Besondere Geschichten erfordern oftmals besondere Umstände. Der 17. Juli 2016 vor exakt zehn Jahren war so einer, als Rene Rast völlig überraschend in Zandvoort zu seinem DTM-Renndebüt kam. Was aus dieser damaligen Nacht-und-Nebel-Aktion resultieren sollte, ist bekannt: Rast zählt 138 Rennen später zu den prägendsten Gesichtern in der über 40-jährigen Geschichte der DTM.

Drei Titelgewinne, 31 Siege, 59 Podestplätze, mit 26 Pole Positions die meisten aller Fahrer sowie die drittmeisten Punkte im Allzeit-Ranking - ein Platz in den Annalen der deutschen Traditionsserie ist dem gebürtigen Mindener für alle Zeiten sicher.

Magnussen feiert 1. WEC-Sieg mit BMW! Diskutable Rast-Strafe (11:06 Min.)

Rene Rasts unerwartetes DTM-Debüt: Vom Sofa ins Audi-Cockpit

Der Weg zu all' diesen Meilensteinen verlief mehr als kurios. Am Vorabend seines DTM-Debüts hatte es sich Rast eigentlich schon auf dem Sofa bequem gemacht, um den 30. Geburtstag seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau Diana zu feiern. Gegen halb Zehn klingelte plötzlich das Telefon. Ein Anruf, der seine Motorsport-Karriere komplett verändern sollte.

Am anderen Ende der Leitung: Dieter Gass, damaliger DTM-Leiter von Audi. Ob er Lust habe, DTM zu fahren, und zwar schon am nächsten Tag, bekam Rast völlig unverhofft zu hören. Was für eine Frage! Ausgerechnet er, der in den Jahren zuvor durch zahlreiche DTM-Sichtungslehrgänge von Audi und BMW gerasselt war, weil er nicht vom Fleck weg und ohne größere Vorbereitung schnell genug sein konnte.

Jener Rast, der nach einem Porsche-Test vor vielen, vielen Jahren als 'nicht nervenstark genug' beurteilt wurde - und später fünf Meisterschaften im Porsche Carrera Cup sowie dem Porsche Supercup gewinnen sollte und nebenbei die Bremsvorgänge revolutionierte, indem er die Gänge einfach ohne gedrückte Kupplung herunterschaltete.

Rene Rast 2016 beim DTM-Rennen in Zandvoort mit Audi
Rene Rast 2016 im DTM-Fahrerlager von Zandvoort, Foto: IMAGO/nordphoto

Wie Rene Rast zu seinem unverhofften DTM-Debüt kam

Eine Gelegenheit, die sich Rast nach vielen Aufs und einigen Abs seiner bisherigen Karriere natürlich nicht entgehen lassen konnte. "Mir wurden viele Steine in den Weg gelegt und viele Türen vor der Nase zugeschlagen. Und wenn sich mal eine geöffnet hat, dann meist nur kurz", sagte uns Rast später einmal und erinnerte sich dabei sicherlich auch an die zahlreichen verpassten DTM-Chancen.

Die Türe zum DTM-Debüt in Zandvoort war nur einen Spalt weit offen und hatte sich tatsächlich überhaupt erst durch das Pech eines Rennfahrer-Kollegen geöffnet. Der damalige Audi-Werksfahrer Adrien Tambay hatte sich im Samstagsrennen die linke Hand in Folge einer Startkollision mit Mercedes-Pilot Maximilian Götz verletzt und musste für den Sonntag aussetzen. Somit wurde im #72 Audi RS 5 DTM des Audi-Team Rosberg - mit dem er 2017, 2019 und 2020 drei Titel holen würde - ein Platz frei, den Rast nun ausfüllen sollte. Ein Fahrzeug, das Rast zuvor nie gefahren war.

Zu diesem Zeitpunkt war der damals 29-Jährige bei Audi als LMP1-Ersatzfahrer in der WEC angestellt, mit ungewisser Zukunft beim Autobauer aus Ingolstadt. Trotz zahlreicher Erfolge im GT3-Sport hätte es Rast unter anderen Umständen wohl nie in die DTM geschafft. Unter dem früheren Motorsportchef Dr. Wolfgang Ullrich hatte er nämlich keine Chance auf ein Cockpit. Nur die Tatsache, dass der ehemalige VW- und Audi-Entwicklungschef Dr. Ulrich Hackenberg von Rasts Können überzeugt war, sorgte dafür, dass er letztendlich doch noch für Audi in der DTM auf Punktejagd gehen konnte.

Rene Rasts erste DTM-Runden im Rosberg-Audi, Foto: Audi
Rene Rasts erste DTM-Runden im Rosberg-Audi, Foto: Audi

"Ich habe nicht einmal den ersten Gang gefunden"

Rast ("Ich habe immer wieder gesagt, dass ich nicht das Super-Talent bin") galt stets als akribischer Arbeiter, der sich an Rennwochenenden gerne einmal die Nächte mit ausgiebigen Daten-Analysen um die Ohren schlägt. Nicht so damals in Zandvoort, wo er nach einer stundenlangen Autofahrt mit Manager Dennis Rostek am Steuer erst gegen zwei Uhr nachts im Hotel ankam und sich den Wecker für 05:45 Uhr am nächsten Morgen stellen durfte.

Eine kurze Anweisung samt Sitzanpassung später saß er schon am Steuer von Tambays Audi, bereit, im 30-minütigen Training zumindest ein wenig Erfahrung zu sammeln. So zumindest der Plan. Die Realität damals: "Als ich das erste Mal rausfahren wollte, habe ich nicht einmal den ersten Gang gefunden. Es ging alles so schnell."

Rene Rast musste sich damals Edo Mortaras Rennoverall leihen, Foto: Audi
Rene Rast musste sich damals Edo Mortaras Rennoverall leihen, Foto: Audi

Rast: DTM-Debüt in Edo Mortaras Rennoverall

Wie schnell wirklich alles gehen musste, war in Zandvoort kaum zu übersehen: Rast konnte in der Kürze der Zeit zwar noch einen Helm, aber nicht einmal seinen eigenen Rennoverall organisieren. Stattdessen musste er sich im Kleiderschrank des ähnlich großen Audi-Markenkollegen Edoardo Mortara bedienen. Und so bestritt Rast seine ersten offiziellen DTM-Runden mit der Namensnennung 'E. Mortara' auf dem rot-weißen Overall.

Quasi ohne Vorbereitung belegte Rast im Freien Training den 24. und damit letzten Platz in der Zeitenliste. Ähnlich lief im anschließenden Qualifying mit Startplatz 22 und 1,3 Sekunden Rückstand auf Rosberg-Teamkollege Jamie Green, der das Rennen von der Pole Position gewinnen sollte. Rast belegte bei vier ausgefallenen Fahrern den 18. Rang auf dem Dünenkurs, ließ sich nichts zu Schulden kommen, stach aber auch nicht besonders hervor.

Rast erreichte bei seinem DTM-Renndebüt den 18. Platz, Foto: DTM
Rast erreichte bei seinem DTM-Renndebüt den 18. Platz, Foto: DTM

Zandvoort als Eintrittskarte zu einer großen DTM-Karriere

Viel wichtiger damals als die Ergebnisse: Rast sicherte sich nach dem Zandvoort-Debüt einen weiteren DTM-Einsatz beim Saisonfinale in Hockenheim, weil Stammfahrer Mattias Ekström für die Rallycross-WM freigestellt wurde. Schon beim vorangegangenen Rennwochenende in Ungarn durfte Rast das DTM-Team begleiten, um zu lernen und deutlich besser vorbereitet seine nächsten Rennen bestreiten zu können.

Ein richtungsweisender Deal, an dem sicherlich Rasts damaliger und heutiger Manager Dennis Rostek beteiligt war. Jener Rostek, der an Rast glaubte, als es kaum jemand anders tat. Bei dem er im Juni 2005 seinen ersten Vertrag unterschrieb, weil Rostek - selbst Rennfahrer - Onboard-Aufnahmen aus Rasts Einheits-Renn-Polo sah, die ihn überzeugten. Kein Wunder, war darauf doch zu sehen, wie sich Rast am Lausitzring nach einem frühen Dreher vom 18. bis auf den vierten Platz nach vorne kämpfte.

Rast zahlte das Vertrauen zurück und ließ sein DTM-Talent schon beim Samstagsrennen auf dem Hockenheimring aufblitzen, als er im Phoenix-Audi den sechsten Platz belegte. Der Rest ist Erfolgs-Geschichte.

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