Max Verstappen fuhr in Brasilien sensationell nach einem Start aus der Boxengasse und einem Reifenschaden allen Erwartungen zum Trotz auf das Podium. Danach ist aber sein letzter Boxenstopp in der Formel 1 heiß diskutiertes Thema. Weil diesmal Red Bull freiwillig die Führung an McLaren abtrat. Die Analyse prüft noch einmal, ob Verstappen nicht eigentlich gewinnen hätte können.
Es macht wenig Sinn, irgendetwas von dem, was in den ersten 20 Runden bei Verstappen passierte, groß unter die Lupe zu nehmen. Er startete mit der Absicht eines langen ersten Stints auf dem Hard aus der Box, nachdem das Team sein Setup über Nacht komplett umgekrempelt hatte. Den Hard musste er unter dem Virtuellen Safety Car in Runde 7 wegen eines von Trümmern ausgelösten schleichenden Plattfußes aber schon abgeben.
Ab da fuhr Verstappen Medium, und bis Runde 20 tat er das im Verkehr und musste ständig überholen. Ab Runde 21 war er dann endlich erlöst. Sechs hatte er selbst abgefertigt, der Rest des Mittelfeldes bog vor ihm jetzt zum ersten Stopp ab. Jetzt konnte Verstappen zeigen, was der umgebaute Red Bull wirklich konnte. Das war einiges, wie sich gleich herausstellte.
Bei freier Fahrt fuhr Verstappen sofort wieder im 1:14er-Bereich. Ähnliche Zeiten wie Lando Norris an der Spitze. Obwohl der anders als Verstappen das ganze Rennen bis jetzt in freier Fahrt verbracht hatte. Für den Reifen waren die Zweikämpfe ein immenser Nachteil. "Das war ein schwieriger Stint gegen Ende, in den letzten acht bis zehn Runden", meint Verstappen.
Mit diesem Stint fuhr sich Verstappen in Brasilien in den Podiums-Kampf
Red Bull ließ ihn trotzdem länger draußen. Womöglich in der Hoffnung, mit nur einem weiteren Medium-Stopp durchzufahren, anders als die Spitze, die bereits auf zwei Stopps umgeschwenkt hatte. Doch wenn der Reifen in Brasilien mit zunehmendem Alter eines zeigte, dann war es Inkonstanz. Verstappens Zeiten begannen zu schwanken, nach Runde 34 wurde er zum Wechsel auf den zweiten Medium an die Box geholt.
Doch Verstappens starke Pace hatte ihn jetzt schon in eine hervorragende Lage gebracht. Dass er in Brasilien eigentlich schnellster Mann war, sieht man an der Rennzeit ab Runde 21 - also ab der freien Fahrt. In der verbleibenden Rennstunde nahm er Norris über acht Sekunden ab. Auf die beiden Mercedes von Kimi Antonelli und George Russell gewann er sogar über zehn Sekunden.
| Rennzeit ab Runde 21 | |
|---|---|
| Verstappen | 1:03:33,767 |
| Norris | + 08,351 |
| Piastri * | + 09,718 * |
| Antonelli | + 11,526 |
| Russell | + 14,054 |
| * Strafe bereits abgezogen |
Dank des vermeintlich unglücklichen Reifenschadens zu Beginn hatte Verstappen außerdem nun den Vorteil, die Pflicht der zwei Reifenmischungen bereits erfüllt zu haben. So konnte er in der Theorie - wenn er denn wollte - die Angelegenheit in ein De-Facto-Einstopprennen mit zwei Stints auf davor unbenutzten Mediums verwandeln. Beide McLaren und beide Mercedes hatten zu diesem Zeitpunkt bereits in den Zweistopp-Modus gewechselt.
Norris, George Russell und Oscar Piastri mussten sich dafür auf anfälligen alten Soft, die sie bereits im Qualifying gefahren hatten, durch schwierige Mittelstints quälen. Verstappen gewann weiter Zeit, besonders auf Norris, der mit dem Soft völlig zahnlos schien. Über neun Sekunden verlor er auf Verstappen, ehe McLaren ihn in Runde 50 zum zweiten Stopp rief und für das Finale endlich wieder Medium aufsteckte. Aber weil Verstappen so viel Zeit gewonnen hatte, spitzte sich die Angelegenheit nur weiter zu.
Streitfall letzter Stopp: Warum stoppt Red Bull hier?
Die neun verlorenen Sekunden bedeuteten, dass Norris 20 Runden vor Schluss jetzt acht Sekunden hinter Verstappen zurück auf die Strecke kam. Und sein Reifen-Vorteil war gar nicht so groß. McLaren hatte ihm neun Runden alte Medium aus dem Sprint-Qualifying mitgeben müssen. Neue hatte man keine mehr, denn man hatte am Freitag im 1. Training schon Mediums getestet. Darauf hatte Red Bull verzichtet.
Norris begann aufzuholen, aber recht mühsam. Hier kurz zur Erinnerung: Er hatte Verstappen am Ende von dessen erstem Stint schon einmal draußen auf der Strecke überholt. Locker, da allerdings mit einem Reifen-bedingten Pace-Vorteil von guten neun Zehnteln. Jetzt, auf dem gebrauchten Medium, war er im ersten vergleichbaren Umlauf nur mehr fünf Zehntel schneller.
Nur schien Red Bull darauf nicht zu schauen. Eine Runde später bog Verstappen zum Wechsel auf Soft ab und überließ Norris kampflos den Sieg. "Ich hatte darauf gehofft, das hat unser Leben etwas einfacher gemacht!", scherzt McLaren-Teamchef Andrea Stella nach dem Rennen. "Im Ernst: Der Abbau war heute sehr hoch. An einem Punkt geht den Reifen schlicht der Gummi aus. Sie wussten bei Red Bull, dass das Durchfahren ein signifikantes Risiko barg."
"Ich denke es gab keine Chance, dass wir P1 halten hätten können, wenn man sich den Abbau anschaut", unterschreibt das Red-Bull-Teamchef Laurent Mekies. Verstappen hatte schließlich auch in seinem ersten Medium-Stint gegen Ende hin merklich abgebaut. Mit einem neuen Soft fiel Verstappen auf Rang vier zurück, konnte aber damit pushen, George Russell überholen, und am zweitplatzierten Kimi Antonelli scheiterte er nur knapp.
Zeigen Lawson, Hülkenberg & Piastri Red Bulls Fehler auf?
Das Ergebnis des Rennens zieht Red Bulls Stopp nur unweigerlich in Zweifel. Beginnend mit der Tatsache, dass klare Beweise für einen Punkt des Reifen-Einbruchs fehlen. Liam Lawson hatte in Runde 19 auf neue Medium gewechselt und war damit die verbleibenden 52 Runden durchgefahren, um sich P7 zu holen. Der Abbau hielt sich in Grenzen, erst ab seiner 30. Runde begann er wirklich zu wanken und fuhr ab da ungefähr eine halbe Sekunde langsamer. Nicht einmal das aber jede Runde.
So konnte Lawson bis ins Ziel Nico Hülkenberg hinter sich halten. Der wiederum zeigte, dass man selbst den Soft lange am Leben halten konnte. Er war mit einem gebrauchten Satz 35 Runden ins Ziel gefahren, einen Teil davon verbrachte er in der verwirbelten Luft von Lawson. Diese Stints suggerieren doch, dass Verstappen das Risiko hätte eingehen können.
Erst recht, da Norris auf seinen alten Mediums nicht besonders beeindruckend fuhr. Zwar wurde er nicht langsamer, aber auch nicht schneller. Er selbst schwört nach dem Rennen, dass er nicht rausgenommen und Reifen gemanagt habe. Daraus entstehen infolgedessen Zweifel, ob er denn Verstappen überhaupt überholen hätte können.
Teamkollege Oscar Piastri hatte nämlich im letzten Stint die Reifen härter rangenommen, im Bestreben, noch die beiden Mercedes abzufangen. Mit ungefähr sieben Zehnteln pro Runde fuhr er ran an George Russell, dann spürte er die verwirbelte Luft des Mercedes, und seine (wie bei Norris alten) Mediums begannen zu überhitzen und abzubauen. Piastri konnte Russell nie angreifen.
Piastri blieb hängen, obwohl der Mercedes hintenraus im Rennen alles andere als beeindruckend schien. Das ist zum einen mehr Munition für das Argument, dass Verstappen hätte draußen bleiben können. Selbst wenn er Norris hätte ziehen lassen - der zweite Platz von Antonelli wirkt wie in Griffweite. Antonelli fuhr im letzten Stint ebenfalls nie mehr als eine halbe Sekunde schneller als das, was Verstappen in den letzten Runden vor seinem Boxenstopp zeigte. Aber er hätte über 12 Sekunden in 17 Runden zufahren müssen.
Was kostete Oscar Piastri die Strafe in Brasilien?
Dennoch sind solche Spekulationen immer gefährlich. Letztendlich war Verstappen in den Runden auf Medium weniger konstant geworden. Red Bull reagierte proaktiv, um mehr Verlust vorzubeugen. Der Abbau der Reifen war am Ende stark von der Aggressivität des Fahrers und vom Reifenalter abhängig. Norris baute in freier Fahrt gar nicht ab. Die Mercedes, die Verstappen aufhalten wollten, wurden im Schnitt um zwei Hundertstel pro Runde langsamer.
Die letzten beiden Stints wurden dafür zu einem Lebenszeichen von Oscar Piastri. Der WM-Zweite hatte sich im ersten Stint noch schwergetan, mit Norris mitzuhalten, aber McLaren macht dafür den Verbremser beim Restart verantwortlich, als er dort Kimi Antonelli rammte. Hintenraus war Piastri drittschnellster Mann, fast gleichauf mit Norris.
Das half ihm nur nichts, weil er für den Restart-Crash 10 Strafsekunden beim ersten Stopp hatte absitzen müssen. Ohne Kontakt wäre Piastri in diesem Rennen gar nicht einmal so ungefährlich gewesen - womöglich sogar für Norris, wenn das Doppel-Überholmanöver gegen Antonelli und Charles Leclerc gelungen wäre. Aber ohne dem Zwischenfall wäre sowieso ein völlig anderes Rennen gefahren worden.



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