Eigentlich war vor dem Start am Sonntag alles angerichtet für George Russell. Der WM-Dritte war in Barcelona schon im Formel-1-Training am Freitag der tonangebende Fahrer gewesen, hatte diese Form problemlos ins Qualifying transferiert und sich dort dann die Pole Position gesichert. Zwar nur knapp vor Lewis Hamilton, dafür aber befreiend weit vor seinem Teamkollegen Andrea Kimi Antonelli.
Nach Monaten der weitestgehenden teaminternen Unterlegenheit, in der Russell nur punktuell den 19-jährigen WM-Leader ärgern konnte, war das ein wichtiger Befreiungsschlag. Nach diesem dachte der Brite, dass er soeben die Lösung für seine Misere gefunden hätte. Doch nur 24 Stunden später zeigte sich, dass dem mitnichten so ist.
George Russells Pace bricht plötzlich ein: "Start war solide, aber..."
Russell hatte seine Rechnung ohne die harten Reifen angestellt. Von denen gibt es nur zwei Sätze pro Wochenende und diese hatte sich der Großteil des Formel-1-Feldes für das Rennen aufgespart – so auch Mercedes. Als Russell nach dem ersten Boxenstopp die C2-Mischung aufgesteckt bekam, wackelte plötzlich seine bis dahin so makellose Performance.
"Alles ging gut los. Ich fühlte mich im ersten Stint gut und dann auf den letzten beiden Stints wurde es etwas schwieriger", stellte der einmalige Saisonsieger in der Pressekonferenz nach dem Rennen fest. Hatte er mit dem Medium das Feld noch kontrollieren können, so nahm der Druck von Hamilton und vor allem von Antonelli nach dem Reifentausch zu. "Ich hatte einfach nicht die Pace und es fühlte sich mit dem harten Reifen nicht mehr gut an", so sein Urteil.
Der weitere Rennverlauf offenbarte das schonungslos: Hamilton war mit seiner 3-Stopp-Strategie (auch dank einer VSC-Phase) nicht mehr zu schlagen. Antonelli ging Russell den überholfeindlichen Bedingungen zum Trotz wenige Runden vor Schluss vorbei. Auch wenn dieses Manöver durch den späteren Ausfall von Antonelli ergebnistechnisch irrelevant blieb, ist das etwas, das Russell schwer zu denken gibt.
"Der Start war solide, aber die letzten beiden Stints auf dem Hard waren nicht gut genug", ging er mit sich selbst hart ins Gericht. Der sechsfache Grand-Prix-Sieger fordert von sich selbst Verbesserungen ein. Einfacher gesagt als getan. In Miami führte sein erster Versuch, das Ruder gegen Antonelli herumzureißen, auf einen monatelangen Irrweg, auf dem er das Setup seines Teamkollegen übernahm. Ohne aber dessen Pace kopieren zu können.
Vor Barcelona hatte er diese Route wieder verworfen und sich an seinem Setup vom Saisonstart orientiert. Dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist, ist nun wohl die Lehre vom Rennsonntag. Eine allzu lange Irrfahrt kann er sich inzwischen aber nicht mehr leisten, auch wenn in dieser Formel-1-Saison noch mindestens 15 Grands Prix auf dem Programm stehen.
Teamchef Toto Wolff ließ nach dem Rennen auf dem Circuit de Barcelona-Catalunya durchklingen, dass bei ähnlichen Konstellationen wie heute durchaus auch Teamorders vorstellbar sind.



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