Wir als Formel 1 haben nichts erreicht. Und diese vermaledeiten "Driving Standards Guidelines" haben alles nur noch schlimmer gemacht. Das ist für mich nach diesem Brasilien-GP, und nach der Strafe für Oscar Piastri, viel zu offensichtlich, als dass wir es noch länger ignorieren können. Das muss jetzt gelöst werden.

Oscar Piastri wurde von den Stewards in ihrem Urteil als "vollständig verantwortlich für die Kollision" beim Restart in Interlagos ausgemacht, als er Kimi Antonelli rammte und dadurch auch eine Kollision mit dem unschuldigen Charles Leclerc auslöste. "Vollständig" ist eine absurde Sicht der Dinge. Also, der Reihe nach.

Piastri versuchte innen bei drei Autos nebeneinander sein Glück. Er war spät dran, aber sicher nicht zu schnell, sondern absolut in der Lage, das Auto zu verlangsamen und die Kurve zu bekommen. Antonelli, in der Mitte, begann in der Bremszone immer weiter nach links zu driften, entweder um Piastri abzuschrecken oder um dem außen fahrenden Leclerc mehr Platz zu geben oder einfach um aggressiv die Kurve anzufahren.

Egal, jedenfalls tat er es und da Leclerc in weiser Voraussicht beiden weit mehr als die nötigen zwei Fahrzeugbreiten Platz ließ, macht Antonelli sich zum Mitschuldigen in einer 50-50-Situation. Er hätte nicht so weit reinziehen müssen. Piastri verbremste sich in der Kurve nicht, weil er zu spät dran war. Er verbremste sich, weil er realisierte, dass Antonelli drauf und dran war, ihn zu ignorieren und ihm beinhart gegen die Vorderachse zu knallen. Fazit: Wer so spät reinhält wie Piastri, riskiert den Unfall. Wer so früh in die Kurve einlenkt wie Antonelli, riskiert den Unfall. 50-50.

Das ist bei weitem nicht allein meine Meinung, selbst der definitiv unschuldige Charles Leclerc sieht das so und hätte keinem der beiden eine Strafe gegeben. Doch die Stewards nennen Piastri "vollständig verantwortlich". Damit kann man es sich einfach machen. So kommen wir jetzt zu den "Driving Standards Guidelines". Vollständig zu lesen übrigens hier:

Kurz: Darin wird erläutert, wie gewisse Renn-Situationen für die Stewards zu behandeln sind. Dabei handelt es sich um Guidelines, Richtlinien. Ich zitiere wortwörtlich aus dem Dokument: Motorsport ist ein dynamischer Prozess. Auch wenn diese Richtlinien spezifische relative Positionen der Autos an diversen Punkten hervorheben, werden die Stewards stets in Betracht ziehen, wie die Situation gesamtheitlich ablief, wenn sie einen Zwischenfall untersuchen.

Brasilien-Stewards strafen mit Schablone & ignorieren Renn-Kontext völlig

Solche Nuancen gingen offenbar an den Brasilien-Stewards vorbei. Sie straften stur nach den drei Hauptpunkten für richtiges Überholen auf der Innenbahn ab. Klar, wenn wir denen folgen, ist Piastri schuldig. Er ist zum Unfallzeitpunkt nicht wie von den Richtlinien verlangt auf Höhe von Antonellis Rückspiegel. Also hat er kein Platzrecht. Aber hier ignorieren wir einfach komplett, welche Rolle Antonelli bei der Kollision spielt.

Eine Beispiel-Grafik, wie ein McLaren zu spät versucht, einen Red Bull zu überholen
Angreifen innen: So nicht, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage
Eine Beispiel-Grafik, wie ein McLaren korrekt innen einen Red Bull überholt
Angreifen innen: So schon, Foto: IMAGO / PsnewZ / Montage

Piastri hätte es nämlich höchstwahrscheinlich auf die Höhe von Antonellis Spiegel geschafft. Nur stieg er fester auf die Bremse, als er realisierte, dass Antonelli früher nach links zog. Das Absurde an der Geschichte: Hätte Piastri einfach reingehalten, wäre es mit Sicherheit so abgelaufen: Er hätte mit seinem Vorderrad Antonellis Seitenkasten getroffen. Beide wären ganz abgeflogen und Leclerc gleich mit. Und Piastri hätte keine Strafe bekommen. Weil er diesmal weit genug vorn gewesen wäre, wodurch es Antonelli nicht mehr zustand, weiter nach innen zu ziehen.

Piastris Versuch, sich gegen einen aggressiven Antonelli doch noch aus der Affäre zu ziehen und Schlimmeres zu verhindern, trug ihm die Strafe überhaupt erst ein. Aber das ist Racing, zwei Fahrer verschätzen sich, kollidieren, fertig. Warum haben wir überhaupt dann in den Richtlinien den Hinweis stehen, dass es nur Richtlinien sind, wenn wir uns nicht die Mühe machen wollen, mehr zu tun als die vorangestellte Straf-Schablone über jeden Zwischenfall zu legen?

Die Formel 1 zerstört den Sport für die Illusion von "Konstanz"

Oder geht es darum, dass man sich nicht den Ärger machen will? Formel-1-Fahrer und Formel-1-Teams sind berühmt für ihr Meckern. Wir kennen alle die Piloten (Warum denke ich da nur gerade an George Russell...?), die sogar aus dem Cockpit direkt aus den Richtlinien zitieren. Da können wir uns schon ausmalen, was freitags im Fahrerbriefing mit der Rennleitung dann gesagt wird.

Sich also auf die expliziten Situationen in den Richtlinien zu beschränken, hat was von "Ich wasche meine Hände in Unschuld." Mit Unterton: Ihr wolltet es doch so. Ihr wolltet Konstanz. Da habt ihr eure Konstanz. Jetzt habt ihr keinen Grund, zu jammern. Aber nur mehr nach den Richtlinien zu fahren, hat nichts mit dem Motorsport zu tun, den wir kennen. Es sieht einfach nicht gut aus. Ob Fahrer, Teams, FIA oder Stewards - irgendwer muss das jetzt mal eingestehen.

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