Seit dem Österreich-GP wird in der Gerüchteküche der Formel 1 sehr heiß gekocht. Am Dienstagabend erreichte die Story mit neuen Spekulationen aus Italien zu Max Verstappen ihren vorläufigen Siedepunkt. Ein guter Moment, um vor Silverstone vielleicht einen Schritt zurückzumachen und sich zu sortieren. Auch, weil ein Mercedes-Wechsel als Entscheidung fragwürdig wäre.

Ich sehe schon die Logik bei Mercedes, entweder George Russell ziehen zu lassen oder Kimi Antonelli auf die Ersatzbank zu degradieren. Ja, Max Verstappen ist so verdammt gut, und vor allem ist er ein gigantischer Charakter, der auch markentechnisch eine Lücke füllen würde, die durch den Abgang von Lewis Hamilton durchaus da ist. Aber warum, und wie, würde Verstappen das tun wollen?

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Max Verstappens Zukunft: Der aktuelle Stand & die berüchtigte Klausel

Die Geschichte nahm am Österreich-Wochenende nach einer monatelangen Ruhephase Fahrt auf, als George Russell zuerst implizierte, seine gegenwärtigen Verhandlungen um einen neuen Mercedes-Vertrag würden dauern, weil das Team mit Verstappen spricht. Eine Feststellung, die Teamchef Toto Wolff einen Tag später nicht zurückweisen wollte.

Sofort explodierten die Gerüchte quer durch die F1-Medien. Höhepunkt am Dienstagabend ein Bericht von Sky Italia, wonach Verstappen schon grundsätzlich einem Mercedes-Angebot zugestimmt habe. Eine sicher spektakuläre Ansage, die am Mittwoch eingebremst wurde. Aus dem Verstappen-nahen niederländischen Medienumfeld hieß es, dass kein offizielles Angebot und daher erst recht keine Zusage von Verstappen da sei.

Vater Jos reagierte zugleich in einem Instagram-Kommentar auf die Wechsel-Spekulationen des niederländischen TV-Experten Robert Dornboos, den er als "kopfloses Huhn" bezeichnete. Der generelle Konsens im Fahrerlager scheint: Ja, Mercedes hat Interesse, aber von einem tatsächlichen Wechsel sind wir weit weg. Das deckt sich auch mit Wolffs Aussagen vom Freitag in Österreich, als er zwar Gespräche nicht abstritt, diese aber nicht als 'Flirts' benennen wollte.

Überhaupt ist unklar, wie Verstappen aus seinem bis 2028 gültigen Red-Bull-Vertrag ausscheiden würde. Performance-Klauseln gibt es, das ist kein Geheimnis. Wie diese aussehen schon. Muss Verstappen bis zur Saisonhalbzeit, oder bis zur Sommerpause, unter den Top-2 der Fahrer-WM sein? Den Top-3? Geht es um den Platz in der Teamwertung? Die Antworten sind nie eindeutig, daher auch nie zuverlässig. Halbzeit ist in einem Rennen, Sommerpause in drei. Verstappen ist WM-Dritter, 9 Punkte vor George Russell.

Dazu sei angemerkt, dass Red Bulls Motorsport-Berater Dr. Helmut Marko am Sonntagnachmittag im ORF-Interview auf mehreren Nachfragen äußerst robust zurückwies, dass eine Klausel schlagend werden könnte: "Nach derzeitigem Stand gibt es überhaupt keinen Grund, dass dieser Vertrag nicht erfüllt werden könnte. [Die Parameter] sind derzeit so, dass keinerlei Sorge zum Ausstieg da ist."

Mercedes statt Red Bull: Die Logik hinter einem Verstappen-Wechsel

Das bringt uns nun zum eigentlichen Punkt: Jetzt ist doch eigentlich kein guter Moment, um Teams zu wechseln, oder? Wir sind ein knappes halbes Jahr von einem komplett neuen Motor- und Aero-Reglement entfernt. Die vielerorts überraschend gängige Annahme, dass Mercedes 2026 wie schon 2014 wieder den besten neuen Motor haben wird, ist eigentlich keine zuverlässige.

Es muss ja schließlich kaum gesagt werden, dass die Teams nicht gerade Daten von ihren Motor-Prüfständen überall im Fahrerlager verteilen. In Wahrheit kennt niemand den aktuellen Entwicklungsstand. Nur weil ein Team Zuversicht zur Schau stellt, muss das nichts bedeuten. Hinzu kommt: Der gleiche Motor wird auch im McLaren, im Williams und im Alpine stecken.

Klar, das Werksteam hat einen Vorteil, teilweise haben die Hersteller ihren Kunden bis jetzt nur sehr rudimentäre Layouts der neuen Motoren übermittelt. Aber Mercedes' Verständnis-Probleme auf der Chassis-Seite wurden erst in Österreich wieder brutal offengelegt. Ihre Entwicklungskurve ist um keinen Deut besser als die von Red Bull. Und völlig revolutionär wird 2026 zumindest bei den Reifen nicht, das gestand auch Wolff schon mehrmals.

Wenn Verstappen jetzt geht, dann hat er aber die Red-Bull-Tür hinter sich geschlossen, bevor er überhaupt erfahren hat, was das 26er-Auto relativ zur Konkurrenz gekonnt hätte. Er und sein Management sollten vorher vielleicht Fernando Alonso fragen, wie das laufen kann, wenn man verbrannte Erde in Kauf nimmt. Der seit 2013 sieglose Alonso wird erklären können: Selbst Fahrern dieses Kalibers werden Siegerautos nicht nachgeschmissen.

Das bringt uns zum persönlichen Faktor. Per 'Auto Motor und Sport' bleibt nämlich Teamchef Christian Horner ein Faktor - das Verstappen-Umfeld hätte angeblich zumindest gerne, dass Horners Macht wenigstens beschnitten und seine Position aufgeteilt wird, und die lange bedingungslose Rückendeckung von Horner durch die thailändische Seite des Red-Bull-Konzerns ist (aus Angst vor Verstappens Abgang) nicht mehr das, was sie einmal war.

Wer wartet, wird Weltmeister & die Theorie des F1-Sabbatjahrs

Wenn es wirklich nur auf persönliche Animositäten hinausläuft, wäre Verstappen dennoch besser beraten, noch ein Jahr auszuharren. Jetzt Red Bull zu beerdigen ist riskant. Diese Idee bekam aber so nebenbei vor ein paar Wochen in einem BBC-Bericht schon einen Twist. Dort wurde nahegelegt, dass Verstappen einfach 2026 aussitzen könnte. Abwarten, wer beim neuen Reglement was macht.

Die Idee scheint sich an manchen Stellen im Fahrerlager festgesetzt zu haben. Es ist auch klar warum, wenn man sich etwa Verstappens oft genervte Auftritte in Pressekonferenzen ansieht. Das Drumherum macht keine Laune. Jetzt wurde er auch noch zum ersten Mal Vater. Und dann taucht er zwischen F1-Wochenenden für GT3-Tests auf der Nordschleife und in Spa auf...

Also ein Jahr GT3-Spaß, 24 Stunden Nürburgring und dergleichen, und dann mal schauen? Auch das ist reine Spekulation, bisweilen ohne wirkliche Substanz. Eines steht hierbei fest: Helmut Marko unterstrich schon mehrmals, dass er sich nicht querlegen würde und Verstappen bei Red Bull GT3-Rennen parallel zur Formel 1 dürfte. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Wie ernst ist die Geschichte also wirklich? Dass Wolff bereitwillig um "Gespräche" herumtanzt, nährt in den letzten Tagen sowieso Zweifel. Geht es hier überhaupt um Verstappen? Oder geht es um George Russell? Der einen neuen Vertrag will. Mit Verstappen im Bild könnte Wolff Russells Preis versuchen zu drücken. Oder will die Mercedes-Fraktion bloß Unruhe stiften? Schließlich war es Russell, der das Thema am Donnerstag in Österreich ja erst so aufbrachte. Wir werden nicht mehr allzu lange warten müssen. Wolff möchte - laut eigener Aussage - in der Sommerpause eine Entscheidung.