239 Anläufe hat es gebraucht, bis Nico Hülkenberg den Fluch gebrochen hat und endlich nicht mehr als der Formel-1-Fahrer mit den meisten Rennen ohne Podium bekannt ist. 238 Anläufe ohne ein Gastspiel auf dem Treppchen sind für einen Fahrer seines Kalibers aber auch bemerkenswert. Jetzt, wo es endlich hinfällig ist, lohnt sich auch ein Blick zurück: Wie es so lange dauern konnte.
Motorsport-Magazin.com hat also nachgezählt, und die sieben größten verstrichenen Chancen aus der F1-Karriere des Nico Hülkenberg vor der Erlösung von Silverstone herausgesucht. War es Pech, war es die von manchen gelegentlich unterstellte schlechte Chancenverwertung?
Brasilien 2012: Albtraum mit Crash gegen Lewis Hamilton
Brasilien ist das eine Rennen, welches Hülkenberg bis Silverstone wohl im Schlaf verfolgte. "Das war der Tag", blickte er am Ende von 2019 einst zurück, als damals die Chance bestand, dass seine Formel-1-Karriere ganz vorbei sein könnte. Kurz vor seinem vorerst letzten Rennen hatte er zufällig die Wiederholung des Rennens gesehen: "Ich führe, und dann sehe ich alles noch einmal, und mir hat das Herz geblutet."
Bei wechselhaften Bedingungen hatte er sich in seinem Force India mit den McLaren von Jenson Button und Lewis Hamilton gematcht. 30 Runden lang führte er, dann begann das Nervenflattern. Mit einem Quersteher schenkte er Hamilton in Runde 48 die Führung. Als Hamilton in Runde 55 überrunden musste, wollte sich Hülkenberg revanchieren. Mit desaströsen Konsequenzen. Auf der Bremse verlor er das Heck und schoss Hamilton ab. Statt Sieg blieb nicht einmal ein Podium. Infolge einer Durchfahrtsstrafe wurde er Fünfter. 13 Jahre lang drohte es die Szene seiner Karriere zu bleiben.

Monaco 2016: Force India bekommt Hülkenberg-Strategie nicht auf die Reihe
Mit Sauber und Force India war in den 2010ern nicht viel zu holen. 2016 war Force India aber stets ein solides Team vorne im Mittelfeld. Im verregneten Monaco startete Hülkenberg von P5, doch im denkbar schlechtesten Moment wechselte er in Runde 15 von Regenreifen auf Intermediates. Er verlor einen Platz per Undercut, und steckte zugleich hinter noch mit Regenreifen langsamen Autos fest. Sein Teamkollege Sergio Perez fuhr länger, und ging so per Overcut vorbei. Im weiteren Rennverlauf entscheidend, denn bei Perez stimmte auch der Wechsel auf Slicks perfekt, wodurch er auf den dritten Platz aufrückte. Hülkenberg konnte lediglich in der letzten Runde auf der Strecke P5 von Mercedes-Pilot Nico Rosberg zurückholen.
Belgien 2016: Hülkenberg fehlt Rot-Glück gegen Lewis Hamilton
Eine zweite Chance bot 2016 Belgien, wo Hülkenberg mit Raketenstart in der ersten Runde von P7 auf P2 hinter Rosberg vorschoss. Bei einem frühen Safety Car stoppte er und war danach immer noch Dritter hinter Rosberg und Red-Bull-Pilot Daniel Ricciardo, die noch keinen Stopp hatten. Gleiches galt für Lewis Hamilton, der im zweiten Mercedes vom vorletzten Platz losgefahren war.
Dann wurde das Safety Car zu einer roten Flagge. Gratis-Reifenwechsel für die Konkurrenz. Hamilton lag plötzlich nur mehr zwei Plätze hinter Hülkenberg, und mit dem überlegenen Mercedes war es ein Leichtes, den dritten Platz zu übernehmen. Hülkenberg wurde 8 Sekunden hinter Hamilton Vierter.
Baku 2017: Chaos-Rennen endet für Hülkenberg in der Mauer
Obwohl debattierbar, gilt Baku 2017 gemeinhin als verpasste Chance für Hülkenberg, nunmehr Renault-Werksfahrer. Das Rennen ging als ultimativer Chaos-GP in die Geschichte ein. Ricciardo gewann vor Valtteri Bottas im Mercedes und Lance Stroll im Williams. Nur Ricciardo und Stroll lagen vor Hülkenberg, als dieser nach einer roten Flagge zur Rennmitte vorwärts drängte. Gerade hatte er P6 übernommen, als er in Runde 26 vor der Burg-Sektion selbst in die Wand fuhr.


Wie es wirklich ausgegangen wäre, lässt sich in dem Rennen aber schwer sagen. Hülkenberg hätte Stroll überholen müssen, denn Bottas wäre in einem überlegenen Mercedes immer von hinten gekommen.
Singapur 2017: Hülkenberg übernimmt Rekord mit tragischem Rennen
Es war Hülkenbergs 129. Grand Prix. Die Podium-Story war das ganze Singapur-Wochenende präsent, denn wenn er es im Rennen nicht schaffen sollte, würde er den Rekord für die meisten Rennen ohne Podest von seinem Landsmann Adrian Sutil übernehmen. Und - man glaubte es kaum - es regnete am Start, ein Crash riss beide Ferrari und Max Verstappens Red Bull in der ersten Runde raus, und Hülkenberg war auf dem überholfeindlichen Kurs Dritter.
Doch er war schon im Hintertreffen. Er und Renault hatten auf Regenreifen gesetzt. In Runde 12 gab Hülkenberg mit einem Intermediates-Wechsel schon den Platz ab. Es spielte am Ende sowieso keine Rolle. Ab Runde 38 begann der Renault zu kranken, in Runde 48 gab der Motor den Geist auf. Hülkenberg blieb nur Galgenhumor: "Ich musste eine lange Zeit und sehr hart dafür arbeiten, um Adrian jetzt diesen Titel wegzuschnappen und jetzt selbst der Rekordhalter zu sein. Ich beende dieses Wochenende die Sutil-Ära, jetzt beginnt die Hülkenberg-Ära! Darauf freue ich mich sehr."
Hockenheim 2019: Das tragische letzte Hülkenberg-Kapitel
Ein chaotisches Rennen bei Mischbedingungen gibt es noch. Der berüchtigte Deutschland-GP 2019 in Hockenheim. Hülkenberg glänzte, während andere links und rechts abbogen. Nach der dritten Neutralisierung des Rennens war er kurzfristig Zweiter hinter Verstappen. Er wurde zwar in den Runden 37 und 38 von den Mercedes von Valtteri Bottas und Lewis Hamilton überholt. Hamilton hatte aber eine Strafe anhängen, und beide sollten später noch von der Strecke rutschen.
Leider kam Hülkenberg ihnen zuvor. Mit einem kleinen Fahrfehler rutschte er vor der letzten Kurve weit raus. Dort war die Auslaufzone asphaltiert, also öffnete er die Lenkung, um nicht auf dem Kerb auszurutschen. Doch der Bereich war zu Wochenbeginn mit schwarzer Farbe überpinselt worden. Für eine anfangs geplante Sponsorenfläche, welche die Formel 1 dann doch nicht auftrug. Daher war der vermeintlich sichere Asphalt unfassbar rutschig.
Hülkenberg ruderte chancenlos in die Absperrung. Das hatten an gleicher Stelle vor ihm schon Hamilton und Charles Leclerc getan. "Es ist eine Auslaufzone, dort sollen sie eigentlich nicht hinfahren", zeigte der damalige Rennleiter Michael Masi danach wenig Mitleid.

Australien 2023: Restart-Regeln bringen Hülkenberg ums Podium
Mit sehr viel Glück wäre Hülkenberg beinahe bei seinem dritten Rennen für Haas nach dem F1-Comeback 2023 aufs Podest gestolpert. In einem souverän exekutierten Australien-GP lag er schon in den Punkten, als kurz vor Schluss nach einem relativ kleinen Unfall Chaos ausbrach. Es wurde abgebrochen, ein stehender Restart ausgerufen, bei tiefstehender Sonne krachte es vor Hülkenberg erneut, er rückte bei einem erneuten Abbruch auf P4 auf. Und ein Fahrer vor ihm hatte eine Strafe anhängen.
Doch die Rennleitung ordnete das Feld für eine letzte Runde hinter dem Safety Car neu. Grund: Es gilt in so einem Szenario die letzte vor dem Abbruch eindeutig feststellbare Reihenfolge. Für die Rennleitung war das die Startaufstellung vor dem verhunzten Restart. So wurde Hülkenberg als Siebter gewertet, ein Protest von Haas nach dem Rennen scheiterte.
Ein paar kleinere Chancen sind noch erwähnenswert. In Spa 2012 lag Hülkenberg nach einem Startcrash auf P3, doch Force India verlor strategisch gegen Red Bull und Lotus. P4. In Bahrain 2014 kämpfte er das ganze Rennen mit Teamkollege Sergio Perez, unterlag aber im Schluss-Sprint. P5. In Sotschi 2015 startete er vor Perez, crashte aber in der ersten Kurve. Perez holte ein Podium.



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