Im Qualifying von Australien trat endgültig das ein, was die Formel 1 seit Wochen schon befürchtet hatte. Mercedes packte am Samstag in Melbourne den Hammer aus, und keiner schwang den so fest wie George Russell, der dem besten Nicht-Mercedes in Form von Isack Hadjar fast 8 Zehntel aufbrannte. Trotzdem gibt sich Russell danach äußerst umsichtig.
"Wir wussten, es steckte viel Potenzial im Auto, aber vor dem ersten Samstag der Saison weißt du nie", so Russell. Die Konkurrenz hatte am Samstag geschockt über den Vorsprung reagiert. Das begann in FP3, als Mercedes erstmals den Motor wirklich aufdrehte. "Zeigte, dass sie davor deutlich mehr runtergedreht hatten als alle im Fahrerlager dachten", meinte danach etwa Charles Leclerc. Er rechnet nun im Rennen schon mit einem Russell, der knapp eine Sekunde schneller sein wird als der Rest.
Russell spielt das Thema nach dem Qualifying hingegen immer noch herunter: "Es war kein Fall von Sandsäcken. Eher, dass die anderen Teams mehr bei den Wintertests zeigten als wir erwartet hätten. Wir haben das in der Vergangenheit schon oft so gesehen."
George Russell bleibt Red-Bull-Hypemann - selbst nach Qualifying-Dominanz
So lässt sich Russell in der Pressekonferenz nach dem Qualifying nicht davon abbringen, immer noch die Konkurrenz von Red Bull großzureden, wie er es seit Wochen tut. Selbst nachdem Isack Hadjar acht Zehntel fehlten und Max Verstappen in Q1 verunfallte: "Wir wissen, was für ein unglaublicher Fahrer Max ist. Isack hat sicher tolle Arbeit geleistet, aber wer weiß, wo Max gelandet wäre? Und wir haben das von Beginn an gesagt. Sie scheinen eine der größten Gefahren zu sein."
"Das Ziel für uns ist jetzt erst einmal, dass wir versuchen, ins Ziel zu kommen", lautet da Russells unscheinbare Ansage für das Rennen. "Die einfachsten Dinge der letzten Jahre, wie Boxenstopps, sind mit neuen Systemen richtig herausfordernd. Den Motor ins richtige Fenster bringen, die richtigen Turbo-Umdrehungen zuhaben, die Batterie nicht zu voll oder zu leer zu haben, Renn-Starts, wir haben die Herausforderungen im Blick."
Sieg für George Russell zumindest erwünscht: Wann, wenn nicht jetzt?
"Natürlich wollen wir gewinnen, wollen das Wochenende dominieren, aber es ist eine sehr lange Saison, und wir müssen erst einmal morgen durchkommen und ein sauberes Rennen haben, weil du in jedem Moment stolpern kannst", meint Russell. Fairerweise muss man hier auch anmerken: Am Samstag baute Mercedes bei Russell bereits den zweiten Hybrid-Energiespeicher und die zweite Kontroll-Elektronik ein. Er ist der einzige Fahrer, der bereits Motorteile getauscht hat.
Wirklich in Reichweite für die Konkurrenz schien Mercedes in Australien bislang aber an keinem Punkt, und nach dem dominanten Qualifying erst recht nicht. "Ich denke, das Wetter kam uns auch entgegen, wenn es kühler wird, finden wir immer mehr Zeit", meint Russell trotzdem.
Ganz um ein Eingeständnis kommt er dennoch nicht herum: "Wir haben auch ein Wahnsinns-Auto, und das denke ich kam in der Presse in den letzten paar Wochen nicht ausreichend zur Geltung. Von Beginn an meinten Kimi und ich, dass das Auto toll zu fahren sei." Teamkollege Kimi Antonelli hatte sich nach einem auf seiner Seite turbulenten Samstag - inklusive eines Unfalls - mit drei Zehnteln Respektabstand zu Russell den zweiten Startplatz geholt.
Russell mag auch noch nicht glauben, dass der Mercedes-Vorteil von Dauer sein muss. "Die Verbesserungsrate von allen wird dieses Jahr riesig sein. Wie ich schon sagte, 2022 sah Ferrari anfangs wie ein dominantes Team aus, das locker den Titel holt, und dann war es nicht einmal knapp. Oder 2009. Das waren damals 17 Rennen, keine 24, da hätte es einen anderen Sieger geben können."
Wobei die von Russell genannten Szenarien kaum vergleichbar sind. Red Bull startete 2022 schon mit einem dem Ferrari ebenbürtigen Auto. Und der verrückte WM-Titel von Brawn GP 2009 ging nur fast verloren, weil Brawn - ein kleines Privatteam, welches bloß Hondas alte Entwicklungen übernommen hatte - im Entwicklungsrennen nicht mithalten konnte und daher die Dominanz sich auflöste. Mit einem Mercedes-Werksteam, das fast eine Sekunde Vorsprung auf den Rest der Formel 1 2026 hat, sind diese Szenarien kaum vergleichbar.



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