Nicht ganz zwei Wochen ist es her, dass George Russell beim Grand Prix in Kanada aus Wut seine Kopfstütze auf die Formel 1-Strecke warf und mit den Fäusten auf die Motorhaube schlug. Zuvor hatte er sich 30 Runden lang ein beinhartes Duell mit seinem Mercedes-Teamkollegen Kimi Antonelli geliefert.

Durch Russells bitteren Ausfall führt der 19-Jährige die Fahrerwertung nun mit 43 Punkten Vorsprung an - und Kimi Antonelli stellte gerade erst klar, dass er diese Führung unter keinen Umständen kampflos abtreten wird. Wie wichtig es ist, dem Teamkollegen im internen Titelkampf eine unmissverständliche Botschaft zu senden, weiß niemand so gut wie Nico Rosberg.

Für den Weltmeister von 2016 war der legendäre Silberpfeil-Crash in Barcelona damals die logische Folge einer unaufhaltsamen Eskalation. Ein kurzer Rückblick: Direkt nach dem Start überholte Rosberg seinen Mercedes-Teamkollegen Lewis Hamilton auf der Außenbahn und übernahm die Führung. Hamilton saugte sich nach der langgezogenen Kurve 3 wieder an Rosberg heran und versuchte, die Spitzenposition zurückzuerobern.

Neuer Mercedes-Krieg? Danner: Antonelli hatte Riesenschwein! (27:33 Min.)

Rosberg: Man darf kein netter Kerl sein

Rosberg zog rigoros nach innen und machte die Tür komplett zu. Beide Mercedes kollidierten, kreiselten von der Strecke und kamen im Kiesbett zum Stehen. "In Rad-an-Rad-Duellen kannst du nicht der nette Kerl sein. Du musst bereit sein, in die Grauzone zu gehen. Du musst deine Position behaupten, denn die anderen machen es schließlich genauso", verriet Rosberg im High Performance Podcast. In dieser Phase herrschte zwischen den beiden Mercedes-Piloten "Krieg", obwohl sie in ihren gemeinsamen Kart-Tagen eng befreundet waren.

"Wenn du um eine Weltmeisterschaft kämpfst, wirst du die Freundschaft immer dem Gewinn des WM-Titels unterordnen. Das ist so", stellt der Deutsche rückblickend klar. Der Super-Gau folgte beim Österreich GP, als Rosberg aufgrund einer weiteren Kollision mit Hamilton nur Vierter wurde. In einem Interview mit "The Athletic" erzählte Toto Wolff, dass er den Disput damals löste, indem er beide Fahrer feuerte. Doch laut Rosberg ist es tatsächlich nie so weit gekommen.

"Ich weiß, dass es tatsächlich interne Gespräche mit dem großen Boss gegeben hat. Es ging vermutlich darum, uns für ein Rennen zu suspendieren oder etwas in der Art. Es gab diese Gespräche hinter verschlossenen Türen, aber zu uns ist das durchgedrungen. Zu dieser Entlassungssache kam es nie", sagt Rosberg.

Nico Rosberg und Lewis Hamilton duellieren sich auf der Strecke
Zwischen Rosberg und Hamilton herrschte Krieg, Foto: imago/Cordon Press/Miguelez Sports
Nico Rosbergs Mercedes hängt am Abschleppseil
In Spanien kam es zur Kollision inklusive Ausfall, Foto: Imago/Crash Media Group

Rosberg zweifelt an Hamiltons Titel-Chancen im Ferrari

Während Rosberg direkt nach seinem Titelgewinn 2016 im Alter von 31 Jahren Knall auf Fall die Formel 1 verließ, jagt Hamilton auch zehn Jahre später noch immer seinem historischen achten WM-Titel hinterher. "Er hätte diesen achten Titel absolut verdient“, zollt ihm sein ehemaliger Erzrivale Respekt. Allerdings glaubt Rosberg nicht, dass der Ferrari gut genug ist, um Hamilton die Krone aufzusetzen.

"Ich denke, dass Lewis dieses Jahr mindestens ein Rennen gewinnen wird. Aber um die Weltmeisterschaft zu gewinnen, reicht es meiner Meinung nach noch nicht. Das Auto ist dafür nicht gut genug, und sein fahrerisches Niveau ist ebenfalls noch nicht ganz auf dem erforderlichen Level." Nichtsdestotrotz zieht er den Hut vor der Karriere des inzwischen 41-jährigen Briten. "Es ist absolut verrückt, dass er immer noch fährt. Ich bin jetzt seit zehn Jahren raus, und wir waren damals ja auch nicht mehr gerade jung", scherzt Rosberg.

"Und es geht ja nicht nur darum, auf der Strecke ein großartiger Rennfahrer zu sein. Man muss sich auch ein entsprechendes Leben rundherum aufbauen. Man darf keine Skandale haben, keine Ablenkungen. Es gibt unzählige Beispiele von Fahrern, bei denen das nicht funktioniert hat." Seit 2025 stellt sich Hamilton dieser Herausforderung mit Ferrari. Nach einer unterm Strich desaströsen ersten Saison in Rot läuft es für den Rekordweltmeister im aktuellen Jahr deutlich besser.

In Kanada stand er auf dem Podium. "Mit den neuen Regularien fährt er deutlich stärker als noch im vergangenen Jahr", analysiert Rosberg. "Trotzdem tritt er intern gegen Charles Leclerc an, der sich derzeit auf dem Höhepunkt seines Könnens befindet und einer der besten Fahrer seiner Generation ist. Deshalb wird es schwierig werden. Aber es ist großartig zu sehen, dass Lewis diese Herausforderung mit über 40 Jahren annimmt."

Vor Ferrari könnte ein erfolgreiches Wochenende liegen. Vor Monaco schiebt McLaren die Favoritenrolle fast komplett nach Maranello - aber nur fast.