1. Warum gab es gleich zwei zusätzliche Formationsrunden?

In allerletzter Sekunde konnte die permanente Starterin Rebecca Lee den Start des Kanada GP verzögern. Alle fünf Lichter der Startampel waren an, da entschied sie sich, die Piloten auf eine extra Formationsrunde zu schicken, statt das Rennen freizugeben. Grund für die Verzögerung: Arvid Lindblad hatte ein Problem mit der Kupplung und konnte den ersten Gang nicht einlegen.

Der Brite signalisierte den Grid-Marshals sein Problem mit den bekannten Gesten aus dem Cockpit. Allerdings versuchte er lange noch den Gang einzulegen, weshalb das Problem erst spät offensichtlich wurde.

Weil sich in der Nähe von Lindblad keine Öffnung in der Boxenmauer befand, dauerte es recht lange, ehe Marshals den Racing Bull aus der Startaufstellung entfernt hatten. Um Zeit zu gewinnen, schickte die Rennleitung das Feld auf ein weitere Extra-Formationsrunde.

2. Fuhr Antonelli am Start zu früh los?

Auf den ersten Blick sah es so aus, als hätte Kimi Antonelli einen Frühstart hingelegt. Nach der langen Rot-Phase der Start-Ampel zuckte der Italiener offensichtlich. Bei genauem Hinsehen konnte man aber erkennen, dass sich George Russell sogar zuvor ganz leicht bewegte. In beiden Fällen handelte es sich aber um keinen Frühstart: Das Signal zur Extra-Formationsrunde war da bereits gegeben.

Beim Signal leuchten orangene Leuchten zusätzlich zu den fünf roten Lichter auf. Davon getriggert, rollten einige Piloten kurz an. Sie fuhren aber nicht sofort weiter, weil die Ampel erst zwei Sekunden später auf Grün umspringt. Bei einem Startabbruch hingegen fahren die Piloten gar nicht los, sondern bleiben im Grid stehen.

3. Warum fuhr McLaren auf Intermediates los?

Als Pirelli wie üblich kurz vor dem Formel-1-Start die Startreifen veröffentlichte, staunten viele nicht schlecht: Das McLaren-Duo Lando Norris und Oscar Piastri ging von den Plätzen drei und vier auf Intermediates ins Rennen. Eine absolute Fehleinschätzung, wie sich schnell herausstellen sollte. Aber wie konnte dem Team das passieren?

"Bei der Beurteilung sollte man nicht nur das Ergebnis sehen", mahnt Teamchef Andrea Stella. Bereits fünf Minuten vor dem Start müssen die Startreifen montiert sein. "Aus organisatorischen Gründen, muss die Entscheidung also sieben Minuten zuvor stehen", so Stella. Da hatte es noch leicht genieselt. Allerdings zogen sich die Wolken direkt vor dem Start wieder zurück. McLaren war mit der Entscheidung außerdem nicht alleine: Beide Sauber, beide Cadillac und Carlos Sainz starteten ebenfalls auf Intermediates.

Dass die Entscheidung nicht so schlecht war, wie sie letztlich aussah, zeigte sich am Start. Lando Norris übernahm die Führung. Der Intermediate war zumindest ganz am Anfang der bessere Reifen. Aber eben nur sehr kurz. "Aber es gab zwei extra-Formationsrunden", verteidigt sich McLaren. In der Zeit trocknete die Strecke ab. "Ich hätte gerne gesehen, wie die Slick-bereiften Fahrer beim eigentlichen Start losgekommen wären", so Stella.

4. Hätte McLaren vor dem Start noch wechseln sollen?

Die Fahrer realisierten in der Formationsrunde sofort, dass man auf dem falschen Reifen war. Trotzdem entschied sich McLaren am Ende aller drei Formationsrunden gegen einen direkten Wechsel. "Bei den Bedingungen war ein Safety Car oder ein VSC nicht so unwahrscheinlich", erklärte Lando Norris. Wären die McLaren direkt vor dem Start abgebogen, hätten sie dem Feld hinterherfahren müssen. Wäre tatsächlich ein (Virtuelles) Safety Car gekommen, hätte man deutlich weniger Zeit als bei einem regulären Stopp verloren. Norris kam nach seinem Stopp am Ende von Runde zwei immerhin auf Platz 14 zurück auf die Strecke.

5. Wofür kassierte Oscar Piastri eine Strafe?

Nach dem Start auf Intermediates und dem frühen Boxenstopp mussten sich die McLaren-Piloten durchs Feld kämpfen. Oscar Piastri tat sich dabei noch etwas schwerer als Teamkollege Lando Norris. In Runde 12 verbremste er sich in die Haarnadelkurve hinein und räumte Alexander Albon ab. "Ich wollte ihn nicht überholen, meine Räder haben blockiert", so Piastri.

Für Albon war das Rennen beendet, Piastri musste zum Wechsel des Frontflügels gleich nochmal an die Box kommen. Die unstrittige Schuldfrage beantworteten die Stewards mit einer 10-Sekunden-Strafe für den McLaren-Piloten. "Ich muss mich bei Williams und Alex entschuldigen", sah der Übeltäter ein.

6. Welcher Defekt legte George Russell lahm?

29,5 Runden lieferten die Mercedes-Piloten eine spektakuläre Show. Kimi Antonelli und George Russell machten dort weiter, wo sie im Sprint aufgehört hatten. Mehrfach wechselte die Führung zwischen den beiden Teamkollegen. Deshalb gab es in Runde 30 zwei Verlierer, als Russell den Mercedes in Führung liegend am Streckenrand abstellen musste. Den neutralen Zuschauer und den Briten selbst. Zunächst kommunizierte Mercedes ein Problem an der Power Unit als Ausfallursache. Chef-Ingenieur Andrew Shovlin schränkte später auf die Batterie ein.

7. Warum musste Russell zu den Stewards?

George Russell ärgerte sich so sehr über den Ausfall, dass er vor Wut die Cockpit-Umrandung auf die Strecke schmiss. Den Stewards gefiel die Aktion gar nicht, weshalb sie den "unsicheren Akt" mit einer Geldstrafe belegten. Russell muss die 5.000 Euro aber nicht berappen, wenn er sich in den nächsten zwölf Monaten nicht ein ähnliches Vergehen erlaubt. Dabei kommt ihm zugute, dass er sich bei den Stewards entschuldigte und sich auch öffentlich entschuldigen will.

8. Was ging bei Lando Norris kaputt?

Der 999. Grand Prix der Teamgeschichte war für McLaren ein Rennen zum Vergessen. Lando Norris pflügte nach der falschen Reifenwahl am Start nicht nur durchs Feld, sondern auch durch die Auslaufzone. Dabei kam offenbar so viel Dreck in den Seitenkasten, dass er einen zusätzlichen Boxenstopp einlegen musste, bei de der Kühler gesäubert wurde. Sein Mercedes-Motor drohte zu überhitzen.

Später musste er seinen McLaren komplett abstellen. Diesmal machte ihm das McLaren-Getriebe einen Strich durch die Rechnung. Die beiden Probleme hingen nicht miteinander zusammen, versichert Teamchef Stella.

9. Wofür kassierten die Audi-Piloten drei Strafen?

Auch für Audi war es ein Rennen zum Vergessen. Neben der falschen Reifenentscheidung und mangelnder Pace gab es auch noch einen Dreher von Nico Hülkenberg und insgesamt drei Strafen. Für eine Geschwindigkeitsüberschreitung in der Boxengasse kassierte Hülkenberg die obligatorischen fünf Sekunden. Die gleiche Strafe erhielt Teamkollege Gabrie Bortoleto, weil er während einer VSC-Phase zu schnell unterwegs war.

Nach dem Rennen musste sich Hülkenberg noch vor den Stewards erklären. Denn am Vorstart hatte er sich von Liam Lawson übrholen lassen. Soweit, so gut. Allerdings verpasste es der Emmericher, die Position bis zur zweiten Safety-Car-Linie wieder zurückzuholen. Erst in der Startaufstellung wurden die Positionen wieder richtig sortiert.

Wer es nicht schafft, bei der Safety-Car-Linie wieder auf seiner eigentlichen Position zu sein, muss eigentlich in die Boxengasse abbiegen. Deshalb steht in solchen Fällen eigentlich eine Stop-and-Go-Strafe. Die Regelhüter hatten ein Erbarmen und setzten die Strafe zur Bewährung aus. Hülkenberg bekam dazu noch eine Verwarnung. Weil Lawson auch nicht ganz unbeteiligt an der Situation war, kassierte er auch noch eine Verwarnung.

10. Wieso brach die Radaufhängung von Sergio Perez?

Am Ende von Runde 39 bog Sergio Perez mit einem lädierten Cadillac in die Boxengasse ab. Die Radaufhängung vorne links war so stark beschädigt, dass er aufgeben musste. Weder Mauer- noch Feindkontakt waren dem Schaden vorausgegangen. Cadillac hat die Ursache für den Defekt noch nicht gefunden. Für Perez war es der erste Ausfall in dieser Saison.

11. Warum musste Fernando Alonso aufgeben?

Nach 23 Runden war der Kanada GP für Fernando Alonso beendet. Der Spanier stellte seinen Aston Martin freiwillig in der Box ab. Der Sitz des AMR26 bereitete dem Routinier Schmerzen. Schon im Sprint hatte er damit Probleme. Über Nacht versuchten die Mechaniker vergeblich, den Komfort zu verbessern. "Wir sind bei diesen Autos sehr extrem mit der Sitzposition, vielleicht müssen wir da einen Schritt zurück machen", erklärte Mike Krack.

12. Wofür kassierte Isack Hadjar 40 Sekunden Strafen?

Platz fünf ist das zweitbeste Karriere-Ergebnis für Isack Hadjar und das bisher beste Ergebnis des Franzosen im Red Bull. Trotzdem konnte er mit dem Kanada GP nicht zufrieden sein. Im Rennen fehlte ihm deutlich Pace, dazu kassierte er zwei heftige Strafen. Charles Leclerc musste fast von der Strecke fahren, weil sich Hadjar mit mehrfachem Spurwechsel verteidigt hatte. Die Stewards belegten ihn mit einer 10-Sekunden-Strafe. "Die Strafe war fair", musste Hadjar anerkennen. "Ich bin zu hart gefahren, aber es war keine Absicht. Ich war etwas verwirrt. Es tut mir leid, es war etwas dumm."

Etwas dumm war auch der Grund für seine zweite Strafe. Als in Kurve 13 Doppelt Gelb herrschte, ging der Red-Bull-Neuling nicht signifikant vom Gas. Die Stewards verstehen in solchen Fällen keinen Spaß. Standard für solche Vergehen ist eine Stop-and-Go-Strafe, umgerechnet eine 30-Sekunden-Strafe. Genau die kassierte Hadjar auch. Kurios: Obwohl er binnen zehn Runden insgesamt 40 Sekunden Strafe absaß, verlor er keine Position, weil Franco Colapinto als Best of the Rest so weit zurück lag.

Die restlichen großen Themen des Rennens rund um Mercedes, McLaren und das Duell zwischen Lewis Hamilton und Max Verstappen haben wir im folgenden Video gesprochen. Jetzt anschauen!

Falsche Reifenwahl! Strategie-Fail von McLaren nicht schlimm? (17:47 Min.)