Das ganze Jahr schon kocht in periodischen Abständen die Debatte über die Straf-Richtlinien der Formel 1 und über ihre Anwendung durch die FIA-Stewards wieder und wieder hoch. Brasilien ist sehr viel Wasser auf die Mühlen der Kritiker, die inzwischen von den beiden Präsidenten der Fahrer-Gewerkschaft GPDA angeführt werden. Deren Geduld ist bis aufs Äußerste strapaziert.

"Dass Oscar in Brasilien eine Strafe bekommen hat, ist für die Königsklasse des Motorsports inakzeptabel", empört sich GPDA-Präsident Carlos Sainz. Die 10-Sekunden-Strafe für Oscar Piastri wegen des Kontakts mit Kimi Antonelli im Rennen ist diesmal der Grund für den Streit. Schon direkt nach dem Rennen hatten einige, darunter der ebenfalls in den Unfall verwickelte Charles Leclerc, Unverständnis für die Strafe gezeigt. Motorsport-Magazin.com-Redakteur Markus Steinrisser argumentierte im Nachgang, warum die Strafe falsch war:

"Ich werde es nicht erklären, ihr habt es alle gesehen", regt sich Sainz am Mittwoch vor dem nächsten F1-Rennen in Las Vegas ebenso auf. "Jeder, der Motorsport verfolgt, weiß, dass das überhaupt nicht Oscars Schuld ist. Jeder, der Rennen gefahren ist, weiß, dass er nichts hätte tun können, um den Unfall zu vermeiden. Und er kriegt eine 10-Sekunden-Strafe dafür."

Schluss mit lustig: Carlos Sainz will sofort Regel-Reaktion sehen

Sainz gehört zu jenen im F1-Feld, die dieses Jahr besonders lautstark gegen die 2022 eingeführten 'Driving Standards Guidelines' protestieren. Jenem Dokument, in dem Richtlinien festgeschrieben sind, wie die Stewards Zwischenfälle bewerten sollen. Sainz stritt sich darüber in Zandvoort, als er für einen Unfall bestraft wurde. Eine Strafe, die später sogar zurückgenommen wurde. Er stritt sich über die Strafe, die sein Gegner Oliver Bearman in Monza bekam. Er stritt sich über die Strafe, die er im Duell mit Kimi Antonelli in Austin bekam.

Mit jedem Mal sieht Sainz klarer. Wer unbedingt will, kann anhand des doch recht engen Basis-Richtlinien-Korsetts für jeden Unfall einen Schuldigen finden: "Irgendein Szenario trifft immer zu." Brasilien ist das beste Beispiel, denn Piastri wollte sich neben Antonelli setzen und verbremste sich dann, als er versuchte zurückzustecken, während Antonelli sich anschickte, die Tür zu schließen. Verbremser sind in den Richtlinien explizit als Signal eines Kontrollverlustes genannt. Man ergänze, dass Piastri es nicht mit seiner Vorderachse auf Höhe von Antonellis Rückspiegel schaffte, hat zwei erfüllte Straf-Kriterien, und fertig.

Fast alle Fahrer sind sich einig, dass das von einem Unverständnis der motorsportlichen Realität zeugt. "Ein Verbremser ist nicht immer ein Kontrollverlust", beschwert sich etwa Sainz. "Du kannst mit stehendem Rad immer noch die Kurve bekommen. Ich habe mich in Austin als Reaktion auf einen Move von Kimi verbremst. Oscar hat sich als Reaktion verbremst. Außerdem hat keiner von uns die Kurve verpasst und einen massiven Unfall ausgelöst."

Piastri hätte auch mit stehendem Rad die Kurve wohl sogar am Scheitelpunkt bekommen. "Die Kurve fällt ab", ergänzt Sainz' GPDA-Präsidentenkollege George Russell. "Die Innenseite ist immer entlastet, der Reifen berührt oft nicht einmal den Boden. Dann blockiert das Rad, aber du hast volle Kontrolle. Deshalb müssen es Richtlinien sein und du musst jede einzelne Kurve, jede Strecke, jeden Zwischenfall neu betrachten."

Sieg durch Fehlentscheidung weg? Danner: Piastri-Strafe falsch! (34:36 Min.)

FIA-Meeting mit F1-Fahrer in Katar: Sainz & Russell wollen Änderungen

Damit ist man wieder am üblichen Punkt der Argumentation angekommen. Die Richtlinien hätte unterstützend wirken sollen, doch sie werden oft ohne Spielraum angewandt. Als ob sie keine Richtlinien, sondern echte Regeln wären. "Wir müssen da denke ich dringend handeln und das lösen", fordert Sainz. "Es waren nicht nur einer, sondern viele Zwischenfälle dieses Jahr, die weitab von dem waren, was der Sport sein sollte."

Tatsächlich steht für das Katar-Wochenende ein großes Meeting zwischen Fahrern und FIA-Vertretern an, um diverse Regel-Fragen zu diskutieren. Sowas gab es auch schon in der Vergangenheit, üblicherweise mit verhaltenen positiven Fazits der Piloten. Etwa im Vorjahr, als man sich im Herbst lange um Max Verstappens Defensiv-Taktiken gestritten hatte, ehe man es kurz vor Saisonende klärte.

Doch die Zweifel wachsen, ob das Diskutieren von einzelnen Fallbeispielen ein Erfolgsrezept ist - oder ob man nicht das komplette System wieder über den Haufen werfen sollte. Sprich, die Richtlinien wieder abschaffen. "Es war früher zwar nicht offensichtlich, was die Regeln waren, aber jeder schien auf einen gemeinsamen Nenner zu finden", meint Alex Albon. "Heute hingegen gibt es so viele Regeln, die auf anderen Regeln fußen, die Graubereiche auslösten. Schicht auf Schicht. Dann wird es konfus."

"Wie ihr wisst, dauern Fahrer-Briefings manchmal schon ewig und Fahrer haben unterschiedliche Meinungen, da weiß ich persönlich nicht, wie wir eine Lösung finden können", mahnt Albon. Die Konvolute waren im Großen und Ganzen Reaktionen auf Kritik der Inkonstanz gewiesen. Dafür gibt es aber auch eine andere eine Lösung, für die George Russell seit Jahren wirbt und dem nicht müde wird: "Hätten wir die gleichen Stewards bei jedem Rennen, könnten wir diese Diskussionen mit ihnen führen, könnten ihnen die Eigenheiten der Formel 1 erklären, wie etwa mit dem Verbremsen in der ersten Kurve von Brasilien."

F1-Fahrer unverrückbar: Permanente Stewards helfen dem Straf-Problem

Seit Ewigkeiten vertraut die FIA bei den Schiedsrichtern lieber auf unabhängige Offizielle, die von Rennen zu Rennen durchrotieren. Man verweist stets darauf, damit etwa Sorgen bezüglich der Unabhängigkeit und Befangenheit vorbeugen zu wollen. Doch die Fahrer lassen nicht locker. Auch Sainz ist mittlerweile auf den Zug seines GPDA-Kollegen Russell aufgesprungen: "Es ist das eine Ding, das wir nie versucht haben, und das ich potenziell ausprobieren würde."

"Hätten wir gutes Stewarding, das den Sport wirklich gut versteht, und konstantes Stewarding über das ganze Jahr hinweg, dann würden wir untereinander ein Verständnis entwickeln", ist Sainz überzeugt. "Du erzeugst ein riesiges Gedächtnis, wie sie Strafen beurteilen. Dann weißt du auch ohne Richtlinien, wer schuld ist."