Seit 2022 versucht die Formel 1, mit den sogenannten 'Driving Standards Guidelines' Strafen für Kollisionen und andere Zwischenfälle zu vereinheitlichen. Diese Racing-Richtlinien sorgen eigentlich seit ihrer Einführung trotzdem ständig für Debatten und Diskussionen bezüglich ihrer Auslegung. Aber was besagen sie eigentlich? Motorsport-Magazin.com hat die vollständigen Regeln.

Grundsätzlich wird in den Richtlinien das Verhalten im Zweikampf - auf Geraden und in der Kurve - und der Umgang mit Track Limits behandelt. Der wichtigste und am häufigsten zitierte Teil des Dokuments sind die Definitionen, in welcher Position sich ein Angreifer und ein Verteidiger in einer Kurve befinden müssen, damit sie ein Anrecht auf Raum haben oder nicht. Die vier Stewards, die unabhängigen Schiedsrichter jedes F1-Rennens, nutzen diese Richtlinien für Straf-Entscheidungen.

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Wichtig aber - und das sagen auch die Richtlinien schon in der Einleitung: "Viele Zwischenfälle verlangen subjektive Einschätzungen, und die Stewards werden von der Erfahrung des Fahrer-Stewards in Kombination mit diesen Richtlinien und den FIA-Reglements geleitet." Einer der vier Stewards muss stets ein ehemaliger Rennfahrer sein. Die Richtlinien werden im folgenden Teil vollständig aus dem Englischen übersetzt, sowie durch Grafiken ergänzt (McLaren & gelbe Linie: Angreifer, Red Bull & blaue Linie: Verteidiger).

Überhol-Regeln der Formel 1: So vermeidet man eine Strafe

Für die folgenden Überhol-Regeln gilt: Wenn durch die Richtlinien dem Angreifer "Priorität" eingeräumt wird, dann ist der Verteidiger dafür verantwortlich, eine Kollision oder ein Abdrängen zu verhindern.

Regeln für Überholen auf der INNENSEITE einer Kurve - Um ein Recht auf Platz bei einem Manöver auf der INNENSEITE zu haben, gilt für den Angreifer:

  • Er muss seine Vorderachse mindestens auf Höhe des Rückspiegels des anderen Autos vor [1] und am [2] Scheitelpunkt haben.
  • Er muss besonders von Kurveneingang bis Scheitelpunkt die volle Kontrolle haben, und darf nicht zu spät hineingebremst haben.
  • Er muss, in den Augen der Stewards, eine vernünftige Rennlinie genommen haben und in der Lage sein, das Manöver innerhalb der Streckenlimits zu komplettieren [3].
Eine Beispiel-Grafik, wie ein McLaren korrekt innen einen Red Bull überholt
So sieht ein legales Manöver auf der Innenbahn aus, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Regeln für Überholen auf der AUSSENSEITE einer Kurve - Überholen auf der Außenbahn wird stets als ein schwierigeres Manöver gesehen. Um beim Überholen AUSSEN ein Recht auf Platz zu haben, einschließlich am Ausgang, gilt für den Angreifer:

  • Er muss seine Vorderachse vor der Vorderachse des anderen Autos am Scheitelpunkt [1] haben.
  • Er muss von Kurveneingang über Scheitelpunkt bis Ausgang die volle Kontrolle haben.
  • Er muss die Kurve innerhalb der Streckenlimits schaffen [2].
Eine Beispiel-Grafik, wie ein McLaren korrekt außen einen Red Bull überholt
So sieht ein legales Manöver auf der Außenbahn aus, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Schikanen und S-Kurven - Die oben aufgeführten Richtlinien für INNEN und AUSSEN können für beide Elemente einer Kombination angewandt werden. Generell wird dem ersten Kurvenelement Priorität eingeräumt.

Wichtige Anmerkungen - Alle Stewards-Entscheidungen werden basierend auf den folgenden Regeln, insbesondere des Sportlichen Reglements der Formel 1, des Internationalen Sport-Kodex der FIA und dessen Anhang L, Kapitel IV (Kodex zum Fahrverhalten auf Rundstrecken) getroffen. Den vollständigen ISC und alle seine Anhänge gibt es hier auf der offiziellen FIA-Seite zu lesen.

Motorsport ist ein dynamischer Prozess. Auch wenn diese Richtlinien spezifische relative Positionen der Autos an diversen Punkten hervorheben, werden die Stewards stets in Betracht ziehen, wie die Situation gesamtheitlich ablief, wenn sie einen Zwischenfall untersuchen. Zum Beispiel:

  • Wie kamen die Autos zum Zwischenfall (z. B. spätes Bremsen, zu spätes Bremsen, Bewegen auf der Bremse)?
  • War das Manöver spät oder "optimistisch"?
  • Was konnten die Fahrer realistisch sehen, wissen oder antizipieren?
  • Glauben wir, dass das Manöver auf der Strecke hätte komplettiert werden können?
  • Gab es Untersteuern/Übersteuern/stehende Reifen?
  • Hat jemand sein Auto positioniert oder so gehandhabt, dass das zum Zwischenfall beigetragen hat?
  • Was waren die Unterschiede bei Reifen/Reifenalter/Grip?

Beispiele für Urteile nach den Racing-Richtlinien der Formel 1

Die folgenden fünf Beispiele stellen lediglich eine kleine Auswahl an möglichen Renn-Szenarien dar. Wie oben angeführt sind die Stewards dazu angehalten, alle beeinflussenden Faktoren bei Entscheidungen miteinzubeziehen. Inkludiert ist auch eine strittige Situation, welche illustrieren soll, dass die Richtlinien nicht automatisch eine simple Lösung bieten.

Beispiel 1 - unzulässiger Angriff innen (verbotene "Divebomb"): Der Angreifer (McLaren) schert sehr spät für einen Angriff innen aus [1] und ist dann zu schnell. Er erreicht zwar mit seiner Vorderachse den Rückspiegels des Verteidigers [2], hat aber nicht ausreichend Kontrolle, verpasst bereits den Scheitelpunkt und kann das Manöver dann nicht innerhalb der weißen Linien beenden [3]. Das Manöver ist nicht zulässig, der McLaren muss den Platz zurückgeben.

Eine Beispiel-Grafik, wie ein McLaren zu spät versucht, einen Red Bull zu überholen
Beispiel 1: Unzulässiger Angriff innen - Divebomb, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Beispiel 2 - unzulässiger Angriff innen: Der Angreifer (McLaren) positioniert sich zwar frühzeitig innen [1], schafft es aber bis zum Scheitelpunkt nicht bis zum Rückspiegel des Verteidigers (Red Bull) [2], der zwar sehr spät bremst, aber dessen relative Geschwindigkeit und Position suggeriert, dass er auch ohne den resultierten Unfall [3] innerhalb der weißen Linie geblieben wäre. Die Kollision ist die Schuld des McLaren.

Eine Beispiel-Grafik, wie ein McLaren zu spät versucht, einen Red Bull zu überholen
Beispiel 2: Unzulässiger Angriff innen, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Beispiel 3 - zulässiger Angriff innen (erlaubte "Divebomb"): Der Angreifer (McLaren) schert zwar erst spät aus [1] und drückt sich aggressiv, aber ausreichend weit vorn und mit noch mindestens einem Rad auf der Strecke am Scheitelpunk [2] neben den Verteidiger (Red Bull). Geschwindigkeit und relative Position suggerieren, dass der McLaren bis zum Ausgang innerhalb der weißen Linie geblieben wäre [3]. Der Red Bull hätte nachgeben müssen.

Eine Beispiel-Grafik, wie ein Red Bull in einer Kurve mit einem McLaren kollidiert
Beispiel 3: zulässiger Angriff innen - Divebomb, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Beispiel 4 - zulässiges Abdrängen eines Angreifers außen: Der Angreifer (McLaren) schafft es bis zum Scheitelpunkt nie mit seiner Vorderachse vor der des Verteidigers (Red Bull) [1]. Der Red Bull fährt zwar nicht so weit innen wie möglich [2], öffnet aber dabei die Lenkung nicht unverhältnismäßig und bleibt am Ausgang innerhalb der weißen Linie [3]. Der Red Bull darf seinen Platz behalten.

Eine Beispiel-Grafik, wie ein McLaren außen versucht, einen Red Bull zu überholen
Beispiel 4: Zulässiges Abdrängen eines Angreifers außen, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Beispiel 5 - Streitfall Verteidigung innen: Der Verteidiger (Red Bull) lässt sich am Scheitelpunkt nach außen tragen [1], um den Angreifer (McLaren) abzudrängen, der es nicht mit seiner Vorderachse in Front geschafft und damit eigentlich kein Recht auf Platz hat [2]. Der Red Bull bleibt innerhalb der weißen Linie [3]. Die Ermittlung in diesem Fall ist zwangsweise abhängig von weiteren Faktoren: Hat ein Auto die Kontrolle verloren? Hat der Red Bull unverhältnismäßig früh die Lenkung geöffnet?

Eine Beispiel-Grafik, wie ein Red Bull einen außen angreifenden McLaren von der Strecke drängt
Beispiel 5: Streitfall Verteidigung innen, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Zick-Zack-Fahren auf den Geraden: In der Formel 1 klar verboten

Appendix L, Kapitel IV, Artikel 2 des ISC spezifiziert: "Mehr als ein Richtungswechsel beim Verteidigen ist nicht erlaubt. Ein Fahrer, der nach einem Verteidigen abseits der Linie zurück in Richtung Rennlinie fährt, soll hin zu einer Kurve mindestens eine Autobreite zwischen seinem Auto und dem Streckenrand Platz lassen."

Eine Beispiel-Grafik, wie ein Red Bull hin zur Kurve vor einem McLaren die Spur wechselt
Ein einzelner, legaler Richtungswechsel, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

"Jedoch sind Manöver mit dem Zweck des Behinderns anderer Fahrer, wie etwa das absichtliche Abdrängen eines Autos über den Streckenrand oder sonst irgendein abnormaler Richtungswechsel streng verboten. Jeder Fahrer, der sich augenscheinlich so eines Vergehens schuldig macht, wird an die Stewards gemeldet."

Ein verbotener Richtungswechsel, bei dem ein Red Bull vor der Kurve einen McLaren versucht abzudrängen
Ein verbotener zweiter Richtungswechsel, kombiniert mit dem Abdrängen des Angreifers in der Bremszone, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Anmerkung: In diesem Kontext sind Manöver mit der Absicht des Unterbrechens des Windschattens für ein hinterherfahrendes Auto akzeptabel, solange das andere Auto im Angesicht von relativer Geschwindigkeit und Position auf der Strecke in sicherer Entfernung folgt.

Richtungswechsel auf der Bremse: Auch das verbietet die Formel 1

Wer sich verteidigt, darf keine Richtungswechsel mehr vornehmen, sobald die Verzögerungsphase begonnen hat, außer um der normalen Rennlinie zu folgen.

Ein legaler Richtungswechsel vor dem Einlenkpunkt einer Kurve
Ein erlaubtes Öffnen des Verteidigers in Richtung Rennlinie für eine Kurve, ohne den Angreifer abzudrängen, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Regeln für Track Limits der Formel 1: Wann werden Zeiten gestrichen, wann nicht?

Respekt für die Track Limits ist wichtig für Fairness und für Sicherheit, daher wird Artikel 33.3 des Sportlichen Reglements streng durchgesetzt: "Fahrer müssen jede realistische Bemühung unternehmen, um stets auf der Strecke zu bleiben und sie nie ohne Grund zu verlassen. Fahrer haben die Strecke verlassen, wenn kein Teil des Autos mehr in Kontakt mit ihr ist. Die weißen Linien, welche den Streckenrand markieren, gelten als Teil der Strecke. Die Kerbs nicht [...]"

Anmerkungen: In Trainings werden Zeiten nur gestrichen, wenn das Ergebnis womöglich als Startaufstellung genutzt werden muss. (Siehe auch beispielsweise: Lando Norris fuhr 2025 in Jeddah eine FP2-Bestzeit, indem er die Schikane abkürzte). In einem Vergehen im Sprint-Qualifying oder Qualifying wird die Zeit gestrichen, sowie die Zeit der darauffolgenden Runde, sofern entschieden wird, dass es für diese ein Vorteil gewesen sein könnte.

Für Sprint und Rennen werden in Anbetracht der Tatsache, dass Motorsport ein dynamischer Prozess ist, ungültige Zeiten gestrichen und ein System mit drei straffreien Vergehen wird eingesetzt, ehe eine schwarz-weiße Flagge oder eine Strafe gemäß Artikel 54.3 des Sportlichen Reglements angewandt werden. Jede ungültige Runde wird gestrichen und als Vergehen gezählt, abgesehen von den folgenden AUSNAHMEN:

  • Wenn ein Fahrer die Strecke nach einem offensichtlichen Kontrollverlust verlässt.
  • Wenn ein Fahrer zum Vermeiden einer Kollision (z. B. Startunfall) die Strecke verlässt.
  • Wenn ein Fahrer in den Augen der Stewards von einem anderen Auto "abgedrängt" wurde.
  • Wenn ein Fahrer die Strecke verlässt und für das Erringen eines sportlichen Vorteils oder eines unsicheren Zurückfahrens auf die Strecke bestraft wird.
  • Wenn ein Fahrer die Strecke bei einem Zwischenfall verlässt, für den er aus anderen Gründen bestraft wird, z. B. für das Auslösen einer Kollision.

Zusammengefasst heißt das: Überfährt ein Fahrer zum vierten Mal (abzüglich oben gelisteter Ausnahmen) vollständig die weiße Linie, wird die schwarz-weiße Verwarnungsflagge gezeigt. Überfährt er zum fünften Mal die weiße Linie, erhält er eine Zeitstrafe.

So müssen sich Formel-1-Fahrer beim Einreihen nach Ausritten verhalten

Im Renntempo durch Auslaufzonen zu fahren ist nicht akzeptabel. Autos auf der Strecke dürfen nicht dazu gezwungen werden, Tempo oder Linie zu ändern, um einem sich wieder einreihenden Auto auszuweichen.

Regeln für Behindern in der Formel 1

Zum einen wird Artikel 37.5 des Sportlichen Reglements [wer unnötig auf der Strecke stoppt, oder einen Gegner behindert, kann bestraft werden] durchgesetzt, zum anderen wird an Artikel 33.4 erinnert: "An keinem Punkt darf ein Auto unnötig langsam, unberechenbar oder auf eine in den Augen der Stewards andere Weise für andere Fahrer oder Personen gefährliche Art gefahren werden."

Regeln zum Zurückgeben von Plätzen und Vorteilen durch Abkürzen in der Formel 1

Der Ablauf von Artikel 33.3 wird streng durchgesetzt: "Wenn ein Auto die Strecke verlässt, darf der Fahrer sich wieder einreihen, aber das muss sicher und ohne das Erringen eines bleibenden Vorteils geschehen. Der Renndirektor darf beurteilen, ob der Fahrer die Chance bekommen darf, den ganzen Vorteil zurückzugeben."

Anmerkungen: Wenn ein Auto beim Verteidigen die Strecke verlässt (oder eine Schikane abkürzt) und sich auf der gleichen Position wieder einreiht, werden die Stewards das gemeinhin als errungenen Vorteil werten. Daher sollte die Position per den Regeln zurückgegeben werden. Es liegt allein bei den Stewards, festzustellen, ob ein Auto "die Position verteidigt".

PDF: Die Driving Standards Guidelines im englischen Original