Vor Wut warf George Russell seine Kopfstütze auf die Strecke und schlug mit den Fäusten auf die Motorhaube seines Silberpfeils. Es war die Szene des Kanada-Wochenendes - doch spiegelt sie auch den diesjährigen WM-Kampf in der Formel 1 wider? "Die Götter wollen mich nicht in diesem Kampf haben", gab Russell resigniert zu Protokoll.
Jaques Villeneuve beschreibt das Phänomen, das derzeit zwischen den beiden Mercedes-Piloten herrscht, als das typische "Glück der Champions". Während bei Kimi Antonelli alles nach Plan läuft, obwohl der Mercedes-Youngster mehr Risiko geht, wird Russell von unglücklichem Timing (wie der Safety-Car-Phase in Japan) und technischen Defekten (in China und Kanada) ausgebremst.
Russell undi Antonelli kämpfen in Kanada erneut voll am Limit. Vergleiche mit Hamilton vs. Rosberg werden wach. Mercedes mahnt, greift aber nicht ein.
Antonelli hat Glück des Champions
"Was für Antonelli spricht, ist dieses Glück der Champions. Er ist immer ein kleines bisschen über dem Limit, und irgendwie funktioniert es trotzdem. Genau so gewinnt man Rennen und Meisterschaften", analysierte Villeneuve. Der Kanadier weiß, wovon er spricht: 1997 gelang ihm das Kunststück, in seinem erst zweiten F1-Jahr den WM-Titel einzufahren – im legendären Duell gegen Michael Schumacher. Er trieb ihn im Finale von Jerez zu dem berüchtigten Rammstoß, der Schumacher schließlich den Titel kostete.
Doch der Sohn von F1-Legende Gilles Villeneuve kennt auch die Kehrseite des Sports und warnt Antonelli davor, sich im Hype um seine Person zu verlieren. "Das ist eine sehr gefährliche Sache. In dem Moment, in dem du denkst, du seist unantastbar, passieren die Fehler. Dann hast du plötzlich einen Ausfall oder baust einen Unfall, verlierst 25 Punkte, der Abstand verändert sich massiv und auf einmal beginnst du, an dir selbst zu zweifeln. Das ist das große Risiko", so Villeneuve.
Auch wenn Antonelli aktuell 43 Punkte Vorsprung auf Russell hat, kann das Momentum in der Formel 1 schnell kippen. Das zeigte sich bereits in der vergangenen Saison, als der Titel erst für Oscar Piastri greifbar schien, sich dann Lando Norris zurückmeldete und in der zweiten Saisonhälfte plötzlich auch Max Verstappen wieder mitmischte. "Eine F1-Saison ist eine Achterbahnfahrt", betont Villeneuve in der F1 Post-Race Show.
"Es gibt Phasen, in denen einfach alles funktioniert, und plötzlich laufen ein oder zwei Rennen schief und sofort sagen die Leute: 'Oh, jetzt wird er den Titel nicht mehr gewinnen.' Im Augenblick läuft alles für Kimi. Er hat Russell im Griff. Aber das wird nicht immer so sein. Entscheidend wird sein, wie Kimi reagiert, wenn einmal etwas schiefgeht."
Montoya fasziniert von Antonellis Reife
Einer, der im WM-Kampf auf den 19-Jährigen setzt, ist Juan Pablo Montoya. Der WM-Dritte von 2002 und 2003 stimmt Villeneuves Achterbahnfahrt-Vergleich zwar zu, sieht im Punktepolster aber einen mentalen Vorteil. "Ja, die Dinge können sich schnell ändern. Aber was es auf jeden Fall bewirkt: Es nimmt Antonelli diesen enormen Druck. Er weiß jetzt: Wenn George ihn ein paarmal schlägt, ist das nicht gleich das Ende der Welt." Für Montoya legt Antonelli eine verblüffende Reife an den Tag.
Das habe auch der Funkspruch nach der Zieleinfahrt in Montreal gezeigt, als der Italiener klarstellte, "auf diese Art" (durch Russells Defekt) nicht gewinnen zu wollen. "Das zeigt einfach, wie schnell er reift, wie gut er in diese Rolle hineinwächst und wie wohl er sich inzwischen darin fühlt", lobt der Kolumbianer. "Genau das ist der beunruhigende Teil für das gesamte Fahrerlager: wie komfortabel er sich bereits mit dem Gewinnen fühlt. Und wenn jemand sich ans Gewinnen gewöhnt und sich dabei wohlfühlt, dann ist es unglaublich schwer, ihn wieder zu stoppen."
Während das Mercedes-Duo um den Kanada-Sieg und den WM-Titel fightet, leistet sich der amtierende Konstrukteursweltmeister eine herbe Niederlage. Mehr dazu im Video:



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