Nach dem Rennen in Kanada bleibt bei vielen McLaren-Fans – und generell allen, die die Formel 1 verfolgen – nur eine Frage: Wieso? Wieso starteten Lando Norris und Oscar Piastri im äußerst sanften Nieselregen und einer trockenen Strecke auf Intermediate-Reifen? Da war das Desaster, das im folgenden Rennverlauf noch viel schlimmer werden sollte, schon vorprogrammiert. Teamchef Andrea Stella und seine beiden Fahrer bemühen sich nach dem Grand Prix um eine Erklärung.
"Man muss bedenken, dass wir die Reifen fünf Minuten vor dem Start montieren, etwa sieben Minuten vorher müssen wir die operative Entscheidung treffen", versuchte Stella Sinn in den Strategie-Fauxpas zu bringen. "Unserer Ansicht nach war die Strecke schmierig und es hat geregnet. Wir hatten bereits Probleme, die Temperatur in die Reifen zu bekommen, deshalb dachten wir, wir treffen die richtige Wahl." Eine gesplittete Strategie für Norris und Piastri stand nie auf dem Plan.
Dass der Nieselregen fünf Minuten vor dem Start rapide aufhören und man sogar zwei Formationsrunden fahren würde, um einen gestrandeten Arvid Lindblad wegzuschieben, hatte das Team nicht bedacht. "Das hat unseren Plan zunichte gemacht. Mich hätte interessiert, wie es den anderen Autos auf den Trocken-Reifen gegangen wäre, wenn wir das Rennen nach der ersten Formationsrunde gestartet und es ein paar Minuten mehr geregnet hätten. Dann hätten sie Probleme gehabt. Wir hatten Pech und wurden für unsere Entscheidung bestraft", lamentierte Stella die verflossenen Möglichkeiten.
Lando Norris und Oscar Piastri verteidigen Reifen-Fehlentscheidung in Kanada: Wie Idioten!
Lando Norris drängte sogar auf die Reifenwahl, wie er verriet. "Ich habe es schon auf der Formationsrunde gemerkt. Im Rückblick war es die falsche Wahl, aber das hat nichts mit schlechter Entscheidungsfindung zu tun. Wir hatten gute Gründe dafür. Ich bin glücklich, dass wir uns das getraut haben und dabei geblieben sind. Manchmal geht sowas nicht auf, aber wir nehmen den Schlag aufs Kinn mit und lernen davon", verteidigte der amtierende Weltmeister.
"Es war eine Gruppenentscheidung. Ich war eine der Personen, die den Intermediates zugestimmt haben", gestand Oscar Piastri auch nach dem Rennen. "Zwischen der Hymne und dem Einsteigen wurde der Asphalt um einiges nasser. Es war [in den Sichtungsrunden] schon schwierig, zur Startaufstellung zu kommen. Daher dachte ich, Intermediates wären besser, wenn man schnell Temperatur in sie reinbekommt. Das war unser Gedankengang. Wir dachten, wir treffen die sichere Entscheidung, aber dem war nicht so." Bei Sky Sports wurde Piastri deutlich: "Wir haben ausgesehen wie Idioten."
Dabei beschwerte sich gerade der Australier schon während der Formationsrunden am Funk. "Es fühlt sich an, als würde ich schon jetzt auf diesen Reifen ziemlich herumschweben", gab er seinem Team zu verstehen. "Der Regen sollte leichter werden, aber alle anderen werden sehr kalte Reifen haben", versuchte sein Renningenieur Tom Stellard ihn noch zu überzeugen. "Aber es ist Zeit für Slicks. Ich glaube, wir sollten an die Box kommen", hielt Piastri dagegen. Er hätte dann zwar aus der Boxengasse starten müssen, aber das hätte er wohl in Kauf genommen. Sein Wunsch wurde nicht erhört. "Ich glaube nicht, dass es einen großen Unterschied gemacht hätte", sagte er nach dem Rennen diplomatisch. Die Reifenwahl war aber nur der Anfang von McLarens Desaster-Rennen.
Pace-Probleme bei McLaren: Alpine einholen unmöglich?
Dass Norris beim Start die beiden Mercedes hinter sich ließ, war lediglich eine tickende Zeitbombe. "Ich hatte viel mehr Grip. Es war also nicht so dumm, auf diesen Reifen zu starten. Wäre nach dem Start ein Safety Car gekommen, hätte uns das zehn Sekunden gekostet. Ich war nach der ersten Runde zwei Sekunden vorne. Ich wäre mit neuen Slicks rausgekommen und wahrscheinlich in den Top-10 oder besser gewesen. Da hätte viel Positives kommen können, uns ist nur nichts entgegengekommen", rechtfertigte Norris die Reifenwahl weiter.
Doch wie das Sprichwort lautet: hätte, hätte, Fahrradkette. Sobald die anderen Fahrer ihre Reifen auf Temperatur gebracht hatten, war der Intermediate im Eimer. Piastri kam schon in der ersten Runde an die Box für neue Mediums, Norris tat es ihm in Runde drei gleich. Die beiden mussten sich daraufhin durchs Mittelfeld kämpfen – mit erheblich mehr Schwierigkeit, als man vom Konstrukteursweltmeister erwartet hätte.
"Unsere Pace war heute nicht außergewöhnlich mit den Temperaturen", untertrieb Norris. "Wir hatten die Pace nicht, um uns nach unseren Startproblemen wieder zu erholen", bestätigte Teamchef Stella. Er stellte sogar in Frage, ob es die beiden McLarens in die Nähe von Franco Colapinto, der seinen Alpine mit großem Respektabstand hinter den Top-6 bewegte, geschafft hätten.
Kollision, Strafe & überhitzter Motor waren McLaren-Ende: Das ging an Norris' Auto kaputt
Doch selbst mit genügend Pace wäre das Rennen für Piastri und Norris nicht gut gelaufen. Der Australier schoss bei seiner Flucht nach vorne in der Haarnadel Alex Albon ab. Er wollte ihn nicht einmal überholen, sondern rutschte beim Manöver gegen Oliver Bearman einfach weiter und krachte mit seiner Nase seitlich in den einlenkenden Williams.
"Ich bin noch nie bei solchen Grip-Bedingungen gefahren", erklärte Piastri. "Es tut mir sehr leid für Williams und Alex. Meine Räder haben einfach blockiert und das war's." Die darauffolgende 10-Sekunden-Strafe und der Schaden warfen ihn weiter zurück. "Oscar hat Performance auf der Aerodynamik-Seite verloren. Da muss wohl Druck auf ihm gelastet haben, um wieder aufzuholen", vermutete Stella über den Unfall. Piastri war am Ende mit Platz elf nur knapp von den Punkten entfernt.
Norris musste in Runde 40 abstellen, nachdem er sich zum zweiten Mal in die Top-10 gekämpft hatte. Zuerst musste er in Runde 16 an die Box, weil das Team ein Zuverlässigkeitsproblem entdeckte. "Das Auto hat angefangen, zu überhitzen. Darum mussten wir die Kühlausgänge säubern", erklärte Stella. Norris hatte wohl im Laufe der ersten Runden Gras aufgesammelt, das dort steckenblieb.

Das rennbeendende Problem, unabhängig vom überhitzenden Motor, war ein kaputtes Schaltgetriebe. Nach der Schikane 8-9 machte Norris' MCL40 ein krächzendes, knatterndes Geräusch und sprang sofort in Anti-Stall. Er parkte sofort in der Sicherheitslücke bei der Haarnadel, in der schon Alex Albon Platz genommen hatte. "Er hätte das Rennen nicht beendet, es war einfach nicht Landos Tag. Wenn es einen Tag gibt, an dem du alle Probleme auf einmal hast, dann war das heute", so Stella.
Nicht nur Lando Norris fiel beim Kanada GP aus, auch George Russells Motor gab plötzlich auf. Mehr zu seinem Ausfall lest ihr hier:



diese Formel 1 Nachricht