Der WM-Kampf 2025 ist so spannend wie schon lange nicht mehr. Das Pendel schwingt von Rennen zu Rennen in eine andere Richtung. In Spa-Francorchamps stand Oscar Piastri auf dem Siegerpodest, auf dem Hungaroring hielt Lando Norris die Siegertrophäe in die Luft. Nach 14 Formel-1-Rennen trennen die Teamkollegen nur neun WM-Punkte. Sollte es weiter so knapp bleiben, könnte der Kampf um den Weltmeistertitel erst im letzten Rennen entschieden werden - zur Freude der Fans.

Norris vs. Piastri - Danner: Müssen mit Crash rechnen! (06:21 Min.)

Doch böse Zungen werfen McLaren vor, beide Fahrer nicht gleichwertig zu behandeln. In Belgien und Ungarn erhielt Piastri die vorher ausgemachte, Norris aber eine alternative Strategie. In den Ardennen machte es keinen Unterschied, auf dem Hungaroring schon. Da stellt sich die Frage: Sollte sich McLaren ein Beispiel an Mercedes von 2014 bis 2016 nehmen und im Sinne der Fairness beiden Fahrern ausnahmslos die gleiche, im Vorfeld abgesprochene Strategie geben? Die Motorsport-Magazin.com-Redakteure Edda Holweg und Max Piehler sind sich uneinig.

WM auf der Strecke entscheiden, nicht in der Box

Dass es bei McLaren keinen Nummer-1-Fahrer gibt, weiß mittlerweile wohl schon jedes Kind, so oft, wie die Papaya-Chefs Zak Brown und Andrea Stella danach gefragt werden. Man will beiden Fahrern eine faire Chance geben und niemanden strategisch bevorzugen, heißt es immer wieder. Doch in den letzten zwei Rennen war das nicht der Fall.

Man muss vorweg sagen, dass es keine absichtliche Bevorzugung war. In Spa war nicht klar, wie sich der äußerst harte Pirelli auf der Strecke verhalten würde. Dass Norris nicht langsamer war als Piastri auf dem Medium-Reifen, konnte keiner vorhersehen. Norris' Ein-Stopp-Strategie in Ungarn war ein reines Glücksspiel und nur möglich, weil er am Start Plätze verlor. Dennoch wurde Piastri die Option einer anderen Strategie nie gegeben.

In Belgien entschied sich McLaren erst kurz vor der Boxengasseneinfahrt für den Reifenwechsel. Sie fragten nicht nach Piastris Meinung, sondern handelten, wie vor dem Rennen ausgemacht. Die Entscheidung, bei Norris vom Plan abzuweichen, zwang den WM-Führenden, über 30 Runden auf den Medium-Pneus auszuharren. In Ungarn holte McLaren Piastri an die Box, obwohl er nichts über Reifenverschleiß funkte. Es war zwar eine perfekt exekutierte Zwei-Stopp-Strategie, aber auf dem überholfeindlichen Hungaroring war Norris mit nur einem Boxenstopp im Vorteil.

Um Bevorzugung - auch ohne Intention - in Zukunft zu vermeiden, sollte sich McLaren ein Beispiel an Mercedes nehmen. Zwischen 2014 und 2016 kämpften Nico Rosberg und Lewis Hamilton um den WM-Titel und bekamen strikt die gleiche Strategie. Auch, wenn sich im Rennen eine andere Vorgehensweise als besser herausstellte, war das Abweichen vom Plan unter allen Umständen verboten. Dadurch kam es auf die Fahrer an, wer am Ende auf dem obersten Treppchen stand.

Die ganze Formel-1-Welt dankt McLaren, dass sie ihre zwei WM-Anwärter gegeneinander fahren lassen. Wer auch immer dieses Jahr Weltmeister wird, es wird ein hart erkämpfter Titel sein, auf den derjenige extrem stolz sein kann. Doch wenn der Sieg nicht durch fahrerische Leistung, sondern durch eine ungleiche Behandlung errungen wird, dann wird die Saison 2025 und der erste WM-Titel immer einen bitteren Beigeschmack haben. Für die Fans und für die Fahrer.

Edda Holweg

Gleiche McLaren-Strategie: Dann können wir den Sonntag abschreiben!

Der Kampf um den WM-Titel ist das letzte verbliebene Fünkchen Spannung in dieser Saison. Denn: McLaren gewann 11 von 14 Rennen und in der Konstrukteurswertung hat Verfolger Ferrari nicht einmal halb so viele Punkte gesammelt wie die Mannschaft aus Woking. Mit verpflichtender Strategie-Gleichheit wird den Fans die letzte Hoffnung auf packende Zweikämpfe zwischen Oscar Piastri und Lando Norris genommen.

Fahrerisch sind beide WM-Anwärter so eng beieinander, dass keiner von ihnen bei gleicher Strategie mit der Pace den Unterschied ausmacht. Nur in 5 der 14 Rennen kamen beide in umgekehrter Reihenfolge ins Ziel. Dazu zählen auch Sonderfälle wie die Piastri-Strafe in Großbritannien, das Überholmanöver in Runde 1 auf der Kemmel-Geraden in Belgien und auch der zuletzt aus der Not geborene Norris-Strategiewechsel in Ungarn.

Damit das Rennwochenende nicht bereits nach dem Qualifying entschieden ist, muss der schlechter positionierte Pilot die Möglichkeit zur alternativen Strategiewahl bekommen. Schließlich sucht die Formel 1 den besten Renn- und nicht nur Qualifying-Fahrer. Bisher geht McLaren mit den viel diskutierten 'Papaya Rules' den richtigen Weg, beiden Piloten einen möglichst offenen Wettkampf zu bieten.

Im Gegensatz zu historischen teaminternen Duellen wie Alain Prost gegen Ayrton Senna und Nico Rosberg gegen Lewis Hamilton gibt es bei McLaren eine beeindruckende Fehlerkultur - wie bei Lando Norris nach seinem Kanada-Unfall. Um Konstrukteurs-Weltmeister zu werden, braucht es dieses Jahr keine Zusammenarbeit beider Fahrer mehr. Die verbleibenden zehn Rennen sind nur für den fairen und offenen WM-Kampf da.

Max Piehler

(Noch) versteht sich das McLaren-Duo Oscar Piastri und Lando Norris. Doch die Vergangenheit zeigt: McLaren-Teamkollegen können beides - Freund und Feind. Die Details gibt es hier: