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Formel 1 Spa 2018, Trainings-Analyse: Dreikampf der anderen Art

Räikkönen holte sich in Spa die Trainings-Bestzeit am Freitag. Ist er Favorit für den Belgien GP? Kann Vettel kontern? Und was macht Mercedes? Die Analyse.
von Christian Menath

Motorsport-Magazin.com - Die Formel 1 ist zurück. Nach der Sommerpause steht sogleich der Klassiker in den Ardennen an: Spa-Francorchamps. Einen richtigen Favoriten konnte man vor dem Belgien GP 2018 nicht ausmachen: Ferrari oder Mercedes?

In den letzten Jahren war Spa Mercedes-Land. Seit 2013 stand kein anderes Auto mehr auf Pole. Doch für Ferrari spricht in letzter Zeit die Motorleistung. Weil mehr und mehr Kurven Vollgas gehen, ist Spa mehr Motorenstrecke denn je.

Neue Power Units für alle Ferrari- und Mercedes-Fahrer

Pünktlich dazu haben Ferrari und Mercedes ihren Piloten nicht nur frische, sondern auch überarbeitete Motoren mitgebracht. Lewis Hamilton durfte sich sogar über einen komplett neuen Satz inklusive MGU-K freuen, Sebastian Vettel hatte seine zweite und letzte MGU-K schon früher gezogen. Bitter ist der Wechsel nur für Valtteri Bottas: Er muss in der Startaufstellung nach hinten, weil er sein Kontingent überschritt.

Profiteur der Wechsel ist übrigens Kimi Räikkönen: Er kommt endlich auf den neuesten Stand. Nach Motorproblemen musste er schon früh in der Saison zusätzliche Komponenten einsetzen, weshalb bei ihm das Update verschoben wurde. Nun hat auch er die maximale Leistung. Allerdings erhielt er lediglich einen neuen Verbrennungsmotor, weil er sich bei den anderen Komponenten am Limit befindet.

Gerücht: Ferrari-Update extrem gut

Wie viel die neuen Motoren genau bringen, wird sich erst am Samstag zeigen. Im Training deckt noch niemand seine Karten auf. Gerüchten zufolge soll das Ferrari-Upgrade signifikant sein. Die Kundenteams erhielten das Upgrade bereits in Ungarn. Vor allem im Qualifying soll die neue Power Unit abliefern. Über das Mercedes-Update ist weniger bekannt. Sicher ist nur: Auch Hamilton und Bottas haben nun mehr Power auf der Kette.

Aber auch ohne die letzten Motor-Zehntel lässt sich am Freitag natürlich etwas analysieren. Die schlechte Nachricht vorweg: Red Bull kann man im Kampf um den Sieg getrost vernachlässigen. Auf eine Runde fehlten bereits sieben Zehntelsekunden. Mit den Power-Modi der Konkurrenz könnte das im Qualifying locker eine Sekunde werden.

Red Bull bringt selbst krasser Monza-Flügel nichts

Selbst mit Monza-Flügel ist Red Bull auf den Geraden nicht schnell genug. Der gestiegene Vollgas-Anteil kommt Red Bull ebenfalls nicht entgegen. Im Renntrimm wird es zwar weniger schlimm, reelle Chancen darf sich Red Bull dennoch nicht ausrechnen.

Ganz im Gegenteil: Im Qualifying könnte sogar Force India noch gefährlich werden. Einmal mehr hat der Force India etwas in seiner DNA, das zur schnellen Strecke in Spa passt. Vor einigen Jahren konnte Force India damit noch um Poles und Siege kämpfen, derzeit ist das Mittelfeld so weit von den Top-Teams entfernt, dass selbst eine solche Ausnahme-Form nur für den Titel Best of the Rest reicht.

Kimi Räikkönen in Spa seit langem wieder Top-Favorit?

Red Bull ist aus dem Rennen um den Sieg, Bottas mit seiner Strafversetzung auch. Es wird ein Dreikampf zwischen Sebastian Vettel, Lewis Hamilton und Kimi Räikkönen. Lange musste man den Finnen nicht mehr so auf der Rechnung haben wie an diesem Wochenende.

Räikkönen hat endlich den neuesten Motor, dazu ist er in Spa der personifizierte Force India. Die Iceman-DNA passt einfach zur Ardennen-Achterbahn. Und prompt legte Räikkönen die Tagesbestzeit hin. Fast zwei Zehntel brummte er Lewis Hamilton auf. Ungewöhnlich, aber Ferrari kommt nun schon am Freitag in Fahrt - ein Indiz, dass bei der puren Performance das Pendel leicht Richtung Maranello schwingt.

Vettel noch nicht in Fahrt, Hamilton/Mercedes experimentieren

Sebastian Vettel hatte seinerseits noch die üblichen Freitags-Schwierigkeiten. "Es muss einfach Klick machen auf eine Runde und das hat es heute ganz klar noch nicht gemacht. Ich habe es nicht hinbekommen", urteilte er selbst. Ein Fehler in Kurve 14 ruinierte seine schnellste Runde. Seine knappen acht Zehntelsekunden Rückstand sind nicht realistisch.

Und Hamilton? Mercedes experimentierte noch mit unterschiedlichen Abtriebs-Leveln. Es ist das ewige Spa-Problem. "Im Mittelsektor wünscht man sich viel Abtrieb, aber in den anderen Sektoren möchtest du so viel Geschwindigkeit wie möglich auf den Geraden erzielen", erklärt Hamilton. "Die Herausforderung ist es, die richtige Balance zu finden."

Longrun-Vergleich mit Fragezeichen

Die Chassis-Performances von Ferrari und Mercedes liegen aber so nah zusammen, dass sich schwer seriöse Prognosen treffen lassen. Auch die Longruns helfen da leider kaum weiter. In Spa gibt es zwei Probleme: Zum einen gibt es aufgrund der langen Runde nur wenige Runden, zum anderen macht Verkehr die Analyse schwer.

Warum gibt es ausgerechnet auf der längsten Strecke Probleme mit Verkehr? Normalerweise löschen wir Rundenzeiten, die im Verkehr entstanden sind. In Spa gibt es aber aufgrund der Länge fast in jeder Runde Verkehr. Außerdem fuhren Räikkönen und Bottas auch noch andere Strategien. Einer fuhr den Supersoft zuerst, der andere den Soft.

Blistering: Einstopprennen in Spa möglich, aber knifflig

Lewis Hamilton und Sebastian Vettel konzentrierten sich zwar beide zur gleichen Zeit auf Supersoft und Medium, allerdings musste Hamilton seinen Run auf der weichsten Mischung wegen eines Bremsplattens vorzeitig abbrechen. Und Vettel hatte zuvor schon so viele Reifen auf dem Supersoft gedreht, dass der Longrun sehr kurz ausfiel.

Auf dem Medium-Reifen machte vor allem Hamilton der Verkehr zu schaffen. Glaubt man den meisten Piloten, wird der Medium aber ohnehin nicht besonders relevant. Er hat zwar keinen Abbau, ist aber bei der Performance zu weit weg. Da greift man lieber zum Soft: Auch hier gibt es kaum Abbau. Nur die Lebensdauer muss im Auge behalten werden, doch Stand Freitag ist mit der Kombination Soft und Supersoft ein Einstopp-Rennen möglich - auch wenn es eng wird.

Spa: Regen als größte Mercedes-Hoffnung gegen Ferrari

Mercedes und Ferrari haben die Pace, sich im Q2 auf den Soft-Reifen für das Q3 zu qualifizieren, könnten aber im Rennen trotzdem auf Medium verzichten. Ihr Vorteil läge dann im Rennen darin, den sensibleren Supersoft erst gegen Rennende zu fahren, wenn die Autos leichter sind. Ein entscheidender Vorteil. So kann man die Blistering-Probleme des Supersoft besser in den Griff bekommen. Das Reifen-Delta zwischen Soft und Supersoft beträgt etwa eine Sekunde. Der langen Runde sei Dank.

Aufgrund des Qualifying-Vorteils von Ferrari wären eigentlich die Roten der leichte Favorit für das restliche Wochenende. Allerdings soll es am Samstag regnen. Das kam in Ungarn Mercedes entgegen. Der Silberpfeil scheint auf Regen besser zu reagieren, möglicherweise auch wegen der geringeren Bodenfreiheit am Heck, die sich mit Intermediate- und Regenreifen ändert. Allerdings ist die Power in Spa sogar im Regen ein Faktor, ganz im Gegensatz zu Budapest. Es könnte also auch im Regen spannend werden.

Fazit

Motorsport-Magazin.com-Prognose: Bleibt es trocken, ist Ferrari der Favorit. Im Regen eher Mercedes, aber nicht so deutlich wie Ferrari im Trockenen. Red Bull kann wohl unter allen Umständen vernachlässigt werden. Den Regentanz spart sich Dr. Helmut Marko nach der Ungarn-Schmach im Regen-Qualifying.


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