Eigentlich begann der Formel-1-Freitag in Spa-Francorchamps sehr positiv für Ferrari. Mit nur 0,145 bzw. 0,207 Sekunden Rückstand waren sie im ersten Freien Training die ersten Verfolger von Max Verstappen. Doch am späten Nachmittag machte sich bei den Roten Ernüchterung breit: Lewis Hamilton kam nur auf Platz vier, Charles Leclerc war mit Platz elf komplett abgeschlagen. Woher kam die große Lücke?

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"Es war ein ziemlich guter Tag im Allgemeinen", lässt sich Hamilton am Freitagabend die gute Stimmung nicht verderben. "Es war positiv, eine fast saubere Session. FP1 war stärker, als wir erwartet hatten. In FP2 hat dann jeder einen Schritt vorwärts gemacht, da war das Ergebnis realistischer." Schon am Donnerstag prognostizierte der siebenfache Weltmeister, dass sich die Scuderia hinter Mercedes anstellen muss. Dass man im zweiten Training auch von McLaren und Red Bull geschlagen werden würde, kam doch überraschend für das Team.

"Wir haben einige Änderungen vor FP2 vorgenommen. Die Balance des Autos fühlt sich generell gut an, aber die Lücke ist doch etwas größer als erwartet", beschreibt Hamilton. Ihm fehlten im FP2 0,747 Sekunden auf Kimi Antonelli. Leclercs eigentliche schnellste Runde hätte ihn auf einen ebenfalls nicht herausragenden Platz sieben gebracht, doch er überschritt in Eau Rouge die Track Limits. Auf seiner zweiten Runde auf dem bereits abgefahrenen Soft-Reifen fehlten ihm dann 1,524 Sekunden auf die Bestzeit.

Hamilton: Mittelsektor für Ferrari-Rückstand verantwortlich

Ein Dorn in Hamiltons Auge ist der Mittelsektor. "Dort sehen wir etwas langsam aus", bemängelt der Barcelona-Sieger. Mit 47.257 Sekunden war der Ferrari-Pilot der langsamste Top-Fahrer von Les Combes bis Stavelot I. Lando Norris war dort am schnellsten, mit 46.586 Sekunden war er über sechs Zehntel schneller als Hamilton. Dabei gilt der SF-26 eigentlich als ein gutes Auto in Kurven, sein Problem ist eher die Motorleistung. Der kurvenreiche Mittelsektor sollte ihm eigentlich liegen.

Der siebenfache Champion vermutet, dass es dem SF-26 an Downforce fehlt. In Spa muss eine delikate Balance zwischen so viel Highspeed wie möglich für die vielen Geraden und so viel Abtrieb wie nötig für die zahlreichen Kurven gefunden werden. "Wir werden heute noch eine gründliche Analyse machen, ein paar Simulationen ausprobieren und den Mittelsektor auseinandernehmen, damit wir dort nicht mehr so viel verlieren."

Am Energiemanagement, bei dem so gut wie jeder Fahrer am Trainings-Freitag eine andere Strategie wählte, soll es nicht liegen. Das habe das Team laut Hamilton vollständig optimiert: "Da sind wir ziemlich im Fenster. Ich weiß nicht, ob wir auf Geraden hinterherhinken."

Vasseur widerspricht: Energie-Management ist das Problem

Bei diesem Punkt widerspricht Ferrari-Teamchef Fred Vasseur seinem Fahrer ganz direkt: "Wir haben ein riesiges Speed-Delta. Wenn du dir die Renn-Pace ansiehst, sind wir vor Les Combes 20 km/h langsamer als unsere Konkurrenten. Dafür sind wir auf der letzten Geraden aber 20 km/h schneller."

Dass man dafür an einer anderen Stelle etwas Zeit opfern muss, um die Energie anders aufzuteilen, ist dem Franzosen klar. Doch diese Abstriche macht er gerne, wenn seine Fahrer dafür nicht in Jojo-Kämpfe verwickelt sind. "Wir müssen ans Rennen denken, ans Attackieren und Verteidigen. Die Energie, die wir einsetzen, ist dieselbe. Das wird eine Challenge und wir müssen heute noch viel daran arbeiten."

Trotzdem ist auch er nach der durchwachsenen Leistung am Nachmittag nicht schlechter Dinge: "Wenn du dir die letzten vier, fünf Freitage ansiehst, war das Ergebnis nie repräsentativ fürs Qualifying. Wir nutzen alle unterschiedliche Modi, Tanklevel. Wie viel Treibstoff man mitführt, wirkt sich sehr auf die Performance aus. Das heißt, wir können uns nicht mit den anderen vergleichen. Wir müssen uns auf uns selbst konzentrieren."

In unserer Trainings-Analyse werfen wir einen genaueren Blick auf die unterschiedlichen Energie-Management-Arten und warum Kimi Antonelli so schnell war:

Zu spät! 10.000-Euro-Strafe für Ferrari

Ganz reibungslos verlief der erste Tag in Belgien dennoch nicht für die Scuderia. Ihnen passierte nämlich ein kleiner Fauxpas bei der Reifenrückgabe. Jedes Team muss nach dem ersten Training einen Slick-Reifensatz pro Fahrer an Pirelli retournieren. Die Art des Pneus wird vorher in einem elektronischen System gemeldet, die Rückgabe muss vor dem Beginn des FP2 vollzogen werden. Sehr stereotypisch italienisch waren sie zu spät dran. Das verstößt jedoch gegen das Reglement und kostet das Team 5.000 Euro pro Fahrer.