Die Formel E hatte es in Deutschland zuletzt nicht leicht. Nach der großen Hersteller-Euphorie in den späten 2010er Jahren folgten 2021 und 2022 zunächst die Ausstiege von Audi, BMW und Mercedes. Nachdem Opel zur Saison 2026/27 in die Elektroweltmeisterschaft einsteigt, gibt es gemeinsam mit Porsche zumindest in dieser Hinsicht aber wieder Grund zur Freude. Von einem Schock hat sich die Formel E derweil nach wie vor nicht erholt: Dem abrupten Ende bei TV-Sender ProSieben Ende 2023, seitdem sie medial zuweilen im Niemandsland verschwunden ist.
Seit Jahren steht das Thema Reichweite weit oben auf der Prioritätsliste der Hersteller im wichtigen Markt Deutschland – am vergangenen Wochenende angesichts des Rennens in Berlin besonders. "Wir müssen besser werden", nahm der deutsche Vertriebsvorstand von Seat, Sven Schuwirth, gegenüber Motorsport-Magazin.com kein Blatt vor den Mund. Seat-Tochter Cupra geht in der Formel E als Titelsponsor des US-amerikanischen Kiro-Teams an den Start, war zuvor aber etwa auch Partner des deutschen Abt-Teams.
Cupra-Vertriebschef mit harscher Kritik: Sind visuell und medial von Öffentlichkeit abgetrennt
"Da ist mehr Potenzial", so Schuwirth im Hinblick auf das Berlin-Rennen weiter. "Als das hier begonnen hat, hatten wir mehr Zuschauer! Da muss man mehr in die Gesellschaft eintauchen." Tatsächlich reduzierte die Formel E in diesem Jahr die Tribünenplätze im Vergleich zum Vorjahr, in dem, auch aufgrund regnerischen Wetters, viele Plätze leer blieben. Zwar war der Andrang auf die weniger verfügbaren Plätze so groß, dass schließlich doch noch eine zusätzliche Tribüne aufgebaut wurde, insgesamt blieb die Anzahl aber dennoch hinter 2025 zurück.
"Wir sind Automobilland und haben die elektrische Weltmeisterschaft direkt in der wichtigsten Stadt dieser Republik. Und ich schaue hier auf das Gebäude vom Tempelhofer Feld und wir sind nicht nur visuell, sondern auch medial ein bisschen abgetrennt und das müssen wir dringend ändern“, forderte Schuwirth. "Berlin ist ein schwieriges Pflaster, aber bietet auch unbegrenzte Möglichkeiten. Vielleicht sollte man auch mal ein Pop-Up-Konzert umsonst machen, um ein bisschen mehr ins Gespräch zu kommen. Das ist nach wie vor ein Kritikpunkt."
Formel E in Deutschland: Das Damoklesschwert TV-Übertragung
Dabei muss jedoch erwähnt werden, dass sich die Formel E in diesem Jahr beim Rahmenprogramm durchaus mehr ins Zeug legte und mit Auftritten von Künstlern wie Max Giesinger auch für Unterhaltung in den teilweise langen Pausen sorgte. Dennoch: Die Sichtbarkeit des Events in der Stadt selbst blieb überschaubar. Vor allem im Vergleich zu anderen Austragungsorten hinkt Berlin dahingehend hinterher, so Schuwirth: "In Mexiko sind die Rennen Volksfest. In Madrid lief das Rennen live im öffentlich-rechtlichen. Das war so schnell ausverkauft mit 30.000 Menschen. Da wurde auch vorher schon in der Stadt drüber geredet und da sind auch Aktivitäten drumherum gelaufen. Das kann man besser machen.“

Über allem auf dem deutschen Markt, so auch dem Berlin-Rennen, schwebt aber das Thema TV. "Es ist schon schwierig, als deutscher Formel-E-Fan Zugang und Informationen zu bekommen", haderte Schuwirth. „Wir haben sicherlich nicht die Fernsehpräsenz, die wir uns wünschen", stimmte der Teamchef des ab der Saison 2026/27 neuen Opel-Werksteams, Jörg Schrott im exklusiven Gespräch mit Motorsport-Magazin.com zu. "Das ist ein Thema, das klar adressiert ist."
Porsche bleibt bei Kritik: Sind in Deutschland nicht glücklich
Einzig: Eine Adressierung der Thematik ist nicht neu. Gerade bei Porsche kann man von den Bemühungen der vergangenen Jahre auf eine Besserung im schwierigen deutschen TV-Markt mit einer überschaubaren Anzahl an reichweitenstarken Sendern ein Lied singen. Insgesamt herrscht bei allen Herstellern aber auch Einigkeit darüber, dass der aktuelle Status quo auch nicht zu schlecht geredet werden sollte – gerade im Hinblick auf die internationale Ausrichtung der Rennserie. "Es ist nicht so, dass es generell überall schlecht ist. Das wäre unfair", so Porsche-Motorsportchef Thomas Laudenbach zu Motorsport-Magazin.com. "Aber wir sind nun mal in Deutschland beheimatet und da sind wir nicht glücklich."
Beim Formel-E-Rennen in Berlin siegte Mitch Evans. Pascal Wehrlein konnte die WM-Führung wieder übernehmen.
Aber auch in Berlin selbst wurde nicht nur abseits, sondern auch auf der Strecke am Programm gefeilt. Gerade Porsche legte sich angesichts des 75-jährigen Motorsportjubiläums in diesem Jahr in Berlin ordentlich ins Zeug und sorgte mit einer Reihe an Retro-Boliden dafür, dass zwischen Qualifying und Rennen keine völlige Stille auf der Strecke herrschte. "Ich will gar nicht kritisieren, was schon gemacht wird", stellte auch Schuwirth klar. "Aber es muss mehr gehen. Es ist genug Platz auf dieser medialen Erde für eine weitere erfolgreiche Motorsport-Serie, insbesondere in Deutschland."
Gelingt die Trendwende? Formel-E-CEO: Bedeutsame Gespräche aktuell schwierig
Insgesamt bleibt daher vor allem der Wunsch auf Besserung: "Ich fände es jammerschade, wenn das Berlin-Rennen nicht ein Stück weit in die Puschen kommt", so Schuwirth. Und: Es Bleibt zumindest Optimismus. "Was ich spüre ist der Wille von anderen Teams, Herstellern und der Formel E, etwas Gutes, was schon da ist, noch besser zu machen", beschrieb Schrott. "Da ist ein gemeinsames Verständnis da."
Dem stimmt auch Porsche-Mann Laudenbach ungebrochen zu: "Da tut man sehr viel, um das zu ändern, was ja auch nicht ganz so einfach ist. Am Ende des Tages ist das auch ein kommerzielles Thema. Aber es ist der Formel E sehr wohl bewusst und sie sind da intensiv dran“, so Laudenbach. Das sieht wenig überraschend auch die Formel E selbst so. "Deutschland bleibt ein Schlüsselmarkt für uns", so CEO Jeff Dodds vor Kurzem im exklusiven Gespräch mit Motorsport-Magazin.com.
Zugleich kam auch Dodds aber auf die grundsätzlich komplizierte Situation in der deutschen TV-Landschaft zu sprechen. "Im Moment wirklich bedeutsame Gespräche zu führen ist schwierig, weil der Übertragungsmarkt gerade dabei ist, sich wieder zu festigen", meinte der Formel-E-Boss mit Verweis auf die jüngste Übernahme von ProSieben.Sat1 durch die italienische Mediaset-Gruppe und den Kauf von Sky durch RTL an.
Formel-E-Gründer vor Gen4 optimistisch: Es muss nur Klick machen
Aber auch beim Management der Serie ist der Optimismus trotz mittlerweile drei Jahren TV-Misere nicht abhandengekommen. "Vor anderthalb Jahren hatten wir in Spanien überhaupt keine Sichtbarkeit", rechnete Formel-E-Mitgründer und Chief Championship Officer Alberto Longo am Rande des erfolgreichen Madrid-Wochenendes gegenüber Motorsport-Magazin.com vor. "Heute haben wir fünf Sender, die dieses Rennen live übertragen und drei Sender für die gesamte Meisterschaft. Es ist nur eine Frage, wann es Klick macht. Und ich weiß, dass wir auch in Deutschland dorthin kommen werden!"
Passend wäre ein Neustart im TV zur neuen Saison nicht nur durch den Einstieg Opels, sondern auch durch die Ankunft des neuen Gen4-Reglements, das beeindruckende Leistungsdaten verspricht und auch schon bei Testfahrten ordentlich Eindruck im Fahrerlager und bei Medienvertretern hinterlassen konnte. Die Zielsetzung ist daher klar. "Wir müssen dieses Momentum jetzt auch nutzen, um der Reichweite der Rennserie einen massiven Boost zu geben", fordert Laudenbach.

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