In der Formel 1 brodelt es beim Saisonstart in Australien. Erst recht nachdem das erste Qualifying des Jahres zu einem Schaulaufen von Mercedes wurde und die Konkurrenz weit abgeschlagen war. Der Funken zum Widerstand zahlreicher Fahrer gegen das neue Reglement wurde schon bei den Testfahrten in Bahrain gelegt, als Max Verstappen scharf gegen die 'Formel E auf Steroiden" geschossen hatte, in Australien setzt sich nun die Kritikwelle nahtlos fort.

Bei dem üblichen Formel-1-Fahrermeeting am Freitagabend sollen die Wogen hoch gegangen sein, wie durchgesickert ist. Stein des Anstoßes ist nach der Kritik an der extremen Energiespar-Notwendigkeit der aktuellen Boliden nun auch der Sicherheitsaspekt in Bezug auf den Straightline-Modus. Also die flache Flügeleinstellung auf den Geraden. In Australien geriet dabei die kurvige Vollgas-Passage zwischen Turn 6 und Turn 9 in den Fokus, die als SM-Zone ausgewiesen ist.

Ein kurzfristiger Vorstoß der FIA, dort den Klappmechanismus vor dem Samstag doch noch zu deaktivieren, wurde von den Topteams blockiert. "Mit dem Straightline-Modus hatte ich [im Training] ein bisschen Untersteuern und krachte fast in einen Ferrari", berichtete etwa Audi-Fahrer Gabriel Bortoleto.

Er verwarf den Gedanken allerdings in aller Deutlichkeit, dass er im Fahrerbriefing einer der Hauptkritiker gewesen sei. "Es gab Leute, die sich viel härter dafür eingesetzt haben als ich", stellte er klar. "Fünfmal so viel" bezifferte er den Einsatz jener Fahrer, die er namentlich nicht nennen wollte.

Nächste Runde in der Formel-1-Regelkritik: Geben ein Pflaster auf das nächste

Doch auch wenn die jüngsten Diskussionen diese spezifische SM-Zone zum Ziel hatten, löst sich in ihr wieder die allgemeine Kritik an der aktuellen Fahrzeug- und Regelgeneration. Carlos Sainz, der in der GPDA den Vorsitz hält, meinte: "Es ist klar, dass niemand glücklich damit ist. Es fühlt sich so an, als ob man ein Pflaster auf das nächste gibt, um es auszusortieren."

"Das fundamentale Problem ist diese 50/50-Hybridverteilung und diese bereitet uns viele Kopfschmerzen", so der Williams-Pilot. Damit spielt er auf die Verteilung der Motorleistung an, die zu 50 Prozent über den herkömmlichen Verbrenner und zu 50 Prozent über die Elektroleistung generiert wird.

Lando Norris, der bei den Tests für Verwirrung gesorgt hatte, indem er sich zunächst positiv zu den Regeln geäußert hatte und dann diese Wortmeldung zurückzog, ist inzwischen auch unmissverständlich im Lager der Widerständler angekommen. "Wir wissen alle, was die Probleme sind. Es ist der Umstand, dass diese 50/50-Verteilung einfach nicht funktioniert", sprach der amtierende Formel-1-Weltmeister nach dem Qualifying.

Norris kritisiert, dass er sich dabei im Cockpit nicht mehr wie ein Fahrer fühle, sondern eher wie ein Manager. "Um zu wissen, ob man am Ender der Geraden 20 Meter früher oder zehn Meter später bremsen muss, muss man alle drei Sekunden auf das Lenkrad schauen", beklagt er sich, "sonst landet man neben der Strecke." Diese erzwungene Ablenkung sei auch der Grund gewesen, warum er im Qualifying ein auf der Strecke liegendes Trümmerteil getroffen hat.

Lando Norris: Von den besten Formel-1-Autos zu den schlimmsten

"Wir sind von den besten Autos, die wir in der Formel 1 hatten, zu den schlimmsten gegangen", so die knallharte Analyse von Norris. Spaß habe er damit keinen und er lässt wissen, dass er damit alles andere als alleine ist. "Die Regeln haben sich geändert, weil das die Hersteller so wollten. Aber es gibt 20 verschiedene Fahrer, die sich darüber beschweren", behauptet Norris. Alle Formel-1-Piloten zählen demnach inzwischen zur Gegnerschaft der neuen Autos. Alle, außer die beiden Mercedes-Piloten, die sich gemessen an der Auftakt-Vorstellung in Australien beste Chancen ausmachen können, die WM in einem Sololauf zu dominieren.

Max Verstappen hat schon seit Jahren den Regelumschwung kritisiert. Er betonte in Melbourne: "Ich habe definitiv keinen Spaß mit den neuen Autos." Der Red-Bull-Fahrer, der in Q1 aufgrund eines komisch anmutenden Abflugs aus dem Qualifying gekegelt wurde, sieht seine Prognosen von vor dem Saisonstart bestätigt: "Jeder kann seiner Meinung sein, aber wenn man sich die Onboards anschaut, dann sieht man genug."

Mercedes alleine auf weiter Flur: Wer mag die neuen Regeln?

Wie üblich veröffentlichte die Königsklasse nach dem Qualifying die Aufnahme der Polerunde von George Russell. Auf dieser lässt sich erkennen, wie häufig und vor allem wie stark der Mercedes verlangsamt, um seine Batterie zu laden. Vor allem in der Highspeed-Passage von Kurve 9 und 10 war er weit vom Limit entfernt.

Doch daran stört sich der WM-Favorit kaum. Er hat nach wie vor – oder mehr denn je – Gefallen an den neuen Autos gefunden: "Sie sind agiler und man kann mit ihnen ein bisschen mehr rutschen", beginnt er, und führt aus: "Es ist einfacher, die Reifen zu blockieren und weit zu gehen oder das Heck etwas zu verlieren. Es fühlt sich mehr wie ein Go-Kart an, als letztes Jahr, als es sich wie ein hüpfender Bus angefühlt hat."

"Das damals hat keinen Spaß gemacht zu fahren", so der Vorsitzende der Fahrergewerkschaft GPDA. "Ich denke, es gibt viele verschiedene Ansichten zu dem neuen Reglement insgesamt, aber ich denke das Fahrzeug-Reglement ist definitiv ein Schritt nach vorne verglichen mit dem, was wir die letzten acht Jahre hatten." Wie die Mengenverteilung seiner Wahrnehmung nach aussieht, verrät Russell nicht.