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Formel 1

Formel 1, Gegenwind für Horner: Mit Whiting nicht anders

Red-Bull-Teamchef Christian Horner wetterte nach dem von Kontroversen geprägten Saudi-Arabien-GP gegen Rennleiter Michael Masi. Danner und Brawn verteidigen
von Jonas Fehling

Motorsport-Magazin.com - Alles andere als gut zu sprechen war Red Bull Racing nach dem Großen Preis von Saudi-Arabien auf die FIA. Gleich zwei Zeitstrafen hatte Max Verstappen für seinen regelrechten Krieg gegen Lewis Hamilton kassiert, noch dazu musste der Niederländer beim zweiten Re-Start des Rennens in der Startaufstellung zwei Plätze zurück - nach einer in der weltweiten TV-Übertragung kontrovers mitanzuhörenden Diskussion zwischen Rennleiter Michael Masi und dem Kommandostand von Red Bull rund um Sportchef Jonathan Wheatley.

Wie auf einem Basar sei es zugegangen, polterten nach dem Rennen sowohl Red Bulls Motorsportchef Dr. Helmut Marko als auch Teamchef Christian Horner. Gerade der Brite regte sich gewaltig auf wetterte sogar auf persönlicher Ebene gegen die Rennleitung. "Es tut mir leid das zu sagen, aber ich hatte das Gefühl, dass Charlie Whiting dem Sport heute gefehlt hat. Mit all der Erfahrung, die er hatte. Natürlich ist es frustrierend", erinnerte Horner an Masis hoch geschätzten Vorgänger, den Anfang 2019 verstorbenen Whiting. "Das war ein bisschen wie auf dem Basar. Das ist ungewöhnlich und habe ich so zuvor noch nicht erlebt."

Horner wird persönlich: Formel 1 vermisst Whiting

Dabei hatte Red Bull das Angebot Masis letztendlich sogar angenommen. Immerhin war die Alternative eine Weitergabe an die Stewards. Verstappen hatte Hamilton zuvor illegal hinter sich gehalten, indem er sich in Kurve zwei durch Abkürzen einen Vorteil verschafft hatte. Bei den Stewards hätte das mutmaßlich zu einer Zeitstrafe von fünf Sekunden geführt. Red Bull zog den schlechteren Startplatz vor.

Auch deshalb wundern sich so manche Beobachter über den Ärger danach. Zum Beispiel Motorsport-Magazin.com-Experte Christian Danner im Interview. "Die haben eigentlich unglaublich Glück gehabt. Diese Sache hätte für die viel dümmer laufen können", meint der ehemalige Formel-1-Pilot. Auch wie auf dem Basar sei es nicht zugegangen, sondern völlig regulär.

Danner ordnet ein: Red Bull hatte noch Glück

Tatsächlich: Alles, was auf der Strecke geschieht, liegt zunächst im Ermessen der Rennleitung. Der Rennleiter kann um einem Platztausch bitten und an die Stewards verweisen, sollte der Fahrer dem nicht nachkommen. Nun lag der Fall schlicht so, dass das Rennen unterbrochen wurde, bevor Masi Red Bull um einen Platztausch Verstappens mit Hamilton bitten konnte. Deshalb geschah diese Debatte in der Unterbrechung und wirkte sich am Ende auf die Startaufstellung bei Restart aus. "In Jeddah war es nur das erste Mal, dass wir das jetzt am Fernsehapparat live mitverfolgen konnten", erinnert Danner. Erst seit 2021 wird die Kommunikation zwischen Rennleitung und Kommandostand in der internationalen Übertragung ausgestrahlt.

Einzig und allein das mag für viele Zuschauende vielleicht seltsam gewesen sein so Danner. "Marko hat ja bei uns bei RTL geschimpft, das sei wir auf einem Basar gewesen. Nein, das war überhaupt nicht wie auf einem Basar! Das war Gang und Gäbe." Der Rennleiter trete zunächst immer als Mediator auf, so Danner. "Er versucht, dass die Stewards erst gar nicht angerufen werden müssen und das ist auch wahnsinnig gut und vernünftig so." Damit könne man Strafen und die großen Debatten danach umgehen. Das sei schon zu Zeiten Whitings nicht anders gewesen. "Und bei Charlie Whiting haben ich teilweise im Training daneben im Büro gesessen", erinnert sich der Bayer.

Danner verteidigt Masi: Whiting hat es genauso gemacht

Deshalb verteidigt Danner nun auch Masi. "Der ja von vielen, auch von Christian Horner komplett in die Pfanne gehauen wird. Aber das ist wahnsinnig gut und fair und berechtigt", kommentiert Danner Masis Vorgehen. "Der macht in einer derartigen Situation einen ganz fantastisch guten Job. Das braucht es. Und das hat Charlie ganz genauso gemacht", betont Danner. "Charlie hat immer wieder eingegriffen und hat gesagt 'Passt auf Jungs, das hat mir nicht gefallen. Du kannst die Position jetzt wieder zurückgeben. Wenn nicht, dann geb' ich's zu den Stewards."

In Saudi-Arabien wäre die Konsequenz für Danner offensichtlich gewesen: Strafe. "Weil der Fall j glasklar war", sagt Danner. "Er hat sich natürlich einen Vorteil verschafft, indem er die Strecke verlassen hat. Da muss ich sagen Kompliment, sie haben das sehr gut gelöst [...] Wenn ein Restart kommt, ist die ganz pragmatische Lösung, Ocon fährt vorne, dann Hamilton und Verstappen. Besser geht es doch nicht. Das ist die beste Lösung."

Ross Brawn lobt pragmatischen FIA-Rennleiter

Zustimmung kommt von Ross Brawn. "Ich weiß, dass ein paar Leute finden, dass einige der Entscheidungen kontrovers waren, aber ich find das nicht", schreibt der Sportchef der Königsklasse in seiner obligatorischen Kolumne zum Rennen auf der F1-Website. Diplomatisch, ohne Red Bull je konkret zu erwähnen, erklärt Brawn: "Die Situation, die wir am Restart mit Max und Lewis hatten, als Michael empfohlen hat, dass Max hinter Esteban und Lewis rücken soll, wurde gut behandelt, denn die Alternative wäre gewesen, ihn an die Stewards zu melden - und das hätte in einer Strafe münden können."

Danner Interview: Greift Verstappen in die unterste Schublade?: (25:59 Min.)

Das habe Masi nicht nur pragmatisch gemacht, so Brawn, sondern auch völlig routiniert. "Diese Diskussion gibt es in einem Rennen mehrfach. Wenn ein Fahrer unfair vor jemanden kommt oder sich verteidigt, sagt der Rennleiter dem Team, die Position zu korrigieren", sagt der Brite. Bei Ferrari geschah das in Saudi-Arabien sogar teamintern - ganz ohne Eingriff der Rennleitung. Einen Deal habe Masi daher nicht gemacht, so Brawn. Am Ende habe die FIA die Herausforderung in Saudi-Arabien gut gemeistert - auch generell.

Frechheiten, Lügen und Vorwürfe

Danner stimmt zu. Unter dem Strich habe das Zusammenspiel von FIA und Fahrern noch zu einem guten Ende geführt. "Sie haben es hinbekommen, dann doch soweit halbwegs miteinander klarzukommen, dass sie das Rennen zu Ende gefahren sind", sagt Danner. Zumindest zur aufgeheizten Stimmung beigetragen hätten allerdings die "Spielchen" zu Rennbeginn, als erst Verstappen beim ersten Restart aus der Box einen Übungsstart absolvierte, später Hamilton mehr als zehn Wagenlängen Abstand zu Verstappen hielt und sich beide über den jeweils anderen beschwerten.

"Das ist alles normal. Da ist noch keine Eskalation zu sehen", sagt Danner. "Aber kommentiert wird es natürlich. Jeder meckert und mosert und schimpft auf den anderen - und das übertragt sich dann natürlich auch auf das Teampersonal. Wenn man mal gehört und gesehen hat, mit welcher Nonchalance und welcher unglaublichen Frechheit auch Lügen und Theorien verbreitet werden und mit Vorwürfen um sich geworfen wird, das ist schon bedenklich. Da muss man die Fahrer noch am ehesten verstehen, denn die kämpfen um den Rennsieg."

Red Bull beklagt überregulierte Formel 1

Horner dagegen hatte ein Problem damit - und wetterte wie Verstappen gegen das Regelwerk. "Ich sage schon zu lange, dass wir überreguliert sind", klagte Horner. "Es fühlte sich an, als wären es mehr als zehn Wagenlängen, aber weißt du 'Eine Formationsrunde ist keine Formationsrunde, wenn es ein Restart ist' Es fühlt sich so an, als gäbe es zu viele Regeln." Tatsächlich: Formal gibt es nur eine Formationsrunde - nach dem ersten Start.

"Es war einfach sehr frustrierend. Wir hatten nicht das Gefühl, dass die Fünf-Sekunden-Strafe wirklich angemessen war und haben sicher gefühlt, dass Lewis Max einfach ins Heck gefahren ist. Es sah so aus als hätte er einfach versucht, zu überholen, weil er das DRS nicht nicht haben wollte", klagt Horner. Danner sieht das seit der Fahrer-Aussprache mit Masi nach Brasilien etwas anders. "In der Zwischenzeit ist schon klar: "Wenn ich den anderen ins Nirvana schicke, dann ist nicht ganz sauber."

Verstappen sieht das anders. Horner auch. Noch dazu habe dann auch Hamilton Verstappen in der letzten Kurve weit herausgedrückt. Da sei auch der Brite listig, so Horner. Doch Hamilton kam davon. Red Bull fühlte sich ungerecht behandelt. "So ziemlich jede Entscheidung ging heute gegen uns, wie schon vor ein paar Wochen in Doha", meint Horner.

Das gesamte Interview mit unserem F1-Experten Christian Danner seht ihr entweder gleich hier im Video (unten) oder auch auf dem Youtube-Kanal von Motorsport-Magazin.com. Dort bezieht Danner auch differenziert Position zu Verstappens diversen Manövern in Kurve eins, den Braketest-Vorwürfen und den Spielchen zwischen Mercedes und Red Bull rund um das Safety Car zu Rennbeginn. Am besten gleich abonnieren, um schon aus Abu Dhabi und in fernerer Zukunft keine Vlogs und Interviews zu verpassen!

Danner Interview: Greift Verstappen in die unterste Schublade?: (25:59 Min.)


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