So langsam wird das Mercedes-Lager nervös. Der Sieg in Kanada sieht unter den Ergebnissen der letzten sieben Rennen der Formel 1 immer mehr wie ein unverhältnismäßig positiver Ausreißer aus. Und die schlechten Wochenenden folgen nicht mehr dem üblichen Trend. Nach einem weiteren anonymen Auftritt in Belgien beginnt George Russell die Alarmglocken zu läuten.
"Das war in Sachen Performance nicht gerade überzeugend", lautet Russells Bilanz nach einem Wochenende, an dem er im Sprint nicht einmal in die Top-10 gekommen war, und wo er im Rennen von Platz 6 losfuhr und auf Platz 5 ins Ziel kam. Über 30 Sekunden hinter McLaren, 13 hinter Ferrari und Red Bull. Der Mercedes spielte nüchtern betrachtet in der Williams-Liga, nur 5 Sekunden hinter Russell lief Alex Albon ein.
"Man könnte argumentieren, dass diese Bedingungen für uns und für unser Auto ideal wären, und wieder ist es die schlechteste Performance des Jahres", wundert sich Russell da. Wie zuletzt in Silverstone war es kühl, was seit über einem Jahr als vorteilhaft für den Mercedes gilt. In solchen Bedingungen gewann das Auto mehrere Rennen, teilweise sogar dominant. Außerdem darf nicht vergessen werden: Im Vorjahr gewann das Team hier in Spa.
Auch in Silverstone war das Rennen im Regen ein Desaster gewesen. So ist der Trend jetzt kein guter. In Imola brachen dem Auto im Rennen die Reifen weg. In Spanien war es einfach langsam. In Österreich war es einfach langsam. Abgesehen von Pole und Sieg in Kanada schaffte Russell nur in Imola und Silverstone im Qualifying respektable Rundenzeiten.
| Startplatz | Rennen | |
|---|---|---|
| Imola | 3 | 7 |
| Monaco | 14 | 11 |
| Barcelona | 4 | 4 |
| Montreal | 1 | 1 |
| Spielberg | 5 | 5 |
| Silverstone | 4 | 10 |
| Spa | 6 | 5 |
Mercedes fährt nicht mehr gut, George Russell beschleicht ein Verdacht
"Wir werden uns da diese Woche alle zusammensetzen", kündigt Russell jetzt an. Er hat nämlich langsam einen Verdacht: Die verschärften Tests der Frontflügel-Steifheit. Mercedes lieferte in Imola erstmals einen versteiften Frontflügel. Seit Spanien muss man damit fahren, denn dort wurden per Technischer Direktive die Biegsamkeits-Tests verschärft.
Dazu sei angemerkt: Im Fahrerlager wurde im Vorjahr der Mercedes-Flügel oft neben dem McLaren-Flügel als auf der biegsameren Seite hervorgestrichen. Interessant hierbei auch eine Aussage von Ex-Mercedes-Pilot Lewis Hamilton aus Barcelona: "Als ich bei Mercedes war und wir es letztes Jahr zu dieser Zeit bekommen haben, war es positiv für uns. […] Dadurch wurde diese Auto-Generation so viel besser zu fahren."
Russell hält in Spa fest, dass man in Sachen Setup sich etwas vom zu Saisonbeginn gegangenen Weg entfernt hat: "Um das Problem mit dem Flügel-Wechsel anzugehen. Ganz klar haben wir seitdem einen großen Schritt zurück gemacht. Vielleicht können wir da einfach zurück auf etwas gehen, was wir davor hatten. Natürlich geht das mit dem Flügel nicht, aber beim restlichen Setup ... aber ich weiß nicht, scheint seltsam, dass wir so weit zurückgefallen sind."
Das größte Problem ortet Russell am Einlenkpunkt: "Dem Heck fehlt Stabilität, das war zu Jahresbeginn viel besser. Kimi und ich machen beide mehr Fehler, weil das Auto schwieriger zu fahren ist." Für den Rookie Kimi Antonelli ist das um ein Vielfaches schlimmer. Ihm fehlt Russells Erfahrung im Umgang mit solchen Problemen. "Deshalb seht ihr wohl diesen Wandel in seinen jüngsten Ergebnissen", vermutet auch Chefingenieur Andrew Shovlin.
Mercedes will sich nicht festlegen: Flügel oder anderes Teil das Problem?
Nun ist grundsätzlich unumstritten: Die biegsamen Frontflügel halfen den Teams, ihre Autos zwischen unterschiedlichen Kurventypen besser auszubalancieren. Das muss aber nicht heißen, dass die Mercedes-Probleme wirklich darauf zurückgehen, wehrt Shovlin am Sonntagabend in Belgien ab, nachdem er mit der Theorie konfrontiert wird.
"Es hat sich nicht nur der Frontflügel geändert", erinnert Shovlin. Seit Imola hat Mercedes auch eine neue Hinterachse und zwei Unterboden-Updates eingeführt. "Fakt ist, dass andere ihre Autos besser ausbalancieren. Irgendwo gibt es sicher eine Lösung für uns, aber wie gesagt, wir schauen uns alle Schritte an, die wir mit dem Auto-Design über die letzten Rennen getätigt haben."
So stellt Shovlin fest, dass die Instabilität sehr hartnäckig ist, und sich auch bei großen Änderungen der aerodynamischen Konfiguration - etwa mit dem deutlich kleineren Heckflügel von Spa - festsetzt. Und dann ist da natürlich der Kanada-Sieg: "Wir haben mit diesem Frontflügel in Montreal gewonnen." Das Team will über die nächsten Rennen nun vor allem dezidiert Fokus auf das Problem legen, um es nicht nur loszuwerden, sondern auch zu verstehen.



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