Schwere Unfälle bei den MotoGP-Starts in Barcelona sind heutzutage leider eher die Regel denn die Ausnahme. Am vergangenen Sonntag hat es Johann Zarco unter besonderen Umständen heftig erwischt. Unser Experte analysiert den Vorfall und bewertet, was getan werden könnte.
MotoGP-Startunfall von Johann Zarco in Barcelona: Kleiner Fehler, große Wirkung
"Zarco hat sicher einen kleinen Fehler gemacht, dass er einfach leicht zu spät auf der Bremse war. Die Situation hatten wir schon öfter in Barcelona in der ersten Kurve. Es ist dann einfach dieser Sogeffekt da. Im Pulk drin und im Windschatten hat man einfach weniger Bremswirkung. Wenn man nur einen Tick zu spät ist auf der Bremse, dann kann man nicht einfach noch mehr in die Bremse greifen und stärker bremsen. Man bremst ja schon am Limit. In dieser Sogwirkung konnte der Zarco dann einfach nicht stoppen und ist dann schlussendlich [auf Luca Marini, Anm. d. Red.] aufgelaufen. Also eigentlich ein kleiner Fehler oder eine kleine Unachtsamkeit mit sehr, sehr großen Folgen", analysierte Tom Lüthi den Unfall beim ersten Re-Start in Barcelona. Die neueste Ausgabe des Interwetten MotoGP-Magazin mit unserem Experten könnt ihr hier sehen:
Die Umstände des Unfalls, bei dem Johann Zarco in Luca Marini krachte und dann in Folgewirkung auch Francesco Bagnaia mitnahm, waren nicht nur durch die besonderen Begebenheiten bei den Starts in Barcelona bestimmt, zu denen wir später kommen. Hier war auch noch der Eindruck des fürchterlichen Unfalls von Alex Marquez präsent, der erst zum Abbruch und zum dann in Folge zum Re-Start führte. Lüthis Analyse zu diesem Horrorcrash könnt ihr hier lesen.
Großer Druck zum Re-Start: Johann Zarco nicht voll da im Kopf
"Es ist wichtig, wie es Zarco zugegeben hat, dass man sich voll konzentrieren und fokussieren muss in diesem Moment. Man muss sich immer gut konzentrieren, aber in Barcelona ist es heikel, wenn man in Richtung der ersten Kurve fährt. Da darf man keinen kleinen Fehler machen. Man muss voll da sein im Kopf. Und anscheinend ist es Zarco passiert, dass er im Nachhinein zugegeben hat, er hätte vielleicht besser nicht starten sollen. Das ist individuell. Jeder muss das für sich entscheiden", gibt der Schweizer an. Jetzt droht Johann Zarco leider eine lange Verletzungspause. Alle Infos zum LCR-Piloten gibt es hier:
Dass der Franzose trotzdem startete und dann einen Fehler beging, weil er mental nicht mehr auf der Höhe war, könnte als leichtsinnig verurteilt werden. Doch Tom Lüthi weist darauf hin, dass auch die äußeren Umstände in diesem Fall ihre Wirkung zeigen: "Obwohl man das als Fahrer professionell und egoistisch wegschieben muss: Diese Gedanken aus dem Kopf zu bringen, das ist sicher etwas Schwieriges. Auf der anderen Seite ist da ein Riesendruck da. Hersteller, Fans usw. Die Show geht weiter." In diesem Fall war waren aber auch viele andere Fahrer im Nachhinein der Meinung, dass die MotoGP das alte Queen-Motto 'show must go on' diesmal nicht unbedingt hätte durchziehen müssen:
Neben Zarcos Ablenkung durch die Eindrücke des Marquez-Unfalls ist aber auch einfach die Startphase in Barcelona an sich problematisch. "Es gibt mehrere Faktoren, die dazu führen, dass es dort oft Unfälle gibt, vor allem nach den Starts. Man kommt mit sehr hoher Geschwindigkeit an. Die Startlinie ist relativ weit hinten. Man beschleunigt dann ewig lange Richtung Kurve 1, es folgt hartes Anbremsen. Dann geht es in diese erste Kurve, die nicht allzu schnell ist. Man hat eine lange Bremsphase. Danach muss man direkt umlegen in Kurve 2 als eine Schikane, da wird es dann nochmals eng", erklärt der Fahrercoach von Intact GP.
Lösungen für Barcelonas Start-Dilemma? Tom Lüthi stimmt zwei Ideen zu
Um solche Crashs in Zukunft unwahrscheinlicher zu machen, hatten die MotoGP-Stars nach dem Rennen Änderungen gefordert. Eine Idee lautet, die Start-Linie deutlich nach vorn zu versetzen und so den Anlauf zur Kurve 1 zu reduzieren. Tom Lüthi stimmt dem zu: "Ich würde es sicher begrüßen, wenn man weniger schnell ankommt, eine weniger lange Bremsphase hat und natürlich auch weniger die Sorgewirkung durch den Windschatten. Weniger Speed ist weniger Windschatteneffekt. Das heißt, es bleibt mehr Kontrolle beim Fahrer. Das wäre sicher hilfreich."

Eine Patentlösung würde dies aber nicht darstellen, denn die Tücken des Layouts blieben in gewissem Maße bestehen: "Wenn es von links nach rechts geht, eine Schikane da ist und das ganze Feld da durch will, dann haben eigentlich nicht zwei Fahrer oder drei Fahrer nebeneinander Platz. Da wird es trotzdem eng. Aber zumindest hätten wir mal weniger Geschwindigkeit und somit mehr Kontrolle beim Fahrer, was glaube ich viel ausmachen würde."

Zusätzlich gibt es den Vorschlag, die Ride-Height-Devices am Start zu verbieten, noch bevor sie mit dem Reglement von 2027 ohnehin verbannt werden. Auch diese Idee findet die Zustimmung unseres Experten: "Die ganzen Absenkungen des Motorrads, die Ride-Height-Devices, Start-Devices, das macht das Motorrad natürlich auch weniger agil, wenn es um das Ausweichen geht. Wenn ich mitten im Pulk bin und einfach anbremse Richtung Kurve und kann dann weniger verzögern, weil ich im Windschatten bin, dann kann ich auch nicht einfach links oder rechts ausweichen, weil da sind auch noch andere Fahrer neben mir. So kommt es sehr oft zu Berührungen und dann leider auch zu Unfällen."
Tom Lüthi kritisiert: Vorschläge der MotoGP-Fahrer werden nicht umgesetzt!
Doch um solche Vorschläge in die Tat umzusetzen, müsste die Meinung der Fahrer Gehör finden: "Eigentlich wäre das mit den Safety Commission Meetings das richtige. Alle Fahrer kommen jeden Freitagabend zusammen in einen Raum und besprechen zusammen verschiedene Themen, die anstehen. Das Wichtigste wäre, dass es umgesetzt wird, dass den Fahrern zugehört wird, dass jemand das in die Hände nimmt und dann auch prüft"
Angesichts ausbleibender Maßnahmen der Offiziellen sei es aber kein Wunder, wenn die Piloten dieser Institution kaum noch Beachtung schenken: "Die Ansätze sind schon da, sie sind seit Jahren da. 2018, als ich in der MotoGP Klasse war, gab es diese Meetings auch schon und da waren viele Fahrer anwesend. Da haben vielleicht zwei, drei gefehlt, der Rest war immer vor Ort. Da wurde gut unter den Fahrern diskutiert. Heutzutage sind nur noch zwei, drei Fahrer da. Da sind nicht mehr viele bei diesen Meetings, weil schlussendlich nichts umgesetzt wird. Ich glaube, da liegt das Problem."
Im Fall von Barcelona sind die Starts und Kurve 1 bei weitem nicht das einzige Problem, bei dem die Warnungen der Fahrer ignoriert wurden. Jorge Martin fand deshalb nach seinem Sturz in Kurve 12 am Freitag deutliche Worte und erinnerte an den tödlichen Unfall von Moto2-Pilot Luis Salom an selber Stelle:



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