Freed from Desire. Der 90er-Hit lief nach dem Podium von Nico Hülkenberg in Dauerschleife in der Sauber-Hospitality - nur mit anderem Text. "Nico is on fire" sang das gesamte Team immer und immer wieder. Dabei hätte man den Text nicht einmal umdichten müssen. Befreit vom Verlangen. Nach 239 Grands Prix war es endlich so weit. Noch nie in der Geschichte der Formel 1 hatte ein Fahrer so viel Anlauf auf das Podium genommen.
Im Medienzentrum wurde bei der Zieldurchfahrt von Journalisten aus aller Welt applaudiert, auch die Fahrerkollegen freuten sich sichtlich mit Hülkenberg. Viele - ja, auch ich - hatten daran gezweifelt, dass es ihm noch gelingen würde. Die vielen Zweifel hatten aber wenig mit dem Fahrer zu tun, mehr mit dem Team.
Das Talent von Nico Hülkenberg ist unbestritten. Aber der 37-Jährige war in seiner Formel-1-Karriere nicht gerade vom Glück verfolgt. Zur falschen Zeit am falschen Ort lautete sein Motto. Einerseits hatte er nie das Material, um ganz vorne mitzufahren. Auf der anderen Seite war er aber auch nie zur Stelle, wenn es etwas zu holen gab. Manchmal war Pech im Spiel, manchmal auch eigenes Unvermögen.
Aber in seiner zweiten Karriere ist Hülkenberg zu einem Abstauber geworden, das Schicksal hat sich gedreht. Immer dann, wenn es etwas zu holen gibt, ist er da. Es scheint egal zu sein, wo er sich qualifiziert, wenn es im Rennen etwas zu holen gibt, ist er da. So ein Ergebnis klingt zwangsläufig nach einer Portion Glück.
Hülkenberg belehrt Alonso eines Besseren
Glück? Nein, sein erstes Formel-1-Podium war eine Meisterleistung. Er war es, der am Funk am Anfang einen verfrühten Wechsel auf Slicks verhinderte. Er war es, der den entscheidenden Boxenstopp in Runde neun im Alleingang entschied. Auf der Hangar-Geraden funkte das Team noch, er solle draußen bleiben. Nach Stowe entschied Hülkenberg selbst: "Meine Reifen sind hinüber, ich komm an die Box. Box."
Fernando Alonso beklagte sich im Rennen darüber, dass das Team bei ihm immer die falsche Entscheidung treffen würde. Ich habe ihn später gefragt, ob der Rennfahrer bei solchen Bedingungen nicht genauso in die Entscheidungen involviert ist. Seine Antwort war eindeutig: "Es ist Bullshit, dass die Fahrer da die Entscheidungen treffen. Es ist ein datengetriebener Sport."
Nico Hülkenberg hat nicht nur Fernando Alonso eines Besseren belehrt, er hat auch dem Druck standgehalten. Bei extrem schwierigen Bedingungen hat er nicht nur keinen Fehler gemacht, er hat auch Lewis Hamilton in Schach gehalten. Hülkenberg ist in seiner zweiten Karriere nicht schneller, er ist nur abgezockter geworden. Es scheint, als hätte er die Leichtigkeit des Fahrens gefunden.
Hülkenbergs Audi-Wechsel kein Fehler
Ich glaube nicht, dass Hülkenberg mit Audi gleich regelmäßig um Podiumsplatzierungen fahren wird. Aber ein Fehlgriff, den er schon bereut, wie manche vorschnell urteilten, war der Wechsel zu Sauber auf keinen Fall. Dass es schon in diesem Jahr so bergaufgehen würde, war vielleicht nicht vorherzusehen. Aber das Angebot eines Werksteams kann man nicht ablehnen.
Hülkenberg hat in seiner Formel-1-Karriere ein paar Fehler in den falschen Momenten gemacht, aber das Talent war immer da. Erfahrung und vor allem Reife haben aus ihm nun den kompletten Rennfahrer gemacht. Man muss nur lang genug dabeibleiben, dann gleichen sich Glück und Pech über die Zeit aus und die verdienten Ergebnisse kommen. Das ist nun in Silverstone passiert.



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