1. Wofür wurde Leclerc so heftig bestraft?

In der letzten Rennrunde warf Charles Leclerc ein gutes Rennen und eine mögliche Podiumsplatzierung weg. In der vorletzten Runde ließ er sich vor dem Messpunkt extra hinter Oscar Piastri zurückfallen, um im letzten Umlauf den Overtake-Modus zu haben. Der Plan ging nach hinten los: Beim Rausbeschleunigen aus der ersten Kurvenkombination drehte sich Leclerc und schlug leicht an. Auf langsamer Fahrt konnte er sich noch ins Ziel retten, doch dort wartete dann eine Durchfahrtsstrafe auf ihn, die in eine 20-Sekunden-Strafe umgewandelt wurde.

Nach seinem Fauxpas kürzte Leclerc auf dem Weg ins Ziel mehrfach ab, fuhr in vielen Kurven innen am Scheitelpunkt vorbei und versuchte erst gar nicht, die Schikane zu nehmen. Auch wenn die Abkürzungen nicht reichten, vor George Russell und Max Verstappen über die Linie zu kommen, verschaffte sich Leclerc dennoch einen Vorteil dadurch. Die Häufigkeit der Missachtung der Streckenbegrenzungen sorgte für die Schwere der Strafe.

Dafür bekam Leclerc keine weiteren Strafen. Denn die Stewards untersuchten auch, ob er die letzte Runde mit einem unsicheren Auto fuhr. Obwohl der Ferrari kaum mehr nach rechts lenken konnte, ließen ihn die Richter der Formel 1 bei diesem Vorwurf davonkommen. Die kleine Berührung mit George Russell in der Zielkurve werteten alle Beteiligten als Rennzwischenfall.

2. Warum kam die Verstappen-Strafe erst nach dem Rennen?

Max Verstappen kam in Runde 6 zum ersten und einzigen Mal an die Box. Bei der Ausfahrt überfuhr er die weiße Linie. Eigentlich ein recht simpler Sachverhalt für Formel-1-Verhältnisse. Trotzdem vertagten die Stewards die Entscheidung für den Zwischenfall auf nach dem Rennen. Dabei sind die Stewards grundsätzlich dazu angehalten, Strafen möglichst zeitnah auszusprechen.

Das Problem war die Datenlage. Auf der Onboard von Verstappen war es nicht zweifelsfrei zu erkennen, ob er die weiße Linie überfahren hatte. Auf der Onboard von Lance Stroll, der direkt neben Verstappen fuhr, war es ebenfalls nicht zu erkennen, Fernando Alonso fuhr zu weit dahinter, um einen Blick darauf zu haben. Die Stewards wollten nach dem Rennen weitere Blickwinkel einholen. Darauf war schließlich zu sehen, dass Verstappen die Linie überfahren hatte. Die Fünf-Sekunden-Strafe war schließlich egal, weil Charles Leclerc, der direkt hinter Verstappen über die Linie kam, seinerseits ebenfalls bestraft wurde.

Strafen & Überschlag in Miami! Hat McLaren den Sieg verschenkt? (19:31 Min.)

3. Warum war Bottas in der Boxengasse viel zu schnell?

Bei Valtteri Bottas läuft in seiner Comeback-Saison noch nicht viel zusammen. In Miami kassierte er eine Durchfahrtsstrafe, weil er sich in der Boxengasse nicht ans Tempolimit hielt. Eine Durchfahrtsstrafe? Ja, für schwere Vergehen gibt es die tatsächlich noch. Bottas war nicht minimal zu schnell, er hatte 89,5 statt der erlaubten 80 Stundenkilometer auf dem Tacho. Die Richtlinien schreiben ab einer Überschreitung von 6 km/h eine Durchfahrtsstrafe vor.

Valtteri Bottas konnte seinen Fauxpas nach dem Rennen erklären. Bei Cadillac gibt es Probleme mit den Knöpfen auf dem Lenkrad, die nicht jede Fahrereingabe problemlos annehmen. "Ich habe ihn nicht fest genug gedrückt", erklärte Bottas. Das Problem ist bekannt, ein Update ist beim Neueinsteiger bereits in Arbeit.

4. Hätte Norris mit der richtigen Strategie gewonnen?

Lando Norris ärgerte sich nach dem Miami GP, weil er glaubte, die Chance auf den Sieg an der Box verloren zu haben. Tatsächlich führte der Weltmeister vor seinem Boxenstopp, kassierte aber den Undercut von Kimi Antonelli, der eine Runde früher zum Boxenstopp kam. Doch es bleiben zwei Fragen: War es wirklich der Undercut, der Norris die Position kostete? Und hätte er gewinnen können, wenn er vorne geblieben wäre?

Die zweite Frage lässt sich unmöglich beantworten. Auch Norris gibt zu, die Antwort darauf nicht zu kennen, Antonelli war insgesamt einen Tick schneller. Aber er musste erst vorbeikommen. Dabei half die McLaren-Strategie, aber sie war nicht allein schuld. De facto kam Norris knapp vor Antonelli zurück auf die Strecke, hatte aber auf den kalten Reifen keine Chance, sich zu verteidigen.

Norris muss sich aber etwas anderes ankreiden lassen: Auf seiner Inlap machte er einen größeren Fehler in Kurve acht, der ihn gut sieben Zehntelsekunden kostete. Ohne den Fehler wäre die McLaren-Strategie womöglich aufgegangen. Beim Boxenstopp selbst verlor Norris übrigens weniger Zeit, als man vermuten könnte. Die Einblendung der internationalen Bildregie stimmte nicht ganz, Norris wurde nicht in 2,8 sondern in 2,43 Sekunden abgefertigt. Mercedes war trotzdem etwas schneller: Bei Antonelli dauerte der Reifenwechsel nur 2,16 Sekunden.

5. Warum wurde Lawson nicht bestraft?

Der Überschlag von Pierre Gasly geht klar auf die Kappe von Liam Lawson - oder doch nicht? Gasly jedenfalls konnte nichts dafür, er ließ auf der Innenseite genügend Platz. Lawson untersteuerte in den Alpine-Piloten rein, wurde aber nicht bestraft. Ein Getriebeproblem war schuld, dass bei Lawson in der Bremsphase die Hinterachse kurz blockierte. Beim Runterschalten ging der fünfte Gang kaputt. Das war auf den Onboard-Aufnahmen gut zu hören. Letztlich musste Lawson seinen Boliden deshalb auch abstellen. Die Stewards akzeptierten die Erklärung und sprachen keine Strafe aus.

6. Warum musste Hadjar aus der Boxengasse starten?

Für Isack Hadjar lief in Miami wenig zusammen. "Mir fehlt die ganze Zeit immer nur eine Zehntel auf Max, jetzt plötzlich eine Sekunde", zeigte sich der Franzose ratlos. Ein Großteil des Rückstands kam von der Technik, Hadjar verlor überproportional viel Zeit auf den Geraden. Red Bull konnte das Problem vom Sprint-Qualifying zum Qualifying nicht lösen.

Weil Hadjar im Qualifying wegen eines 2 Millimeter zu großen Floorboards disqualifiziert wurde, hätte er das Rennen ohnehin von ganz hinten aufnehmen müssen. Red Bull nutzte die Gelegenheit und baute ihm eine neue Batterie ein. Für Batterie Nummer vier in dieser Saison hätte es eigentlich nur eine Startplatzstrafe gegeben. Red Bull wechselte das Bauteil aber ohne die Erlaubnis der FIA, wodurch die Parc-ferme-Regeln gebrochen wurden. Das zieht automatisch einen Start aus der Boxengasse nach sich.

7. Was lief bei Lewis Hamilton schief?

Während Charles Leclerc zumindest zu Rennbeginn um den Sieg mitzufahren schien, fuhr Lewis Hamilton ein äußerst unauffälliges Rennen. Der Rekordsieger der Formel 1 schlich auf Platz sieben im Niemandsland ins Ziel. "Mein Auto wurde beim Zweikampf mit Colapinto beschädigt, dadurch habe ich eine halbe Sekunde Performance verloren", erklärte Hamilton.

Auch er war einer der Leidtragenden des Verstappen-Drehers, weshalb Hamilton in der Startrunde gegen Colapinto kämpfen musste. Beim Zweikampf fielen Teile des Ferrari ab. Die Stewards sahen im Zwischenfall einen normalen Rennunfall. Am Ende erbte Hamilton durch die Leclerc-Strafe noch Platz sechs.

Startchaos beim Miami GP
Der Start in Miami verlief chaotisch, Foto: IMAGO/PsnewZ

8. Was ging bei Nico Hülkenberg schon wieder kaputt?

Miami war ein schwarzes Wochenende für Audi. Die Performance stimmte, aber die Zuverlässigkeit ließ einmal mehr zu wünschen übrig. Nach einem Feuer, das im Heck des R26 auf der Sichtungsrunde zum Sprint ausbrauch, konnte Nico Hülkenberg am Samstag nicht an den Start gehen. Gabriel Bortoleto wurde disqualifiziert, weil bei ihm zwischenzeitlich ein zu hoher Ladedruck festgestellt wurde. Im Qualifying später schied der Brasilianer wegen einer brennenden Bremse aus.

Im Rennen ging die Defektserie weiter. Am Frontflügelschaden war Hülkenberg noch selbst schuld, eine leichte Berührung in Kurve 1 nach dem Start reichte. Wenige Runden später blieb sein Getriebe im ersten Gang stecken. Hülkenberg sollte seinen Boliden am Streckenrand abstellen, schaffte es aber immerhin noch aus eigener Kraft an die Box - weiter aber nicht. Wieder machte die anfällige Hydraulik Audi einen Strich durch die Rechnung.

9. Warum war Sainz sauer auf Verstappen?

"Er denkt, er kann alles machen, was er will, nur weil er im Mittelfeld unterwegs ist", schimpfte Carlos Sainz über seinen ehemaligen Teamkollegen Max Verstappen. Nach seinem Dreher am Start pflügte Verstappen durchs Feld. An Sainz ging der Red-Bull-Pilot besonders aggressiv vorbei. "Das war ein verrücktes Manöver", sagte Sainz. Der Niederländer war so spät auf der Bremse, dass er selbst die Kurve fast nicht bekam, Sainz musste ausweichen und verlor dabei eine Position an Teamkollege Alexander Albon.

"Was Verstappen in Kurve 17 gemacht hat, war nach dem Motto: Wir sind im Mittelfeld, wir müssen Platz machen", sagte Sainz nach dem Rennen. "Vielleicht war es der Frust nach seinem Dreher", mutmaßt er. Auch der Verstappen-Dreher kostete Sainz Plätze, weil er auf die Bremse musste, um eine Kollision zu vermeiden.

10. Warum wartete Alonso so lange mit seinem Boxenstopp?

Aston Martin ist bislang chancenlos. Der einzige Gegner ist Cadillac. Der Abstand zum Rest des Feldes ist gigantisch. Deshalb versucht man es mit ausgefallenen Strategien. Weil einige Wettermodelle während des Rennens Regen vorhersagten, wollte man mit Fernando Alonso möglichst lange draußen bleiben, um dann direkt auf Intermediates oder Regenreifen wechseln zu können.

Der Regen kam aber nicht und so fuhr Alonso vergeblich 41 Runden auf seinen Medium-Startreifen. Der Spanier zweifelte aber ohnehin an der Sinnhaftigkeit des Unterfangens: "Wir sind so weit weg, dass die anderen sich schon einen Extra-Stopp erlauben können."