"Es war ein sehr intensiver Tag", lautete Kimi Antonellis Resümee nach dem Qualifying in Melbourne. "Intensiv" ist eine rege Untertreibung. Der Mercedes-Junior erlebte wohl einen der stressigsten Tage seiner noch jungen Formel-1-Karriere, angefangen mit einem Horror-Crash über eine Strafuntersuchung bis hin zu einem Platz in der ersten Startreihe mit mächtig Vorsprung auf die Konkurrenz. Dabei war es beim Beginn des Qualifyings noch nicht sicher, ob er überhaupt teilnehmen konnte.
Antonellis Odyssee startete im dritten Freien Training. Zehn Minuten vor Ende setzte er zu einer Qualifying-Simulation an, weit kam er aber nicht. In Kurve zwei überfuhr er die Kerbs und verlor dadurch kurzzeitig die Bodenhaftung. Schlagartig brach sein Heck aus und er drehte sich über den Asphalt. Zuerst schlug sein W17 seitlich heftig in die rechte Tecpro-Barriere ein, dann schlitterte er über die Strecke und krachte mit dem Heck in die linke Streckenbegrenzung.
Antonelli blieb unverletzt, sein Mercedes W17 befand sich aber in einem denkbar schlechten Zustand: Die linke Vorder- und Hinterachse waren zerfetzt, der Frontflügel lag in Trümmern, der Heckflügel und ein Reifen blieben auf der Strecke zurück. Toto Wolffs geschmerzter Gesichtsausdruck auf den TV-Bildern sprach allen Zusehern aus der Seele. Antonelli behielt seinen Helm noch lange nach der Rückkehr in die Garage auf.
Verstappen-Crash hilft Antonelli bei Qualifying-Teilnahme
Der Crash hätte nicht zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen können, denn das FP3 wurde bereits mit Verspätung gestartet. Ergo: Die Mechaniker hatten gerade einmal zwei Stunden, um die Schäden bis zum Start des Qualifyings zu reparieren. Antonellis Antritt galt als schier unmöglich. Doch die Mechaniker der Silberpfeile legten den Turbogang ein.
Als um 06:00 Uhr mitteleuropäischer Zeit die Uhr fürs Qualifying startete, war der W17 fast einsatzfähig – Betonung auf fast. Acht Minuten vor Q1-Ende war Antonelli noch immer nicht im Auto. Die Erlösung, zumindest aus Mercedes-Sicht, kam in Form von Max Verstappen. Der crashte an fast der gleichen Stelle wie Antonelli im FP3 und löste eine rote Flagge aus. Die paar extra Minuten waren genau das, was die Silberpfeile brauchten. Als die Strecke wieder freigegeben wurde, konnte Antonelli aus der Box fahren.
"Ich war so nervös und gestresst während der Session. Es war so schwierig, weil wir kein Setup am Auto machen konnten. Wir sind einfach aus der Garage gefahren", schilderte Antonelli. Seine Runde reichte im Q1 dennoch für Platz sechs. Im zweiten Qualifying-Segment schaffte er es schon auf Platz drei, im finalen Shootout wurde es um ihn und das Team wieder spannend.
Kühlgebläse vergessen: Mercedes muss für Fehler blechen
Als Antonelli im Q3 zum ersten Mal aus der Box fuhr, passierte seiner Boxencrew ein blöder Fehler: Sie vergaßen die externen Kühlgebläse in den Seitenkästen. In der ersten Schikane verabschiedeten sich die zwei Plastikteile von selbst. Das eine landete im Kies, das andere auf der Rennlinie. Der hinterherfahrende Lando Norris fuhr direkt drüber und sorgte für eine Explosion von Kleinmist und Schäden an seinem Frontflügel. Die Rennleitung musste einschreiten. Weil Mercedes Antonelli in einer unsicheren Kondition aus der Box ließ, wurden sie mit einer Geldstrafe von 7,500 Euro abgestraft.
Als wäre das alles nicht schon genug Drama für einen Tag gewesen, verbremste sich Antonelli auch noch auf seinem ersten schnellen Versuch in Kurve drei und musste den langen Weg durchs Kiesbett fahren. "Ich habe mich damit selbst unter mehr Druck gesetzt. Ich habe dann einfach versucht, eine saubere Runde zu fahren", so Antonelli. Seine letzte gezeitete Runde brachte ihm schließlich Platz zwei ein, drei Zehntel hinter George Russell und eine halbe Sekunde vor Isack Hadjar auf P3.
Nach diesem Wechselbad der Gefühle freut sich Antonelli schon aufs morgige Rennen. Anstatt seiner eigenen Top-Leistung lobt er nach dem Qualifying sein Team: "Die Mechaniker waren die heutigen Helden. Ein großes Dankeschön an sie, sie haben es mir ermöglicht, wieder auf die Strecke zu können. Und wir haben es in die erste Startreihe geschafft. Danke."
Auch Gabriel Bortoleto schaffte es ins Q3. Doch Audi blickt weniger positiv auf das Rennen. Nico Hülkenberg ist sich sicher: Das Rennen wird ein Überlebenskampf!



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