Für Lewis Hamilton waren die ersten zwölf Rennen bei Ferrari nüchtern betrachtet eine Enttäuschung. Die Gründe dafür werden Hamilton jetzt erst so richtig klar. Und vor Beginn der zweiten Saisonhälfte meldet er sich am Donnerstag in Spa-Francorchamps mit überraschend harten Ansagen in Richtung Management.

"Schau dir die letzten 20 Jahre an - sie hatten Wahnsinns-Fahrer", spricht Hamilton das offen aus, was jedem in der Formel 1 eigentlich bewusst ist. "Du hattest Kimi. Fernando. Sebastian. Alles Weltmeister." Für Außenstehende scheint es unglaublich, dass die Scuderia seit Kimi Räikkönen 2007 keinen Fahrer-Titel mehr holte, obwohl sie seither durchwegs Räikkönen, Fernando Alonso, Sebastian Vettel und Charles Leclerc im Auto hatte.

In den letzten Wochen gab es wieder Gerüchte um den Verbleib von Teamchef Fred Vasseur. Nichts, das Hamilton - ein persönlicher Freund von Vasseur - gutheißt. Die unvermeidlichen Fragen kochten wieder hoch. Wissen die großen Bosse von Ferrari wirklich, was sie tun müssen, um ihr F1-Team auf die Erfolgsspur zu bringen? Hamilton scheinen da in den letzten Wochen ernste Zweifel gekommen zu sein.

Lewis Hamilton will nicht wie Vettel & Alonso enden

"Es ist eine riesige Organisation, viele bewegliche Teile, und nicht alle Zylinder feuern so, wie sie sollen", lautet Hamiltons nüchternes Urteil. "Ultimativ hat dieses Team deshalb die Erfolge nicht, die es verdient hätte. Da denke ich, dass es mein Job ist, absolut jeden Bereich herauszufordern, jeden im Team, besonders die Jungs an der Spitze, welche Entscheidungen treffen."

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"Ich kann mich glücklich schätzen, Erfahrungen aus zwei großartigen Teams mitzubringen", blickt Hamilton auf seine Zeit bei McLaren und bei Mercedes zurück, wo er respektive sechs Titel holte. "Sicher gibt es Unterschiede, Variation in der Kultur und so, aber wenn du permanent den gleichen Weg einschlägst, bekommst du die gleichen Ergebnisse."

Schon vor Saisonbeginn war sich Hamilton bewusst gewesen, dass das womöglich passieren musste. Im Februar hatte er festgehalten, dass er nun riesigen Respekt vor Alonso und Vettel hatte, die damals schon kurz nach ihrer Ankunft Siege gefeiert hatten. Andererseits scheiterten beide aber auch daran, einen Titel zurück nach Maranello zu holen. Für Hamilton kein akzeptabler Ausgang: "Ich weigere mich, dass mir das passiert."

Lewis Hamilton schreibt Kritik & hält Meetings mit Ferrari-Management

Zu diesem Zweck bereitete sich Hamilton schon zu Jahresbeginn darauf vor, im Saisonverlauf dem Team anständige und vollumfängliche Kritik zu geben. Um als Außenstehender zu verdeutlichen, was gut läuft, und was schlecht läuft: "Nach den ersten paar Rennen habe ich ein großes Dokument ans Team geschickt, und in der letzten Pause zwei weitere."

"Teilweise geht es um strukturelle Anpassungen, die wir als Team vornehmen müssen, um besser zu werden", bestätigt Hamilton. In den letzten zwei Wochen verbrachte er viel Zeit in Maranello. Nicht nur mit den Ingenieuren. Nach seinem Input organisierte er mehrere Meetings mit dem Ferrari-Vorsitzenden John Elkann, mit CEO Benedetto Vigna und mit Teamchef Fred Vasseur.

Lewis Hamilton an seinem ersten Arbeitstag für Ferrari gemeinsam mit Teamchef Fred Vasseur und Benedetto Vigna in Fiorano.
Ferrari-Teamchef Fred Vasseur, Lewis Hamilton und CEO Benedetto Vigna, Foto: Ferrari

"Sie reagieren sehr gut, und wir verbessern uns schon in vielen Bereichen", ist Hamilton zuversichtlich. "Bei Marketing. Was sie an Sponsoren liefern. Wie die Ingenieure sich verbessern und arbeiten. Viele Verbesserungen, die wir machen müssen, aber die Reaktion ist sehr gut."

"Letztendlich versuche ich wohl einfach, Verbündete in der Organisation zu kreieren und sie anzutreiben", beschreibt es Hamilton. Mit Nachdruck, denn er ist schließlich schon über 40: "Die Zeit drängt! Ich glaube absolut ans Potenzial des Teams, und dass sie viele Titel holen können."

Lewis Hamilton legt auch an Ferraris Auto-Philosophie Hand an

Natürlich geht es Hamilton aber nicht nur um das Team, sondern auch um die technische Entwicklung des Autos. Damit befasste sich eines der drei von ihm zusammengestellten Dokumente. Teamkollege Charles Leclerc merkte zuletzt schon an, wie enorm hilfreich so ein Feedback mit einer Perspektive von außen für das ganze Team sei:

So hielt Hamilton in den letzten zwei Wochen auch viele Gespräche mit dem seit letzten Herbst amtierenden Technikchef Loic Serra - den Ex-Mercedes-Mann kennt er ja bereits bestens - sowie mit allen Abteilungsleitern: "Darüber, was wir wollen, und über die Probleme, die ich mit dem diesjährigen Auto habe."

"Ich habe auch das 2026er-Auto zum ersten Mal getestet", verrät Hamilton. Es ist das erste Ferrari-Projekt, auf das er wirklich großen Einfluss hat. Dabei erhofft er sich, ein paar der grundlegenden technischen Charakteristiken des Teams zu erhalten - und andere zu erneuern. "Damit haben wir angefangen. Und ein großes Debriefing mit allen Ingenieuren. Alles ein großer, großer Push."