Lewis Hamilton steckt in der Krise. Seine erste Ferrari-Saison gleicht einem Desaster, bis auf seinen Sprint-Sieg in China stand er noch nicht einmal auf dem Podium. Zu der fehlenden Leistung macht sich die mentale Belastung bei Hamilton bemerkbar. Der Rekordweltmeister bezeichnete sich selbst als "nutzlos", seine Performance als "inakzeptabel" und riet Ferrari sogar zum Fahrerwechsel. Selbstkritik ist nichts Neues für Hamilton, doch die Frequenz und Intensität der Kommentare sind alarmierend.
Ein Weltmeister, der zum ikonischsten Team der Königsklasse wechselt, um den Titel nach Maranello zurückzubringen, aber durch Misserfolge mental zerbricht - hört sich das bekannt an? Genau das gleiche Schicksal ereilte Fernando Alonso und Sebastian Vettel. Auch sie wagten den Traum in Rot, scheiterten jedoch kläglich. Erwarten Hamilton bei Ferrari Jahre der Enttäuschung? Ein Blick in die Vergangenheit zeigt die erschreckende Champion-Bilanz des erfolgreichsten Teams der Formel-1-Geschichte.
Alonso und Ferrari: Knapp vorbei ist auch daneben
Fernando Alonso wechselte 2010 nach zwei erfolglosen Saisons von seinem Weltmeister-Team Renault zu Ferrari, um sich seinen dritten Titel zu holen. Anders als Hamilton, der sein erstes Rennen in Rot auf dem zehnten Platz beendete, gewann Alonso bei seinem Debüt und war haushoher Favorit auf den WM-Sieg. Doch nach einem groben Strategiefehler des Teams verlor er den Titel im letzten Rennen mit nur vier Punkten Rückstand auf Sebastian Vettel.
Die nächste Chance hatte Alonso 2012. Obwohl ihm Ferrari kein gutes Material an die Hand gab - der Ferrari 150° Italia war schätzungsweise das viertschnellste Auto im Feld - hatte Alonso für einen Großteil der Saison die WM-Führung inne. Am Ende reichte es aber wieder nur für Platz zwei. Sein leerer Gesichtsausdruck nach dem Brasilien GP, als er seinen dritten Weltmeistertitel um nur drei Punkte verpasste, hat sich bis heute in den Köpfen der Tifosi eingebrannt.
Für Ferrari verlief der Wechsel in die Turbo-Ära wenig erfolgreich. Alonso erreichte als bester Fahrer in Rot nur Platz sechs. Desillusioniert verließ der Spanier Maranello. "Es ist schwer, die Tür zu Ferrari zu schließen und zu wissen, dass ich nächstes Jahr nicht mehr in Rot arbeiten werde", sagte Alonso 2014. Er fügte jedoch hinzu: "Aber ich vermisse es, auf dem Podium zu stehen. Ich vermisse es, mit Champagner zu feiern, Rennsiege zu feiern, Titel zu feiern." Nach seinem Abgang konnte Alonso nicht mehr an die Erfolge seiner früheren Formel-1-Karriere anschließen. Seinen letzten Grand-Prix-Sieg erzielte er 2013 in Barcelona - mit Ferrari.
Fernando Alonsos Ferrari-Bilanz
| Jahr | WM-Platz | Punkte-Rückstand auf WM-Sieger |
|---|---|---|
| 2010 | 2 | 4 |
| 2011 | 4 | 135 |
| 2012 | 2 | 3 |
| 2013 | 2 | 155 |
| 2014 | 6 | 223 |
Vettel und Ferrari: Vom Kindheitswunsch zum Albtraum
Um einen zweifachen Weltmeister zu ersetzen, nahm Ferrari 2015 einen vierfachen Weltmeister unter Vertrag. Sebastian Vettel zog es nach Maranello, wo auch schon sein Held aus Kindheitstagen, Michael Schumacher, zuhause war. Doch sein Traum, in dessen Fußstapfen zu treten, ging schnell den Bach hinunter.

Aufgrund der Reglementänderung 2017 konnte Ferrari den Dominator Mercedes herausfordern. Vettel ging aus der ersten Saisonhälfte als WM-Favorit hervor. Doch nach einem dramatischen Unfall mit Teamkollege Kimi Räikkönen und Max Verstappen in Singapur sowie einer Reihe von technischen Ausfällen musste der Deutsche zusehen, wie sein Rivale Lewis Hamilton zum vierten Mal Weltmeister wurde.
Die Saison 2018 glich der vorherigen. Ferrari ging mit dem schnelleren Auto in den Kampf und hatte die Nase vorn. Doch in der zweiten Saisonhälfte folgte eine Serie an strategischen Fehlentscheidungen und Unfällen. Im Wettrennen zum fünften WM-Titel wurde Vettel wieder nur Zweiter. Zusätzlich bröckelte Ferraris Struktur: Teamchef Maurizio Arrivabene und Technikdirektor Mattia Binotto trugen 2018 einen internen Machtkampf aus.
Mit der Ankunft von Charles Leclerc im Jahr 2019 wurde Vettel in die Nummer-2-Rolle verdrängt und seine Performance fiel in den Abgrund. 2020 kämpfte er im Mittelfeld und erreichte nur den 13. Platz in der WM-Wertung. Im Sommer gab Ferrari bekannt, den Vertrag mit Vettel nicht zu verlängern. "Zurückblickend habe ich versagt, wir haben versagt", lamentierte Vettel im Zuge seines Rauswurfs. Nach zwei erfolglosen Saisons mit Aston Martin beendete er seine Formel-1-Karriere.
Sebastian Vettels Ferrari-Bilanz
| Jahr | WM-Platz | Punkte-Rückstand auf WM-Sieger |
|---|---|---|
| 2015 | 3 | 103 |
| 2016 | 4 | 173 |
| 2017 | 2 | 46 |
| 2018 | 2 | 88 |
| 2019 | 5 | 173 |
| 2020 | 13 | 314 |
Ferrari: Friedhof der Champions?
Neben Vettel und Alonso gab es noch weitere Weltmeister, die Ferrari verbrannte. Alain Prost kam 1990 als dreifacher Champion zu den Roten und wurde Vizeweltmeister. Im Jahr darauf gewann Prost kein einziges Rennen - das erste Mal seit seiner Debütsaison. Er verglich das Fahrverhalten des Ferrari 643 mit dem eines LKWs und wurde für seine Kritik vor Saisonende entlassen.
Kimi Räikkönen ist bis heute der letzte Ferrari-Champion. Das Team investierte 2010 aber lieber in Felipe Massa und ersetzte den Finnen mit Fernando Alonso. "Ich war sehr glücklich, zu gehen, mit all der Politik, dem Unsinn und allem", sagte Räikkönen 2019 über seinen Abgang. 2014 holte die Scuderia ihn zurück, doch die Erfolge blieben aus. Nach fünf Saisons wechselte Räikkönen zu Sauber - damals Alfa Romeo - und verblieb dort bis zu seinem finalen Formel-1-Ausstieg 2021.
Ist Lewis Hamilton nun das nächste Ferrari-Opfer? Nach der ersten Saisonhälfte sieht es danach aus, als ob sich das Spiel wiederholen würde. Der SF-25 kann nicht mit dem überlegenen McLaren mithalten. Hamilton befindet sich in der WM aktuell auf dem sechsten Platz und ist sich der Parallelen zu Vettel und Alonso bewusst. Vor dem Großen Preis von Belgien beteuerte er, nicht wie sie enden zu wollen.
Einen Hoffnungsschimmer in der Champion-Bilanz gibt es: Michael Schumacher war zweifacher Weltmeister, als er 1996 zu Ferrari kam. Die ersten Jahre ging er leer aus, bevor er ab dem Jahr 2000 fünf Titel in Folge holte.
Wir haben mit Formel-1-Reporterlegende Roger Benoit über Lewis Hamilton und noch viele andere brandheiße Themen gesprochen. Das ganze Interview gibt es hier!



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