Wenn es nur nach der Pace eines Fahrers auf einer bestimmten Strecke geht, dann ist niemand dem Rest der Formel 1 aktuell so überlegen wie Charles Leclerc in Baku. Seit vier Jahren ist der Ferrari-Pilot im Qualifying in Aserbaidschan ungeschlagen, in der Statistik sieht es sogar noch besser aus. Außer man schaut auf die Renn-Ergebnisse. Dann folgt das Grauen. Es ist eine der verrücktesten Geschichten der Formel 1 - Leclerc, der vermeintlich unschlagbare Baku-König, hat hier keinen einzigen Sieg.

Außer Frage steht, dass Leclerc - solange er ein halbwegs passables Auto hat - in Baku eigentlich auf eine Runde nicht zu schlagen ist. Sowieso gilt der Monegasse, der mit 27 Poles schon auf Platz 11 der ewigen Bestenliste liegt, als einer der aktuell besten Qualifying-Fahrer, vielleicht sogar der Beste. In Baku legt er noch einmal zu.

Die Qualifying-Bilanz von Charles Leclerc in Baku

JahrQualifyingLücke in Sek.
2017 (F2)POLE- 0,568
201814.+ 1,564 *
201910.**
2021POLE- 0,232
2022POLE- 0,282
2023 (SQ)POLE- 0,147
2023POLE- 0,188
2024POLE- 0,321

* 2018: Q2-Rückstand, Leclerc fuhr in einem nicht konkurrenzfähigen Sauber. Vorsprung auf den Teamkollegen in Q1 1,789 Sekunden.
** 2019: Leclerc crashte in einem Pole-fähigen Ferrari 8 Minuten vor Q2-Ende und konnte in Q3 nicht mehr antreten. Davor jede Session angeführt.

Nur 2019 scheiterte Leclerc in einem Pole-fähigen Auto (unfallbedingt) an der Pole. In allen anderen Jahren schaffte es nur der dominante Red Bull RB19 2023 überhaupt auf unter zwei Zehntel an ihn ran. "Ich habe keine eindeutige Antwort", meint Leclerc auf die Baku-Stärke angesprochen stets. Letztendlich ist er aber bekannt als jemand, der im Qualifying ohne Probleme volles Risiko gehen kann und dabei völlig unbeeindruckt ist, ob hinter der weißen Linie eine Wand wartet oder eine schöne Auslaufzone.

Charles Leclerc unterwegs in Baku 2024
Leclerc und Baku passt einfach - sogar noch besser als Monaco, Foto: IMAGO / NordPhoto

"Ich denke, es passt einfach perfekt zu meinem Fahrstil, weil du normalerweise sehr hart arbeiten musst, um Zeit zu finden, aber ich komme einfach gut in den Rhythmus der Strecke", ergänzt Leclerc. Niemand scheint auf der Bremse und in der Einlenkphase in den 90-Grad-Ecken von Baku ultimativ so gut wie er. Doch wenn ihm eines fehlt, dann ist das der Sieg, der alles bestätigt.

Emotionaler Formel-2-Sieg nach Tod des Vaters einziger Leclerc-Triumpf

Nur einmal gewann Leclerc in Baku: 2017, von Pole, in der Formel 2. Es war ein emotionales Wochenende für ihn, nur wenige Tage davor war sein Vater Herve verstorben. Leclerc fand bis zum Qualifying in einen bemerkenswerten Rhythmus, holte mit über einer halben Sekunde Vorsprung Pole, behielt die Führung in einem chaotischen Hauptrennen und widmete die Erfolge seinem Vater.

Sein F1-Debüt 2018 in der Formel 1 war im Angesicht des Materials kaum weniger beeindruckend. Von Platz 14 fuhr er in einem ebenso turbulenten Rennen bis auf Platz 6 nach vorn und holte in seinem damals vierten Rennen seine ersten F1-Punkte. Doch als er 2019 endlich in einem siegfähigen Ferrari saß, ging die Unserie los.

Charles Leclerc 2019 in Baku: "I am stupid"

Baku 2019 gehört - unglücklicherweise - zu den berühmtesten Momenten von Leclerc in der Formel 1. Er hatte in FP1, FP2, FP3 und Q1 Bestzeiten geholt und war haushoher Favorit auf die Pole, doch in jungen Jahren waren seine Risiko-Abwägungen noch nicht ganz das, was sie heute sind. Inmitten eines für ihn eigentlich ungefährlichen Q2 fuhr er den Ferrari in der engen Burg-Sektion ohne Not in die Wand.

Charles Leclerc geht nach seinem Unfall im Qualifying 2019 neben seinem Ferrari
Leclerc verabschiedet sich nach dem bitteren Qualifying-Crash 2019 von seinem Ferrari, Foto: IMAGO / DeFodi Images

Der Unfall war die Geburtsstunde von einem von Leclercs ("Es gibt keine Entschuldigung dafür, ich war nutzlos.") bekanntesten Funk-Zitaten: "I am stupid. I am stupid." Das Rennen musste er von P8 aufnehmen, konnte sich nur bis auf P6 vorkämpfen und mit 1:43,009 die schnellste Runde holen, die bis heute der gültige Rennrundenrekord in Baku ist.

Charles Leclerc 2021 in Baku: Völlig überraschende Pole

Nach einem Jahr Pandemie-Pause rehabilitierte sich Leclerc 2021. Dieses Qualifying war genau das Gegenstück von 2019, denn 2021 war der Ferrari eigentlich nicht konkurrenzfähig. Im ersten Q3-Schuss zauberte Leclerc ein Quali-Wunder aus dem Hut, trotz erratischem Mittelsektor, denn er holte sich auf dem langen Weg zur Ziellinie einen massiven Windschatten von Lewis Hamilton. Hamilton und Max Verstappen, damals in ihrer großen WM-Schlacht, konnten wegen einer roten Flagge im zweiten Versuch nicht mehr kontern. Dass er dieses Rennen in unterlegenem Material nicht gewinnen würde, war von vornherein klar. Platz vier wurde es am Ende.

Charles Leclerc 2022 in Baku: Einer von vielen Ferrari-Albträumen im WM-Kampf

2022 reiste Leclerc mit nur 9 Punkten Rückstand auf Verstappen in der WM nach Baku. Diesmal war das Auto konkurrenzfähig, diesmal war die Pole keine Überraschung, diesmal war der Sieg machbar. Der Ferrari-Motor hatte andere Vorstellungen und detonierte in der 20. Runde bei 13 Sekunden Vorsprung auf Verstappen. Einer von mehreren Defekten in kurzer Abfolge, die die WM-Hoffnungen rapide schwinden ließen.

Charles Leclerc 2023 in Baku: Und wieder in einem unterlegenen Ferrari

Der 2023er-Ferrari war wiederum kein Siegerauto in Baku. Schnell auf eine Runde, ja, aber nicht im Renn-Trimm, da war ihm der Red Bull überlegen. Leclerc fuhr am Limit schon im Sprint-Qualifying in die Mauer und riss sich den Flügel ab, behielt aber die Pole. Im Sprint hielt er einen beschädigten Max Verstappen immerhin auf Abstand und wurde Zweiter. Die GP-Pole von 1:40,203 ist der aktuelle Streckenrekord. Über die volle GP-Distanz am Sonntag musste Leclerc sich mit Platz drei 20 Sekunden hinter beiden Red Bulls begnügen.

Charles Leclerc 2024 in Baku: Von Oscar Piastri vorgeführt

2024 war der Ferrari wieder siegfähig, und Leclerc nach einem Überraschungs-Triumpf kurz zuvor in Monza auf Angriff gepolt. So crashte er gleich in FP1, fuhr aber im Qualifying eine deutliche Pole auf Oscar Piastri heraus. Der war nur kein so leichter Gegner wie erwartet. Als Leclerc nach dem einzigen Boxenstopp kurz mit der Reifen-Temperatur haderte, feuerte Piastri in der ersten Kurve bei seiner wohl einzigen Chance eine kompromisslose Attacke ab und entriss Leclerc die Führung - und den Sieg, denn an dem McLaren führte danach kein Weg mehr vorbei.

Charles Leclerc im Duell mit Oscar Piastri hin zur ersten Kurve in Baku
Leclerc 2024 im engen Fight mit Oscar Piastri, Foto: IMAGO / Panoramic by PsnewZ

Für Leclerc wohl nach 2019 die bitterste Baku-Erfahrung. Er dachte, Piastris Rennpace sei nicht gut genug, und sah daher keine Notwendigkeit, den überraschenden Angriff abzublocken: "Ich dachte, es hieß einfach nur ruhig bleiben, die Reifen halten und ihn später wieder überholen. Aber das war viel schwieriger, ich kam nicht mehr nah genug ran. Wir haben das Rennen verloren, als ich nicht so verteidigt hatte wie ich sollte." Nächster Versuch: 2025. Wann? Das gibt es hier im Zeitplan: