Nico Hülkenberg kann nach dem Großen Preis von Großbritannien einen großen Punkt von seiner Liste streichen. Bei seinem 239. Grand-Prix-Start stand der Deutsche endlich auf dem Podium. Abgehackt, Job erledigt, gleich auf zum nächsten? Formel-1-Experte Christian Danner ist sich sicher, dass der Podestplatz Hülkenberg beflügeln wird.

"Wenn ich am Podium stehe, die Champagnerflasche in der Hand halte und mich daran erinnere, dass das eigentlich früher auch ganz gut war bei all den Rennen, die ich gewonnen habe, dann ist das eine Genugtuung, die letztlich die mentale Stärke eines Fahrers nach oben bringt", versicherte der ehemalige Formel-1-Pilot.

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Die Dringlichkeit, auf das erste gleich ein zweites Podium folgen zu lassen, sieht Danner nicht als Stolperstein für Hülkenberg. "Er wird nicht in irgendein Loch fallen, weil er dem Druck nicht mehr standhalten kann. Es wird ihn besser machen", zeigte sich der Experte zweifelsfrei. Denn auch die mediale Last, die mit einer so langen Podest-Durststrecke einhergeht, hat den Emmericher nicht erdrückt.

Ein so sichtbarer Erfolg tut dem Fahrer-Herzen gut, weiß Danner. Vor allem, weil der Sauber-Pilot eine absolute Meisterleistung im britischen Regen vollbracht hat. "Das war schon Extraklasse. Aber es war eigentlich eher eine Bestätigung als eine Überraschung", bewertete Danner Hülkenbergs Silverstone-Ergebnis. "Wir dürfen nicht vergessen: Der Mann hat alles gewonnen auf dem Weg in die Formel 1. Alles", erinnerte der Experte an die beeindruckende Karriere seines Landsmannes.

Günther Steiner rettete Hülkenberg aus "Nirwana der F1-Arbeitslosigkeit"

Günther Steiner und Nico Hülkenberg bei den Wintertests in Bahrain
Damaliger Haas-Teamchef Günther Steiner holte Nico Hülkenberg 2023 in die Formel 1 zurück, Foto: IMAGO / HochZwei

Hülkenberg fing im Alter von neun Jahren mit dem Kartsport an. Als er in den Formelsport aufstieg, gewann er in seiner ersten Saison die deutsche Formel BMW. Zahlreiche Siege in unteren Kategorien und Meistertitel in der Formel 3 und GP2-Serie folgten, bevor er 2010 mit Williams in die Königsklasse einstieg.

"Er war souverän, überragend. Er kam in die Formel 1 und hat von Anfang an einen sehr guten Job gemacht", lobte Danner. Bereits in seinem dritten Grand Prix fuhr Hülkenberg in die Punkteränge, im vorletzten Rennen seiner Rookie-Saison holte er sich seine erste und bisher einzige Pole-Position.

Hülkenberg wechselte zwischen Mittelfeldteams hin und her, bevor er sich 2020 aus der Königsklasse zurückzog. Formel-1-Experte Christian Danner machte dafür "Motivationsprobleme" verantwortlich. Der heute 37-Jährige war danach als Reservefahrer in der Formel 1 unterwegs, sprang für COVID-erkrankte Piloten ein und lieferte gute Resultate. 2023 nahm Günther Steiner den Emmericher dann Vollzeit bei Haas unter Vertrag.

Ein Schlüsselmoment in Hülkenbergs Karriere, wie Danner meinte: "Steiner hat ihn aus dem Nirwana der Formel-1-Arbeitslosigkeit wieder zurück ins Cockpit geholt. Er hatte dieses Gespür, dass da mehr ist, als man bis jetzt so richtig gesehen hat. [Hülkenbergs Karriere] ist eine Mischung aus Können, Hartnäckigkeit, Abgeklärtheit und ein bisschen Glück." Das Ergebnis in Silverstone sei nur eine Fortsetzung dessen, was Hülkenberg schon seine ganze Laufbahn lang repräsentierte: "Absolut verlässlicher Spitzensport."

Hülkenberg fast bei Red Bull? Danner: Er war auf jeder Liste

Sein Können setzte ihn auch auf die Liste von Red Bull Racing. Über die Jahre wurde Hülkenberg öfters mit dem bekanntlich anspruchsvollen zweiten Cockpit neben Max Verstappen in Verbindung gebracht. Kein Wunder, so der Experte: "Nico Hülkenberg stand auf jedermanns Liste, seitdem ihn Günther in den Haas gesetzt hat. Da zeigte er als Nachfolger von Mick Schumacher, was man mit einem schlechten bis mittelmäßig guten Auto anstellen kann."

Red Bull entschied sich aber nie für den Deutschen, sondern für Sergio Perez, Liam Lawson und jetzt Yuki Tsunoda, der mit dem RB21 gar nicht zurechtkommt. Wäre es für die Mannschaft aus Österreich besser gewesen, den erfahrenen Deutschen unter Vertrag zu nehmen? Ein verlässlicher Punktesammler für Red Bull, ein Sitz bei einem Top-Team für Hülkenberg?

"Weder für Red Bull noch für Hülkenberg wäre es dramatisch besser gewesen, hätte man sich für den Red-Bull-Fahrer Hülkenberg entschieden", zweifelte Christian Danner. So wie es jetzt ist, passt es, lautet die Expertenmeinung. Vor allem mit dem Ausblick auf die Zukunft gibt es für deutsche Formel-1-Fans Hoffnung, ihren Fahrer öfter auf dem Podium zu sehen.

Doch Danner ermahnt vor verfrühtem Übermut. Bei der Euphorie über Hülkenbergs Top-3-Ergebnis darf nicht vergessen werden, dass er sich für den Großbritannien GP auf P19 qualifizierte. Und das nicht zum ersten Mal in dieser Saison.

Aber: "James Key [Technikdirektor bei Sauber; Anm. d. Red.] hat ein gutes Auto hingestellt, das zwar immer noch nicht das Schnellste ist. Aber es ist im Renntrimm sehr gut und angenehm zu fahren. Darin liegt das Geheimnis." Ob es für Sauber 2026 mit der großen Reglementänderung und dem Werkswechsel zu Audi noch so weitergeht, will Danner abwarten.

15 Jahre musste Nico Hülkenberg auf sein Podium warten. Doch Silverstone war nicht die erste Chance, die er auf ein Top-3-Ergebnis hatte. Ein Rückblick auf sieben verpasste Podien.