Mick Schumacher fährt seit diesem Jahr in der IndyCar-Serie und steht nun vor dem bislang größten Meilenstein seines US-Abenteuers. Mit den 500 Meilen von Indianapolis steht an diesem Wochenende das mit großem Abstand wichtigste Rennen der Saison an, das aufgrund seiner enormen Geschwindigkeiten von bis zu 386 km/h auch als das gefährlichste gilt.

Das Qualifying am vergangenen Wochenende lief für den ehemaligen Formel-1-Piloten nicht nach Plan. Am Auto des Rahal-Letterman-Fahrers wurde einen Tick zu viel auf Downforce gesetzt, was ihm nur Startplatz 27 von 33 einbrachte. Aber angesichts der Tatsache, dass der große 'Nudeltopf' von Indy viele Überholgelegenheiten bietet, und in diesem Jahr im Gegensatz zur Vergangenheit alle Qualifikations-Teilnehmer auch automatisch einen Startplatz sicher hatten, lässt sich das wohl verschmerzen.

Indy-Fahrstil für Mick Schumacher intuitiv: Wie in Europa

Das Rennen am Sonntag ist zwar nicht Schumachers erster Oval-Auftritt – diesen absolvierte er im März in Phoenix – es ist aber der erste auf einer langen Ovalstrecke. Ein Streckentyp, der abgesehen von Indianapolis im aktuellen IndyCar-Kalender ausgestorben ist. Die etwa zwei Wochen Vorbereitung im Mai sollten ausreichend Abhilfe verschafft haben, zumal sich Schumacher mit dem Fahrgefühl an seine Zeit in Europa erinnert fühlt.

"Das intuitivste war es, dass man so sanft wie möglich fahren muss", erklärte der einstige Haas-Pilot. "Wenn man aus Europa kommt, wo man die Reifen in einer spezifischen Art zum Arbeiten bringen muss, hatte ich das Gefühl, dass mir das hier in einem gewissen Sinne geholfen hat." Dabei spielt er auf die Formel 1 oder die Formel 2 an, wo die Pirelli-Pneus einen Fahrstil bevorzugen, in welchem so wenige Lenkkorrekturen wie möglich gemacht werden sollten.

Jeder kleine Quersteher wird in der Formel 1 schnell mit einer höheren Reifentemperatur und einem stärkeren Verschleiß bestraft, weshalb sich diese tunlichst nicht summieren sollten. Auf der Langstrecke, wie in der WEC, ist es ohnehin umso notwendiger, die Gummis so schonend wie möglich zu behandeln. In der IndyCar ist das bei den Rennen auf Rund- und Straßenkursen anders. Die Firestone-Reifen sind nicht sehr fragil, die Boliden wiegen weniger und können dadurch etwas lebhafter um die Kurven bewegt werden.

Nicht so allerdings auf den Ovalen, und vor allen Dingen in Indianapolis. Dort besteht die Aerodynamik aus superflachen Heckflügeln, Vollgas ist die Regel und nicht die Ausnahme und aufgrund der Speeds jenseits von 360 km/h in den überhöhten Kurven ist die Belastung auch auf die eigens für Ovalrennen konstruierten Reifen ungleich höher. Quersteher werden hier nicht nur pacemäßig bestraft, sondern können schnell auch darüber hinaus katastrophale Konsequenzen mit sich ziehen.

Dadurch kommt die Parallele zur Formel 1 und Co. zustande, wie Schumacher erklärt: "Dort ist es wichtig auf dem Gaspedal sanft zu sein. Alle Inputs müssen im Prinzip sanft sein. Ich habe das Gefühl, dass mir das in diesen Situationen sehr entgegenkommt."

Indy 500 nicht wie Formel 1: Schachspiel bei über 360 km/h

Abgesehen davon ist IndyCar in Indianapolis aber natürlich ein diametral anderes Rennerlebnis als jenes in der Formel 1, der WEC oder in irgendeiner anderen Rennserie. Technisch steht im Vordergrund, aus den Einheitsboliden von Dallara und aus den Motoren, die in Micks Fall von Honda kommen, jeden km/h rauszuquetschen. Fahrerisch ist es entscheidend, den Windschatten richtig einzusetzen. "Maximale Attacke funktioniert hier eigentlich nicht, weil das meistens in die Hose geht", weiß Schumacher.

Entsprechend sind auch Überholmanöver vielfach eine taktische Angelegenheit, bei denen das richtige Timing ausschlaggebend ist. "Die verwirbelte Luft macht es ziemlich schwierig. Es ist hart, den Abstand zu managen und sicherzustellen, dass sich das Auto im richtigen Moment gut anfühlt, damit man einen Run bekommt", so der Rahal-Letterman-Lanigan-Pilot.

Der verwirbelten Luft zu entkommen geht am besten ganz an der Spitze, aber dadurch treten eben andere Probleme in den Vordergrund. "Man will eigentlich gar nicht vorne fahren - erst ganz zum Schluss - weil man sonst zu viel Benzin verbraucht", ist er sich bewusst. Auch darüber hinaus erinnert das Rennen gut und gerne an ein Schachspiel bei 370 km/h.

"Es ist ein sehr strategie-gepushtes Rennen. Einfach, weil man ungefähr acht Boxenstopps hat, vielleicht sogar mehr, je nachdem, wie man es hinkriegt", weiß Schumacher. Und je nach Zwischenfällen, denn unter Safety-Car-Phasen (im US-amerikanischen Motorsport-Jargon 'Cautions' genannt) kommen Boxenstopps üblicherweise weitaus günstiger als unter grüner Flagge.

Das sind nur einige Details, die beim Indy 500 entscheidend sind. Noch dazu kommen Spitzfindigkeiten wie die zentimetergenaue richtige Linienwahl in den relativ engen Kurven. Idealerweise ist diese leicht nach innen versetzt zum Vordermann, um etwas mehr Abtrieb zu generieren. Zu weit innen lauert der flache Betonkerb, der schon mehrfach Unfälle verursachte. Zu weit außen hingegen sammelt sich im Rennverlauf der Gummiabrieb der Reifen, der nur darauf wartet, ein Auto wie auf Eis in Richtung Mauer rutschen zu lassen.

Wie Mick Schumacher mit all diesen Details zurechtkommen wird, wird sich am Sonntag zeigen. Alle Ergebnisse und den gesamten Zeitplan zum Indy 500 findet ihr hier: