1-Stopp oder 2-Stopp? Das ist seit Jahren regelmäßig die Frage beim Ungarn-GP und diese Prämisse hat der Formel 1 auch 2025 wieder einen spannenden Strategie-Krimi beschert, der erst auf den letzten Runden den besseren Ausgang zugunsten von Lando Norris brachte. Dabei lag der McLaren-Fahrer nach den ersten Kurven nur auf der fünften Position und sah seine Felle im Kampf um den Rennsieg schon davonschwimmen.
Doch aus einer schwachen Position heraus lässt sich einfacher Risiko gehen und dieses Risiko brachte Norris den Sieg. Vor dem Rennen war Pirelli noch davon ausgegangen, dass die 2-Stopp etwa zehn Sekunden langsamer sei als die 1-Stopp-Strategie. Allerdings gemessen an den Grip-Daten vom Freitag. Auch McLaren ging mit der Annahme ins Rennen, dass zwei Stopps die bevorzugte Wahl sein würden. Letztendlich erwiesen sich beide Herangehensweisen am Sonntag trotz eines Regenschauers in der Nacht als ähnlich schnell. Mit dem Vorteil der 1-Stopp-Strategie, dass die Track Position auf dem Hungaroring ein hohes Gut ist.
Lando Norris' goldener Strategie-Schlag: Man spare sich einen Boxenstopp...
Doch von Anfang an: Die ersten Runden waren noch ein hartes Stück Arbeit für den WM-Zweiten, der zunächst relativ problemlos Fernando Alonso überholte, sich dann aber im ersten Stint an George Russell festfuhr. Der Rückstand von Norris auf Charles Leclerc an der Spitze betrug am Ende dieses Stints etwas mehr als sieben Sekunden. Das schwächte McLarens wichtigste Trumpfkarte im Kampf um den Sieg zwar, ließ diese aber nicht obsolet werden. Die Rede ist von der numerischen Überlegenheit: Zwei Fahrer gegen einen.
Das klassische Spiel in so einer Situation: Einen Fahrer früh stoppen, für einen direkten Undercut gegen den Führenden oder zumindest um diesen zum Abdecken zu zwingen. Dadurch öffnet sich die Tür für Fahrer Nummer 2, also in diesem Fall Norris. Eine Strategie, die McLaren auch so exekutierte: Oscar Piastri stoppte in Runde 18, Leclerc deckte einen Umlauf später erfolgreich ab.
Der Rennverlauf des Formel-1-Rennens in Ungarn: Lando Norris machte mit einem langen ersten Stint den Unterschied.
Eine Herangehensweise, die aber nicht ohne Brisanz ist. Denn 2025 lautet die vielzitierte Losung bei den Papayas, dass man angesichts des Titelkampfs beiden Fahrern eine faire Chance bieten will und niemanden strategisch bevorzugt. "Seine [Oscars, d. Red] Reifen begannen im ersten Stint etwas zu leiden. Es war unklar, wie stark der Undercut sein würde", verteidigte Andrea Stella den früheren Boxenstopp.
Pirellis Reifenchef Mario Isola hatte am Samstag kalkuliert, dass der Undercut-Effekt hoch sein werde. Allerdings ohne konkrete Zahlen zu schätzen. Vor seinem Stopp lag Piastri 2,4 Sekunden hinter dem Führenden. Nach dem Stopp waren es immer noch 1,3 Sekunden. Daraus ergibt sich ein Undercut-Effekt von etwas mehr als einer Sekunde pro Runde. So verbrachte Piastri einen weiteren Stint hinter Leclerc, der in diesem Zeitraum noch keinen dramatischen Pace-Verlust zu verzeichnen hatte.
Waren die Reifen vor dem Stopp aber tatsächlich schon stark lädiert? Am Funk hatte Piastri zuvor keine Meldung erstattet, dass er Probleme mit seinen Pneus habe. Der Boxenstopp wurde ihm vom Team diktiert. Am Ende des ersten Stints war Piastri wenige Zehntel schneller als Leclerc, von einem Rückgang der Zeiten keine Spur. Nach dem Rennen meldete der Australier Zweifel an seiner Strategie an. Allerdings auch mit dem Verweis, dass man es im Rückblick immer besser wisse.
Lando Norris: Langer erster Stint erweist sich als rennentscheidend
Norris größtes Problem in Form von Russell löste sich zu diesem Zeitpunkt auch in Wohlgefallen auf. Mercedes stoppte den Briten ebenfalls in Runde 19 und überließ Norris in freier Fahrt die Führung. Zu diesem Zeitpunkt machte es für den WM-Zweiten ohnehin keinen Sinn, früh zu stoppen und wieder in den Verkehr zu kommen. Stattdessen verlängerte er seinen Stint.
Seine ziemlich konstanten Rundenzeiten ab Runde 19 ermöglichten erst die 1-Stopp-Chance. Zum Vergleich: Vor den Stopps hatte Leclerc an der Spitze Zeiten im tiefen 1:22er-Bereich diktiert, ein Tempo das Norris in freier Fahrt bis Runde 28 aufrechterhielt. Gleichzeitig drehten Piastri und Leclerc in diesem Zeitraum Zeiten, die etwa acht Zehntelsekunden schneller waren. Russell hatte einen Vorteil von sechs Zehnteln.
In Runde 28 fragte Norris' Renningenieur Will Joseph seinen Fahrer, ob er sich für eine 1-Stopp-Strategie begeistern könne. "Es wären dann 40 Runden auf dem harten Reifen", betonte er. Der Fahrer überlegte nur kurz: "Ja, wieso nicht." Erst auf den letzten drei Runden seines Stints ließen die Zeiten von Norris merklich nach. In Runde 31 stoppte der spätere Rennsieger. Sein Reifenmanagement erlaubte ihm auch konstante Zeiten im dritten Stint. Verkehr spielte auch kaum eine Rolle. Norris traf nur auf Russell kurz bevor der Mercedes-Fahrer an die Box abbog.
Faire Chance gegen Norris: So erklärt Andrea Stella die Piastri-Strategie
Entsprechend erlebten die Reifen des Vizeweltmeisters auch im letzten Rennabschnitt keinen Einbruch. Piastri hatte im letzten Stint ebenfalls relativ wenig Verkehrsprobleme zu verzeichnen, nachdem er im Mitteldrittel weiterhin hinter Leclerc gesteckt war. Beim zweiten Versuch ließ Ferrari keinen Undercut mehr zu, entsprechend verlängerte Piastri diesmal.
"Wir wollten Oscar ein ausreichendes Reifendelta geben, um Leclerc zu überholen und eine faire Chance gegen Lando zu haben", so Stella. Der Stopp in Runde 45 erfolgte fast genau auf halbem Weg zwischen dem ersten Stopp und der Zieldurchfahrt. "Das bedeutete, dass er eine optimale 2-Stopp-Strategie hatte. Ansonsten wäre es unfair gegenüber seinem Kampf mit Norris gewesen", erklärte Stella weiter.
Vor dem Stopp war es noch nicht absehbar gewesen, aber der inzwischen schon schwer mit einem Chassis-Problem strauchelnde Leclerc konnte wenig Gegenwehr leisten. Piastri war nach seinem zweiten Boxenstopp in Runde 45 im Schnitt 0,638 Sekunden schneller als Norris. Nicht genügend Delta, um auf den letzten Runden eine erfolgsversprechende Attacke unternehmen zu können. "Selbst wenn ich mehr Runden gehabt hätte, bin ich mir nicht sicher, ob das Resultat ein anderes gewesen wäre", schätzte Piastri selbst.



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