Dass George Russell mit der Pace seines Mercedes-Teamkollegen Kimi Antonelli nicht mitkann, ist aktuell in der Formel 1 nicht gerade ungewöhnlich. Doch das schiere Ausmaß des Problems am Freitag in Spa-Francorchamps sprengt den Rahmen. 1,285 Sekunden Rückstand sehen auf den ersten Blick wie ein absoluter Tiefpunkt aus. Ein beruhigender zweiter Blick ist nicht leicht.

Im 1. Training hatte sich Russells Defizit zu Antonelli in Belgien mit 0,356 Sekunden noch im Rahmen gehalten. Da waren beide Mercedes allerdings auch mit einem rückblickend falschen Setup in den Tag gestartet, hatten generell viel zu wenig Grip und lagen nur auf den Plätzen sechs und acht. Mehr zu diesem Fehlgriff gibt es hier in der Trainings-Analyse:

Mercedes wird in Spa besser, George Russell wird schlechter

Für das 2. Training baute das Team die Autos komplett um, montierte größere Flügel, mehr Abtrieb, und Antonelli stürmte zu einer deutlichen Bestzeit. Russell blieb kleben. Mit 1:47,229 war er 1,285 Sekunden langsamer als Antonelli.

Ist das zu relativieren? Ja, tatsächlich. Zuerst einmal gab Russell auf seiner Runde raus aus der letzten Schikane tatsächlich auf. Er war etwas zu weit auf den Kerb gekommen, aufgesessen, und im Frust ging er endgültig vom Gas. Das kostete ihm vier Zehntel. Dass er so gefrustet reagierte, war aber auch kein Wunder. Die ganze Runde davor war schon schwierig.

Deswegen hatte er schon acht Zehntel Rückstand, bevor es überhaupt zu dieser Szene in der Schikane kam. Nächstes Argument hierfür: Zu kalte Reifen. "Er dachte, er hätte die Reifen zu Rundenbeginn nicht bereit gehabt, was etwas kostet", so Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin. Das erklärt, warum Russell miserabel durch die La-Source-Haarnadel rutschte und den Verlust bei der Beschleunigung den Berg hoch zu Raidillon schleppte.

Das sind zwei weitere Zehntel. Bleiben immer noch sechs, die er ungefähr von Les Combes bis zur Bus-Stop-Schikane kontinuierlich verliert. "In ein paar Kurven scheint er das Gripniveau unterschätzt zu haben, aber nach unserer ersten Session war das keine Überraschung", nimmt ihn Shovlin hierfür weiter in Schutz.

Kann George Russell die Wende in Spa schaffen?

Letzter Faktor ist, dass Spa eine sehr lange Strecke ist. Wenn man das zusätzlich bedenkt, ist Russells reale Lücke recht ähnlich dem, was er zuletzt in Spielberg oder Silverstone hatte. Was die Sache aber nicht wirklich besser macht, denn rein nach Pace hatte er auch in Spielberg und Silverstone eben deutliche Probleme, mit Antonelli mitzuhalten.

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Shovlins Feststellung, dass Russell das Limit auf seiner einzigen Qualifying-Simulation merklich unterschritten habe, wäre da gar nicht so schlecht. Die Länge der Strecke in Spa bedeutet oft nämlich auch, dass man im Training keine Chance bekommt, eine zweite Quali-Sim anzuhängen: "Es war keine gute Runde für George, aber nur eine Runde. Wenn die nicht sitzt, dann sieht es sofort so aus, als ob du keine Pace hättest."

Vielleicht hätte sich Russell mit einer zweiten Runde sofort näher ans Limit herantasten können. Eine so offensichtliche Erklärung hatte es an den letzten beiden Wochenenden nicht gegeben. "Es gibt noch mehr Zeit, die wir finden können", gibt sich Russell selbst kämpferisch. Wenngleich es ein großes Fragezeichen bleibt, ob das reicht, um die gigantische Lücke zu schließen.

"Unser Longrun war wettbewerbsfähiger, das stimmt uns für Samstag und Sonntag zuversichtlicher", ergänzt Russell außerdem noch. Schließlich war er gerade auch im Renntrimm seit Wochen wieder und wieder gegenüber Antonelli ins Hintertreffen geraten.