1. - S wie Startaufstellung

Je ein Red Bull und ein Ferrari starten in Saudi-Arabien heute aus den ersten beiden Reihen - genau wie vor einer Woche beim Start in die F1-Saison 2022 in Bahrain. Dennoch sieht die Startaufstellung der Formel 1 in Jeddah (Start heute 19 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit, live auf Sky, ServusTV und SRFinfo) völlig anders aus. Zum ersten Mal überhaupt beginnt Sergio Perez bei seinem insgesamt 215. Start in der Königsklasse ein Formel-1-Rennen von der Pole Position.

Neben dem Mexikaner lauert Charles Leclerc im ersten Ferrari auf P2. Gleich hinter dem Auftaktsieger folgt der zweite Ferrari mit Teamkollege Carlos Sainz auf Platz drei vor Max Verstappen. Der amtierende Weltmeister klagte im Qualifying über große Grip-Probleme im Q3 und kam diesmal nicht über den vierten Rang hinaus. Gefährlich: Damit startet Verstappen unmittelbar neben seinem alten Intimfeind Esteban Ocon, der die Alpine sensationell auf P5 vor dem Mercedes von George Russell qualifizierte.

Fernando Alonso, Valtteri Bottas, Pierre Gasly und Kevin Magnussen komplettieren die Top-10 der Startaufstellung. Daniel Ricciardo hatte sich auf dem zwölften Rang klassifiziert, startet das Rennen wegen einer Strafe für eine Behinderung Ocons allerdings vom 14. Startplatz. Dabei profitiert der Australier sogar noch davon, dass Haas das Auto von Mick Schumacher nach dessen heftigem Unfall im Qualifying zurückzog. Insgesamt gehen heute somit nur 19 Fahrer an den Start. Nico Hülkenberg startet von P17, sofern Lewis Hamilton nach einem völlig verwachsten Qualifying seinen 15. Platz behalten und nicht für einen großen Setup-Umbau aus der Boxengasse starten sollte (vgl. "6. - S wie Sao-Paulo-Lewis").

2. - S wie Start

Gleich nach der Ausgangslage Startaufstellung kommt die größte Bedeutung wie immer dem Rennstart zu. Verhältnismäßig knappe 230 Meter bis zum ersten Bremspunkt muss Sergio Perez dabei nur gegen die beiden Ferrari überstehen. Dennoch sind die Voraussetzungen nicht die besten. Ferrari genießt zumindest einen kleinen Traktionsvorteil. Auf die Reifenwahl ist der nicht zwingend zurückzuführen, kann es aber sein - auch die Top-10 dürfen sich 2022 ihre Startreifen frei aussuchen. Das Q2 spielt keine Rolle mehr.

Einen Vorteil genießen Leclerc und Sainz dafür beide - den der besseren Startseite. Auf dem Jeddah Corniche Circuit liegen die ungeraden Startplätze auf der Ideallinie. Der Spanier spielte das nach dem Qualifying noch herunter. "Die Red Bull sind auf der dreckigen Seite, wir auf der sauberen. Aber dieser Asphalt bietet so viel Grip, dass das kaum einen Unterschied machen sollte", sagte Sainz. Doch hat Ferrari noch einen weiteren Joker: die offenbar bärenstarke Ferrari-Power-Unit schiebt gewaltig an. Einen aufregenden Start erwartet Sainz in jedem Fall: "Aber mal ehrlich! Mit Checo und Charles da vorne und Max hinter mir!"

3. - S wie Strategie

Der Start muss in Saudi-Arabien allerdings längst nicht die letzte Gelegenheit für Positionsverschiebungen gewesen sein. Auch die Strategie wird ein entscheidender Faktor. Umso mehr, weil Pirelli auf den Dauerläufen am Freitag gleich mehrere Probleme feststellte. Graining auf dem Soft, teilweise starker Abbau und Verschleiß auf allen Mischungen. Ist das mit der Streckenentwicklung besser geworden? Eine Bewertung traut sich Pirelli wegen nur kurzer Runs am Samstag nicht zu. In Jeddah gilt heute deshalb die Devise: erwarte das Unerwartete!

Die Teams scheinen jedenfalls auf Nummer sicher zu gehen. "Die Mehrheit der Fahrer hat sich zwei Sätze Medium und einen Hard gespart, was vielleicht darauf hinweist, dass sie diese beiden Mischungen vorziehen", sagt Pirellis F1-Leiter Mario Isola. Völlig offen sei daher auch die Entscheidung für einen oder zwei Stopps - das hängt schlicht von dem tatsächlichen Reifenabbau unter Rennbedingungen ab.

Mit allen Daten die Pirelli zusammenkratzen kann raten die Italiener zumindest lose zu einer Ein-Stopp-Strategie mit je einem Stint auf Hard und Medium. Bei hohem Abbau sei allerdings auch eine Zwei-Stopp-Strategie nahezu genauso schnell. Daher rät Pirelli wegen des Traktionsvorteils am Start zum Medium, einem Mittelstint auf Hard und einem Finale auf Medium - oder sogar Soft.

Nicht erst seit Mick Schumachers Unfall im Qualifying ist ein Safety Car in Jeddah programmiert -
Nicht erst seit Mick Schumachers Unfall im Qualifying ist ein Safety Car in Jeddah programmiert -Foto: LAT Images

4. - S wie Safety Car

Letztere Variante könnte insbesondere dann ins Spiel kommen, wenn der enge Leitschienenkanal des Jeddah Corniche Circuits erneut erbarmungslos zuschlägt. Ein Einsatz des Safety Cars erscheint nach den Eindrücken aus dem Vorjahr und des bisherigen Wochenendes nahezu garantiert. Allein im Qualifying erwischte es nicht nur Schumacher, sondern auch Nicholas Latifi. Im Sprintrennen der Formel 2 krachte es gleich zweimal heftig. Störfeuer, aber auch Gelegenheiten für die Strategien sind also geradezu programmiert. Bernd Mayländer werden in Jeddah alle Teams geradezu mit einkalkulieren - und vielleicht sogar einen Start auf Hard wagen, um so lange wie möglich auf einen zeitsparenden Stopp unter SC-Bedingungen warten zu können?

5. - S wie Safety first

Gilt in Saudi-Arabien heute gleich doppelt. Nach dem Raketenangriff jemenitischer Rebellen auf ein Öldepot von F1-Titelsponsor Aramco nahe der Strecke am Freitag bestreitet die gesamte Königsklasse das restliche Wochenende mit einem mulmigen Gefühl. Zumindest unter den Fahrern schien lange Zeit eine Absage im Raum zu stehen. Letztlich überzeugten die saudischen Behörden respektive Herrscher die Formel 1 jedoch von ihrem Sicherheitskonzept - immerhin am Samstag war von weiteren Attacken in der nähe des Geländes tatsächlich nichts zu vernehmen.

Größere Sorge herrschte da am Samstag tatsächlich auf der Strecke - um Mick Schumacher. Dank eines gewaltigen Schutzengels und 2022 nochmals verstärkter F1-Boliden kam der Haas-Pilot bei seinem heftigen Unfall noch einmal mit dem Schrecken davon. Dass die Formel 1 den Sicherheitsaspekt ernst nimmt, zeigte sich auch danach. Die Session wurde nicht wieder freigegeben bis auch der letzte Trümmer entfernt, alle Leitschienen geprüft und jedwede Ölspur gereinigt war. Die lange Pause mag langatmig gewesen sein - und wäre es im Rennen nur noch mehr -, doch auch beruhigender als ein schnelles Fortsetzen der weltschnellsten Show auf vier Rädern.

6. - S wie Sao-Paulo-Lewis

Ein ganz besonders Auge werfen sollten wir in Saudi-Arabien heute nicht nur auf die Spitze, auch Lewis Hamilton im Blick zu behalten, dürfte sich lohnen. Aktuell steht der Brite in der provisorischen Startaufstellung der FIA noch auf dem 15. Startplatz - schon das allein lässt auf eine weitere große Aufholjagd der Rekordsiegers hoffen. Marke Brasilien 2021 als Hamilton nach gleich zwei Strafen und in zwei Etappen - erst im Sprint, dann im Grand Prix - von ganz hinten bis zum Sieg stürmte?

Soweit sollte es mit dem 2022 deutlich schwächeren Mercedes-Paket nicht nach vorne gehen, dennoch sind viele Plätze zu gewinnen. Zumal Hamilton und Mercedes schon nach dem Qualifying damit kokettierten, das im Zeittraining völlig verwachste Setup noch einmal umzukrempeln. Das würde Hamilton zu einem Start aus der Boxengasse und einer Aufholjagd von wirklich ganz hinten zwingen.

7. - S wie Sieger

Das Beste kommt zum Schluss, wie Sergio Perez im Qualifying bewies. Und auch der wichtigste Faktor kommt zum Schluss: Rennpace und Rennintelligenz. Dass diese Kombination über allem steht, bewiesen Ferrari und Charles Leclerc erst in Bahrain mustergültig. Doch wer liegt nun in Jeddah vorne? Das ist extrem schwierig zu bewerten. Einen direkten Vergleich Ferrari vs. Red Bull unter gleichen Bedingungen gibt es nicht. Ferrari fuhr am Freitag wegen Unfällen von Leclerc und Sainz keine Longruns, holte diese erst wenig repräsentativen Bedingungen bei Tageslicht im FP3 nach.

Ein Nachteil? "Wir haben ja heute Morgen ein paar Runden mit viel Sprint gedreht. Das lief gut, deshalb denke ich nicht, dass das große Auswirkungen haben sollte", beruhigte Leclerc nach dem Qualifying. "Wir waren heute Morgen auf den Rennsimulationen schnell unterwegs. Deshalb bin ich ziemlich zuversichtlich", ergänzte Leclerc. Der Ferrari sei auch ein gutes Rennauto. Tatsächlich: Für die eigentlich schlechteren Bedingungen bei Tag konnten sich die Dauerläufe Ferraris mit einem gegenüber Red Bull am Freitag sogar besseren Schnitt sehen lassen. Allerdings fuhren Sainz und Leclerc auch sehr viel kürzere Stints.

Red Bull sieht sich allerdings genauso gut gewappnet für das Rennen. "Wir haben uns mehr auf die Rennpace als auf das Qualifying fokussiert", droht Sergio Perez angesichts seiner Pole geradezu. "Wir haben etwas Qualifying-Performance geopfert, um im Rennen zu gewinnen. Aber ich erwarte, dass die beiden hier [Ferrari] auch sehr stark sein werden."

Und Max Verstappen? Ist auf Platz vier alles andere als schon geschlagen. "Mit Checo auf P1 haben wir das Potenzial des Autos ja gesehen", sagt Verstappen. Zumal der Niederländer im Rennen um den für Red Bull nur schwierig ins richtige Arbeitsfenster zu bringenden Soft herumkommen kann. "Mit den gelben und den harten Reifen ist das nicht der Fall", sagt Motorsportchef Dr. Helmut Marko. Hinzu kommt das Topspeed-Ass. Erneut lagen Verstappen und Perez in dieser Wertung klar an der Spitze. Verstappen "Hoffentlich können wir das nutzen!"