat", freute sich der Rookie in der Pressekonferenz nach dem Rennen. "Aber es war viel zu stressig. Nachdem Max seinen letzten Boxenstopp machte und Bono [Peter Bonnington, Antonellis Renningenieur, Anm. d. Red.] mir den Abstand sagte, dachte ich: 'Oh.' Mehr kann ich jetzt nicht sagen, sonst bekomme ich eine Strafe", verkniff sich Antonelli ein Schimpfwort. "Ich wusste, dass ich in Gefahr kommen könnte."

Als Verstappen nach seinem dritten Reifenwechsel in Runde 55 aus der Box kam, trennten ihn auf P4 und Antonelli auf P2 nur neun Sekunden. Mit neuen Soft-Reifen hatte der amtierende Weltmeister einen großen Vorteil gegenüber dem Rookie auf über 10 Runden alten Medium-Reifen. Verstappen war teils sechs Zehntelsekunden schneller als der Mercedes-Pilot. Vier Runden vor der schwarz-weiß-karierten Flagge hatte sich der Red-Bull-Fahrer in den DRS-Bereich von Antonelli vorgearbeitet.

Antonelli hält Verstappen mit beschädigtem Auto auf

Jetzt musste sich Antonelli verteidigen. Doch so einfach war das nicht, denn sein W16 hatte beim Restart in Runde sechs einen Schlag abbekommen, als er zwischen Oscar Piastri und Charles Leclerc eingeklemmt wurde. "Ich hatte Glück, dass ich ohne große Schäden davongekommen bin, aber das Auto fühlte sich danach etwas komisch an. Das Lenkrad war nicht mehr komplett gerade", erklärte Antonelli. Die Stewards sahen ihn nicht in der Schuld, Leclerc hingegen schon – für ihn war der Rookie zu 50 Prozent für seinen Ausfall verantwortlich. Mehr dazu hier.

Um Verstappen hinter sich zu halten, musste Antonelli die Pace anziehen, doch ganz auf dem Level des Weltmeisters konnte er nicht fahren. Doch er nutzte aus, dass Verstappen in seiner aufgewirbelten Luft mit überhitzenden Reifen zu kämpfen hatte und hielt sich so erfolgreich vorne. "Mit diesen Autos ist es schwierig, jemandem hinterherzufahren, also habe ich versucht, das zu meinem Vorteil zu nutzen", verriet er.

Der Pokal für den zweiten Platz ist ein lohnender Abschluss für Antonellis stärkstes Formel-1-Wochenende. Durch die Bank belegte er den zweiten Platz und war schneller als sein Teamkollege George Russell. Nach einer schleppenden Europa-Saison stimmen die zuletzt guten Performances Antonelli positiv für die Zukunft. "So ein Wochenende willst du haben und das brauchen wir als Team auch. Ich freue mich schon auf die nächsten."

Kimi Antonelli bekommt eine Champagnerdusche von Max Verstappen
Auf dem Podium gab es für Antonelli eine Champagnerdusche von Verstappen, Foto: IMAGO / PsnewZ

Toto Wolff hält nach Antonelli-Erfolg Erwartungen niedrig

Großes Lob gab es von Mercedes-Teamchef Toto Wolff. "Es ist ein großartiges Resultat, seine Exekution über das ganze Wochenende hinweg war fehlerfrei. Die Verteidigung gegen Max am Ende war beeindruckend und ein Vorzeichen für das, was noch kommen wird. In den nächsten Rennen werden wir seine Entwicklung von einem Jungen zu einem Mann sehen", schwärmte er von seinem Rookie. Vor ein paar Wochen hörte sich das noch anders an: Nach Monza übte Wolff scharfe Kritik an seinem Junior-Fahrer.

Jetzt schlägt der Teamchef andere Töne an: "Ich hatte immer Vertrauen, dass er das nötige Selbstvertrauen wiederfindet. Wir haben erwartet, dass es in seinem ersten Jahr Höhen und Tiefen geben wird. Das war jetzt eine Höhe, es werden auch wieder schwierigere Zeiten kommen." Zu viel möchte er seinen Schützling nämlich nicht loben, denn das erhöht auch die Erwartungen an Antonelli. Zu hohe Erwartungen seien das Hauptproblem während seines Sommer-Durchhängers gewesen.

"Die italienischen Medien haben nach Montreal oder der Miami-Pole vom legendären Kimi Antonelli gesprochen, das ist zusätzlicher Druck. Auf vielen europäischen Strecken hatte er in der Vergangenheit gute Resultate, aber dann war er plötzlich im Nachteil", erklärte der Mercedes-Boss. Deshalb sei Antonelli in Interlagos, einer Strecke, auf der er noch keine Erfahrung hatte, befreiter gewesen. Darum lautet Wolffs Devise: "Füße am Boden halten."

Kimi Antonelli feiert sein Brasilien-Podium mit brasilianischen Fans
Antonelli feierte nach seinem Erfolg noch mit den brasilianischen Fans, Foto: IMAGO / PsnewZ

Oscar Piastri hätte Kimi Antonelli fast das Rennen gekostet – zeigt dafür aber keine Reue. So rechtfertigt der McLaren-Pilot sein Manöver: