Die Überraschungen
Red Bull Powertrains: Neue Motorenhersteller haben es in der Formel 1 nie leicht. Red Bull Powertrains ist nicht nur in der Formel 1 neu, die Mannschaft aus Milton Keynes ist generell neu im Motorenbau. Motorenchef Ben Hodgkinson hatte einen riskanten Motor angekündigt, was viele an der Zuverlässigkeit zweifeln ließ. 195 Runden an Testtag 1 mit zwei Autos waren eine Ansage. Den gesamten Test über gab es keine größeren Zuverlässigkeitsprobleme. Damit hatten wohl die wenigsten gerechnet.
Der Newey Martins: Der erste Aston Martin aus der Feder von Adrian Newey ist radikal. Kein Auto sticht aus dem Feld so heraus wie der AMR26. Ob das Konzept aufgeht, wird sich erst noch zeigen. Der Start verlief jedenfalls holprig: Mit viel Verspätung ging es los. Fast zwei komplette Testtage verschenkte Aston Martin. Insofern könnte das Auto auch bei den Enttäuschungen stehen. Eine Überraschung muss aber nicht nur positiv sein. Dem könnte man auch entgegen, dass ein verspäteter und radikaler Bolide von Newey auch keine Überraschung ist…
Lewis Hamilton & Ferrari: Ja, es waren nur Testfahrten – und noch nicht einmal das, es war ein Shakedown. Trotzdem hätten wohl wenige damit gerechnet, Lewis Hamilton am Ende ganz oben in der Zeitenliste zu sehen. Einerseits, weil einige den Rekordsieger der Formel 1 schon aufgegeben hatten. Viel mehr Zweifel dürfte es aber an Ferrari gegeben haben. Die Mercedes-Pace und Zuverlässigkeit der ersten Tage überraschte wenige, Ferrari stand dem aber in nichts nach – weder bei der Zuverlässigkeit noch bei der Pace.
Die Enttäuschungen
Cadillac: Graeme Lowdon hatte es mit dem Aufbau des neuen Teams nicht leicht. Seitens der Formel 1 wurden ihm alle erdenklichen Steine in den Weg gelegt. Aber im Hintergrund wurde permanent an dem Projekt gearbeitet. Dass man trotz des äußert zuverlässigen Ferrari-Antriebsstrangs nur 164 Runden an drei Tagen geschafft hat, ist etwas wenig. Das Werksteam hat an einem einzelnen Tag mehr geschafft. Es war keine Katastrophen-Vorstellung von Cadillac, aber auch kein tolles Debüt. Ein Aufwärtstrend war noch nicht zu erkennen.
Williams: Als einziges Team hat es Williams überhaupt nicht zum ersten Test geschafft. Man hätte es geschafft, wenn man es darauf angelegt hätte, hätte dann aber andere Dinge in Mitleidenschaft gezogen, betonte Teamchef James Vowles. Die Entscheidung, den Test dann lieber sausen zu lassen, mag richtig sein, dennoch hätte man gar nicht erst in diese Situation kommen sollen.
Der dritte Neuling
Red Bull Powertrains war eine positive Überraschung des Tests, Cadillac enttäuschte eher. Und was ist mit dem dritten Neuling im Bunde? Audi schlug sich am Ende solide. 27 Runden an Tag 1 waren nicht das, was man sich in Ingolstadt erhofft hatte. 68 Ruden an Tag 3 etwas besser, aber auch noch nicht weltbewegend. 148 Runden an Tag 5 waren stark. Im Gegensatz zu Cadillac konnte man einen positiven Trend erkennen. Probleme bereitete erwartungsgemäß der Antriebsstrang. Motor und Getriebe sorgten für die längeren Pausen.
Das neue Reglement
Noch bekam man wenig verwertbares Feedback der Fahrer. Die einzigen Stimmen, die es an die Öffentlichkeit schafften, kamen aus unkritischen Interviews der Formel 1 und aus Presseaussendungen. Negative Stimmen kann und darf es da nicht geben. Aber es gab durchaus positives Feedback, das zumindest ehrlich klang.
George Russell zeigte sich begeistert vom Dampf der neuen Motoren. Durch die 350 kW starken E-Motoren haben die Autos nun viel mehr Drehmoment. Die windschlüpfrigen Autos sorgen für hohe Topspeeds. Dazu mögen die Fahrer die leichteren und wendigeren Autos. Lewis Hamilton findet auch Gefallen am ausbrechenden Heck, das im Vergleich zu den Vorjahren aber kontrollierter ausbricht.
Das große Energie-Chaos gab es beim Test nicht. Russell glaubt, dass die Fans davon gar nicht so viel mitbekommen werden. Für die Fahrer ist das Management derzeit noch eine 'Herausforderung'. Die Frage ist, ob die Herausforderung immer so positiv konnotiert bleibt. Und die deutlich langsameren Rundenzeiten (noch fehlen fünf Sekunden auf die Pole-Zeit des Vorjahres) durch niedrige Kurvengeschwindigkeiten schmecken den Fahrern eigentlich auch nicht.
Der erste Unfall
Ein paar Ausritte gab es an den fünf Shakedown-Tagen, Karbonschrott gab es nur einmal. Es erwischte ausgerechnet wieder einen Red-Bull-Rookie. Isack Hadjar verlor auf nasser Strecke kurz vor dem Ende von Tag 2 die Kontrolle und schlug in der Zielkurve ein. Kurz zuvor hatte er von Full Wets auf Intermediates gewechselt. Der Schaden war so beträchtlich, dass selbst die Teilnahme an Shakedown-Tag 5 fraglich war. Red Bull schaffte es aber, den RB22 für Verstappen am letzten Tag wieder fit zu bekommen.
Der Weltmeister
Erstmals rückte Lando Norris mit der Nummer 1 auf seinem McLaren aus. Der Konstrukteursweltmeister griff erst an Tag 3 ins Geschehen ein, weil man sich mit der Entwicklung des Autos absichtlich mehr Zeit gelassen hatte. Dadurch konnte man aber trotzdem noch alle drei Testtage ausnutzen, die jedem Team zustanden.
Die ersten beiden Tage gab es allerdings noch Zuverlässigkeitsprobleme. Oscar Piastri verpasste einen halben Tag wegen Problemen am Benzinsystem. Am letzten Testtag lief es dann rund: Man schaffte an einem Tag nicht nur 166 Runden, sondern war auch in der Zeitentabelle weit vorne anzutreffen. Norris fehlten nur 0,3 Sekunden auf die absolute Test-Bestzeit.
Das Testformat
Dafür, dass der Test kein Test sondern ein Shakedown war, gab es mehrere Gründe. Die Formel 1 hatte den ersten Test an Bahrain verkauft, deshalb konnte es keinen offiziellen Test zuvor in Barcelona geben. Dazu wollten die Teams nicht, dass ihre Autos vor den Augen der Weltöffentlichkeit eingehen. Jerez 2014, als zum ersten Mal mit den Turbo-Hybrid-Motoren gefahren wurde, sollte sich nicht wiederholen. Deshalb wurden Fans und Medien beim Shakedown ausgesperrt.
Die Angst der Teams war unbegründet. Von Tag 1 an wurden fleißig Runden gedreht. Außerdem ging der Plan nur bedingt auf. Ein Areal in der Größe einer Rennstrecke, lässt sich nur schwer hermetisch abriegeln. Dazu gibt es hunderte von Beschäftigten, die im Fahrerlager arbeiten. Informationen dringen immer nach draußen.
Dass man sogar Journalisten und Fans, die von außen versuchten, einen Blick zu erhaschen, des Platzes verwiesen hat, war ein lächerlicher Akt. Informationen kamen noch immer durch. Nur haben die Teams bei negativen Meldungen weniger Gelegenheiten, Dinge möglicherweise richtigzustellen. Je mehr Informationen es gibt, desto weniger Blödsinn ist im Umlauf.
Statt Pressekonferenzen mit neutralen Journalisten, gab es nur PR-Interviews, die verteilt wurden. Informationsgehalt: 0. Die Interviews waren meistens Zeitverschwendung. Das Interesse war aber trotzdem riesig, was wir an unseren Aufrufzahlen gesehen haben. Gerne hätten wir noch spannender Geschichten geschrieben und tolle Fotos gezeigt.
Die Ergebnisse des Tests
Noch nicht einmal Ergebnisse wurden veröffentlicht. Nur über Presseaussendungen der Teams gab es ein paar offizielle Informationen. Die kompletten Ergebnisse mussten auf inoffiziellem Weg beschafft werden. Bislang konnten nur klassische Ergebnisse mit Rundenzahlen beschafft werden.
Detail-PDFs mit Sektorzeiten und Geschwindigkeitswerten, die für tiefergehende Analysen notwendig sind, konnten noch nicht gesichtet werden. Bis dahin müssen die kumulierte Zeitentabelle und Zuverlässigkeitswerte ausreichen. Auch hier hätten wir gerne spannendere Geschichten geliefert.
Formel-1-Testfahrten in Barcelona: Das Gesamt-Ergebnis aller fünf Tage
| P. | Fahrer | Team | Motor | Zeit | Rückstand | Tag |
|---|---|---|---|---|---|---|
| 1 | Hamilton | Ferrari | Ferrari | 1:16,348 | FR | |
| 2 | Russell | Mercedes | Mercedes | 1:16,445 | + 0,097 | DO |
| 3 | Norris | McLaren | Mercedes | 1:16,594 | + 0,246 | FR |
| 4 | Leclerc | Ferrari | Ferrari | 1:16,653 | + 0,305 | FR |
| 5 | Antonelli | Mercedes | Mercedes | 1:17,081 | + 0,733 | MI |
| 6 | Piastri | McLaren | Mercedes | 1:17,446 | 1,098 | FR |
| 7 | Verstappen | Red Bull | RBPT Ford | 1:17,586 | 1,238 | FR |
| 8 | Gasly | Alpine | Mercedes | 1:17,707 | 1,359 | FR |
| 9 | Hadjar | Red Bull | RBPT Ford | 1:18,159 | 1,811 | MO |
| 10 | Ocon | Haas | Ferrari | 1:18,393 | 2,045 | FR |
| 11 | Bearman | Haas | Ferrari | 1:18,423 | 2,075 | FR |
| 12 | Lindblad | Racing Bulls | RBPT Ford | 1:18,451 | 2,103 | DO |
| 13 | Lawson | Racing Bulls | RBPT Ford | 1:18,840 | + 2,492 | DO |
| 14 | Colapinto | Alpine | Mercedes | 1:19,150 | + 2,802 | MI |
| 15 | Hülkenberg | Audi | Audi | 1:19,870 | + 3,522 | FR |
| 16 | Bortoleto | Audi | Audi | 1:20,179 | + 3,831 | FR |
| 17 | Alonso | Aston Martin | Honda | 1:20,795 | + 4,447 | FR |
| 18 | Bottas | Cadillac | Ferrari | 1:20,920 | + 4,572 | FR |
| 19 | Perez | Cadillac | Ferrari | 1:21,024 | + 4,676 | DO |
| 20 | Stroll | Aston Martin | Honda | 1:46,404 | + 30,056 | DO |
Formel-1-Shakedown Barcelona: Alle gefahrenen Test-Runden
| MO | DI | MI | DO | FR | Gesamt | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| McLaren | - | - | 77 | 48 | 166 | 291 |
| Mercedes | 149 | - | 183 | 167 | - | 499 |
| Red Bull | 107 | 78 | - | - | 118 | 303 |
| Ferrari | - | 120 | 174 | 145 | 439 | |
| Williams | - | - | - | - | - | 0 |
| Racing Bulls | 88 | - | 120 | 111 | - | 319 |
| Aston Martin | - | - | - | 4 | 61 | 65 |
| Haas | 154 | - | 42 | - | 195 | 391 |
| Audi | 27 | - | 68 | - | 148 | 243 |
| Alpine | 60 | - | 124 | - | 164 | 348 |
| Cadillac | 44 | - | - | 66 | 54 | 164 |
| Gesamt | 629 | 198 | 614 | 570 | 1051 | 3062 |
Alle gefahrenen Runden im Barcelona-Test nach Motor-Hersteller
| MO | DI | MI | DO | FR | Gesamt | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Mercedes | 209 | 0 | 384 | 215 | 330 | 1138 |
| RBPT Ford | 195 | 78 | 120 | 111 | 118 | 622 |
| Ferrari | 198 | 120 | 42 | 240 | 394 | 994 |
| Honda | 0 | 0 | 0 | 4 | 61 | 65 |
| Audi | 27 | 0 | 68 | 0 | 148 | 243 |
| Gesamt | 629 | 198 | 614 | 570 | 1051 | 3062 |
Alle bekannten Zwischenfälle bei den Formel-1-Testfahrten in Barcelona
| Tag | Fahrer | Team | Motor | Was? | Grund? |
|---|---|---|---|---|---|
| MO | Colapinto | Alpine | Mercedes | ausgerollt | unbekannt |
| MO | Bortoleto | Audi | Audi | ausgerollt | Defekt |
| MO | Lawson | Racing Bulls | RBPT Ford | ausgerollt | unbekannt |
| DI | Verstappen | Red Bull | RBPT Ford | Kies-Ausritt? | unbekannt |
| DI | Hadjar | Red Bull | RBPT Ford | Unfall T14 | Fahrfehler? |
| MI | Hülkenberg | Audi | Audi | ausgerollt | Hydraulik |
| MI | Bearman | Haas | Ferrari | ausgerollt | unbekannt |
| MI | Lindblad | Racing Bulls | RBPT Ford | ausgerollt | unbekannt |
| DO | Hamilton | Ferrari | Ferrari | Dreher | unbekannt |
| DO | Piastri | McLaren | Mercedes | abgestellt | Benzinsystem |
| FR | Bortoleto | Audi | Audi | abgestellt | Defekt |



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