Er ging als klarer Favorit in die Formel 1-Saison 2026, doch nach nur drei Rennen sieht sich George Russell mit unbequemen Fragen konfrontiert. Der Grund: Mercedes-Youngster Kimi Antonelli führt die Weltmeisterschaft an – und ausgerechnet jetzt steht der Miami Grand Prix vor der Tür. Jener Ort, an dem Antonelli 2025 mit seiner Sprint-Pole für eine faustdicke Sensation sorgte.

Doch Russell gibt sich demonstrativ gelassen: "Miami mag letztes Jahr seine stärkste Strecke gewesen sein. Ich hatte dagegen 20 andere Kurse, auf denen ich sehr stark war." Nichtsdestotrotz trauen Experten dem jungen Italiener den ganz großen Wurf zu. Unter ihnen: David Coulthard. "Ich glaube, dass er Weltmeister werden kann. Der Einzige, der ihm dabei im Weg steht, ist George", so der 13-fache GP-Sieger bei Sport und Talk aus dem Hangar-7.

Konstanz statt Brechstange

Sein Rat an Russell: "Er darf nicht mehr der brave Junge sein, sondern muss die Ellbogen ausfahren. 2026 könnte seine einzige Chance auf den Titel sein." Russell selbst verfolgt eine andere Philosophie: "Solange ich bis zum Saisonende meine Punkte maximiere, erinnert sich später niemand mehr an die Details der einzelnen Rennen. Mein Ziel sind gute Ergebnisse an schlechten Tagen - und Siege an guten."

Um dieses Ziel zu erreichen, muss der Mercedes-Pilot die aktuelle Achillesferse ausmerzen: den Rennstart. In Australien verlor Russell die Führung von der Pole Position aus an den heranstürmenden Charles Leclerc. Auch in China und Japan büßte er beim Erlöschen der Startampel Plätze ein. Besonders bitter: Beim Restart in Japan ließ er sich von seinem Ex-Teamkollegen Lewis Hamilton überrumpeln.

F1-Experte Christian Danner ordnet die Situation rund um George Russell und Kimi Antonelli ein. Mehr im Video:

George Russell unter Druck? Danner: Pech, Pleiten und Fehler (05:20 Min.)

"Ich muss mich definitiv auch bei den Restarts verbessern. Ich habe prozedurale Fehler gemacht, die dazu geführt haben, dass Lewis mich in Japan überholen konnte", gesteht Russell selbstkritisch. "Wenn ich diese Dinge ausbügle, befinden wir uns in einer ganz anderen Situation." Ex-Haas-Teamchef Günther Steiner vermutet derweil ein tieferliegendes Problem. Er glaubt, dass Russell durch "alte Gewohnheiten" aus der Ground-Effect-Ära gebremst wird.

"Für mich war George vor der Saison der absolute Favorit. Ich fand, dass jetzt sein Moment gekommen war. Aber während er alte Gewohnheiten ablegen muss, ist für Kimi alles neu. Er kann einfach losfahren", nennt Steiner Antonellis WM-Trumpf im Drive to Wynn-Podcast. Mit neuen Regeln für das Energiemanagement und umfangreichen Update-Paketen der Teams könnte Miami zu einem Wendepunkt der Saison werden.

Mercedes-Dominanz kein Erfolgsgarant

Russell weiß, dass der dominante Mercedes-Auftakt trügerisch sein kann und erinnert an die Saison 2022: "Leclerc hatte damals über 30 Punkte Vorsprung. Max [Verstappen] meinte schon, die WM sei vorbei. Ferrari war zu diesem Zeitpunkt das schnellste Team, aber am Ende der Saison eben nicht mehr." Der Titel ging an Verstappen.

Die FIA hat laut Medienberichten einen Motortrick bei Red Bull und Mercedes erkannt und diesen mit einer Regel-Klarstellung beseitigt. Mehr dazu:

Dass die Konkurrenz nicht schläft, zeigte sich bereits in Suzuka, als Oscar Piastri im McLaren auftrumpfte. Das lag vor allem daran, dass McLaren den Wissensrückstand um das komplexe Zusammenspiel der Hybrid-Komponenten aufholen konnte. "Es ist nur fair, dass wir als Werksteam ein tieferes Verständnis für das Energiemanagement haben als die Kundenteams. Daran haben bei uns hunderte Leute drei Jahre lang gearbeitet", meint Russell.

Jedoch rechnet er damit, dass das Feld von Rennen zu Rennen enger zusammenrücken wird. "Ich gehe nicht davon aus, dass wir in Miami plötzlich drastische Veränderungen sehen werden. Ich erwarte jedoch auch nicht, dass unser großer Tempovorteil auf Dauer bestehen bleibt. Die Gegner werden uns dicht auf den Fersen sein."