Fehlende Simulator-Fahrten zahlen sich offensichtlich aus: Zumindest im Falle von Lewis Hamilton. Der Rekordweltmeister fuhr sein insgesamt elftes Podium in Kanada und bestes Ferrari-Ergebnis in einem Rennen jemals ein. Auf dem Weg dahin setzte er sich in Kurve eins außen an seinem alten WM-Rivalen Max Verstappen vorbei. Hamilton hat ein eindeutiges Fazit: "Ich bin so glücklich. Ich liebe diese Strecke! Und es war großartig, wieder gegen einen der ganz Großen anzutreten."

Hamilton feiert Verstappen-Duell: "Habe mein ganzes Leben gejagt!"

Hamilton startete den Kanada GP noch vor Verstappen. Doch der Niederländer holte sich Hamiltons Platz in Runde neun mit einem sauberen Manöver in Kurve eins hinein. Hamilton blieb in der Folge zwar zunächst dran, ging in Runde 22 aber weit und verlor so vier Sekunden auf Verstappen.

Während der Virtual Safety Car Phase verlor er wieder Zeit. Ab Runde 33 musste er damit sieben Sekunden auf Verstappen zufahren. Doch der Ferrari lief mit dem Medium deutlich besser als noch zuvor mit dem Soft. Hamilton fuhr die Lücke zu und klopfte ab Runde 55 wieder bei Max Verstappen an. "Es war eine riesige Herausforderung. Ich denke, unsere Autos liegen relativ nah beieinander", sagt Hamilton.

In Kurve eins bremste sich Hamilton schließlich außen an Verstappen vorbei. Die Jagd bis dahin war aber das, was ihm die größte Freude bereitete. "Ich liebe das! Darum dreht sich mein ganzes Leben seit ich ein richtig altes Go-Kart hatte, war ich einfach immer auf der Jagd. Es war unglaublich, wieder in dieser Position zu sein und einen Formel-1-Weltmeister vor mir zu jagen", freut sich Hamilton.

Lewis Hamilton, Kimi Antonelli und Max Verstappen auf dem Podium in Kanada.
Hamilton, Verstappen und Antonelli feierten auf dem Podium, Foto: IMAGO/ PsnewZ

Einfach vorbeifahren ist bei Max Verstappen allerdings schwierig. Das musste Lewis Hamilton zum eigenen Leidwesen 2021 ein ums andere Mal selbst erfahren. Auch in Kanada brauchte der Rekordweltmeister, bis er das entscheidende Manöver in Runde 62 setzen konnte. "Während wir in den Kurven wahrscheinlich etwas schneller sind, holen sie auf der Geraden alles wieder auf. Und so ist es sehr anspruchsvoll, hinter ihm zu fahren", berichtet Hamilton.

Hamilton beschwert sich über Leistungs-Defizit: F1-Gegner holen alles auf der Geraden raus!

Das berichtete Hamilton auch wieder und wieder am Funk. Die Rufe nach mehr Leistung hört die Ferrari-Box nicht nur einmal. "Ich denke in dem Moment: Ich brauche irgendwie mehr Leistung! Ich kann in den Kurven mithalten, aber ich kann das Gaspedal nicht weiter durchtreten. Man holt sie beim Bremsen ein, aber auf der Geraden holen sie es wieder heraus. Selbst wenn man sie überholt oder auf weniger als eine Sekunde heranrückt, ziehen sie trotzdem wieder davon."

Selbst nach seinem Überholmanöver konnte sich Hamilton trotz besserer Pace nie ganz von Verstappen lösen. Der blieb immer in gefährlicher Reichweite. "Man muss strategisch vorgehen. Selbst wenn wir überholen, haben sie auf den Geraden immer noch mehr Leistung", so Hamilton. "Gott sei Dank habe ich es geschafft.“

Wird Monaco Ferrari-Land?

Zum Glück für Ferrari und Hamilton findet das nächste Rennen der Königsklasse in Monaco statt. Die engen Gassen sind vermutlich die einzige Strecke, auf der die Leistung kaum ein Performance-relevanter Vorteil sein dürfte. Ein gutes Vorzeichen für den erstarkten Hamilton?

"Ich glaube, da kommt es definitiv auf die Fahrdynamik an. Unser Auto könnte dort wirklich stark sein. Ich werde mich intensiv mit den Ingenieuren abstimmen, damit wir das Auto schon ab dem ersten Training richtig positionieren", so Hamilton. "Wenn man das Leistungsdefizit außer Acht lässt, sind wir im Kampf mit diesen Jungs."

Eine Dauerlösung ist die Streckencharakteristik Monacos aber natürlich nicht. Dafür muss Ferrari am eigenen Aggregat arbeiten. In dieser Hinsicht gibt es Hoffnung. Mit dem Kanada GP endet die erste Phase der ADUO-Beurteilung.

Ferrari könnte nun eine offizielle Erlaubnis bekommen, um am Motor nachlegen zu dürfen, sollte der Verbrennungsmotor zwischen zwei und vier Prozent hinter dem besten Aggregat liegen. "Ich hoffe wirklich, dass wir mit dieser neuen Regel versuchen können, die Leistung etwas zu verbessern, damit wir wieder mit ihnen mithalten können. Aber Monaco dürfte Spaß machen", so Hamilton.

Hamilton ohne Simulator-Fahrten wieder konkurrenzfähig

Das gute Wochenende begann für Hamilton allerdings deutlich früher als am Sonntag. Schon am Donnerstag verriet Hamilton in der Vorbereitung auf den Kanada GP nicht im Simulator gesessen zu haben. In Miami tat er genau das und erwischte so mit einem falschen Setup einen schlechten Start ins Wochenende.

"Ich habe mich dieses Wochenende für eine andere Abstimmung entschieden, indem ich einfach die Daten durchforstet habe. Die Zusammenarbeit mit meinem Ingenieur hat wirklich gut geklappt", berichtet der Rekordweltmeister von der Vorbereitung für den Kanada GP.

Charles Leclerc und Lewis Hamilton bei der Formel 1 in Miami
In Miami hinkte Hamilton noch hinterher, Foto: IMAGO / PsnewZ

Hamilton schreibt einen großen Teil seines Erfolges dieses Wochenende allerdings nicht nur seiner Leistung, sondern besonders der Unterstützung von Ferrari-Seite zu, auch seinem seit dieser Saison neuen Renningenieur Carlo Santi, der früher schon mit Kimi Raikkönen zusammen arbeitete.

"Mein Renningenieur hat dieses Wochenende fantastische Arbeit geleistet und mir geholfen, noch mehr Leistung aus dem Auto herauszuholen. Ich konnte endlich alle Kurven angreifen", feiert Hamilton. "Es gab viele Änderungen, um die ich bitten musste, und Fred [Vasseur, Anm. d. Red.] hat mich super unterstützt und wieder einmal Berge versetzt, damit ich mich wohlfühle."

Die Folge: Im Duell gegen Teamkollege Charles Leclerc sah Hamilton dieses Wochenende wie der klar stärkere aus. Der Monegasse wiederum sprach von einem seiner schwierigsten Wochenenden jemals. Hamilton liegt mit 72 Punkten wieder auf Position vier der Fahrer-Weltmeisterschaft.

Die restlichen großen Themen des Rennens, besonders den Strategie-Patzer von McLaren, haben wir im folgenden Video gesprochen. Jetzt anschauen!

Falsche Reifenwahl! Strategie-Fail von McLaren nicht schlimm? (17:47 Min.)