Tipp
Formel 1 / Hintergrund

Formel 1 Frankreich: 7 Schlüsselfaktoren zum heutigen Rennen

Mercedes steht heute in der Startaufstellung für das F1-Rennen in Le Castellet ganz vorne, Sebastian Vettel lauert dahinter. Das sind die Siegfaktoren.
von Jonas Fehling

1. - S wie Startaufstellung

Lewis Hamilton ist zurück an der Spitze: Im Qualifying zum Frankreich GP in Le Castellet (Rennen heute ab 16.10 Uhr live auf RTL, ORF, SRF, im Live-Stream F1 TV und Live-Ticker von Motorsport-Magazin.com) schnappte sich der Formel-1-Weltmeister seine 75. Pole Position. Valtteri Bottas komplettiert mit Platz zwei die Mercedes-Auferstehung und doppelte Rückkehr in Reihe eins.

Während dem Finnen nur eine Zehntel auf Pole fehlte, musste Sebastian Vettel knapp vier abreißen lassen. Der Ferrari-Pilot steht in der Startaufstellung damit auf P3 - neben dem Red Bull von Max Verstappen. Daniel Ricciardo und Kimi Räikkönen belegen die dritte Startreihe vor der Sensation in Reihe vier. Dort bekleidet Charles Leclerc im Sauber neben Carlos Sainz im Renault einen sensationellen achten Platz.

Die Haas von Kevin Magnussen komplettieren die Top-10, mussten sich im Quali dem vorgenannten Duo trotz zuvor extrem starker Trainings beugen, Romain Grosjean, weil er sich einen weiteren Unfall leistete. Der zweite deutsche F1-Pilot im Bunde, Nico Hülkenberg, startet in Le Castellet nach einem bisher sehr durchwachsenen Wochenende von P12, hat somit freie Reifenwahl am Start.

2. - S wie Start

Mit 590 Metern ist der Weg bis Kurve eins auf dem Circuit Paul Ricard weder besonders lang noch kurz, noch dazu handelt es sich bei Turn eins um eine relativ flotte Ecke, sodass klare Ausbremsmanöver nicht zu sehen sein werden. Danach folgt ein ebenfalls zügiges Geschlängel, sodass im Grunde erst in Kurve acht - der Schikane auf der Mistral-Geraden - ein wirklich nennenswerter Überholpunkt folgt.

Weil die wenigsten Piloten angesichts des Layouts mit vielen schnellen Kurven auch in den anderen Sektoren ein Überholfest in Le Castellet erwarten und auch die Strategie kaum Chancen offeriert (mehr dazu im Abschnitt "S wie Strategie") muss ein Angriff also im ersten Beschleunigungsstück auf den 590 Metern gelingen. Ein Team hat hier einen Joker: Ferrari.

Die besten Frankreich-Momente: Brawn und Prost erinnern sich: (03:08 Min.)

"Wir starten auf einem anderen Reifen, schauen wir, was wir damit ausrichten können", erinnert Sebastian Vettel. Ferrari hatte sich im Q2 mit dem Ultrasoft qualifiziert, Mercedes und Red Bull mit Supersoft. Grip-Vorteil also für die Roten, zumal die Scuderia 2018 ohnehin einmal mehr gut aus der Startbox kommt. "Sie sollten theoretisch mit diesen Reifen einen schnelleren Launch aus der Box haben. Mit einem optimalen Start gibt dir das etwa einen halben Startplatz Vorteil", sagt Ricciardo. "Vettel startet als einziges Auto in den Top-5 auf dem schnell-startenden Ultrasoft-Compound. Der Start könnte also interessant werden", meint auch Pirellis Mario Isola.

3. - S wie Strategie

Obwohl in den Top-6 zwei Teams auf Supersoft losfahren (Mercedes, Red Bull) und eines auf Ultrasoft (Ferrari) - sowie die Taktik wegen des überholfeindlichen Layouts womöglich der einzige Gamechanger werden kann - ist für den Frankreich GP offenbar kaum strategische Vielfalt zu erwarten. Zwar könne auch ein Zweistopper schnell sein, doch sei eine Einstopp-Strategie wahrscheinlicher, lässt Reifenfabrikat Pirelli wissen.

Vorne gilt das für Mercedes und Red Bull ohnehin, starten sie auf den härteren Reifen. Die mag Mercedes on top sowieso viel lieber. "Wir glauben, dass das das Optimum für unser Auto ist, weshalb wir uns entschieden haben, uns auf Supersoft zu qualifizieren", sagt Bottas. Wir genau die funktionieren und halten werden sehe man letztlich dann erst morgen. Zumindest er selbst habe im Training durch sein Wasserleck am Mercedes ja nicht einmal Longruns fahren können. "Noch dazu sollen die Temperaturen kühler sein als im Training."

Genau das fürchtet Ricciardo. "Wenn es kalt ist wie heute, dann ist es für mich das Schlechteste. Denn dann halten die Hinterreifen besser und das macht Ferrari mit den Ultrasofts den Einstopper leichter. Entweder also heiß wie gestern oder Regen, bitte! Auf keinen Fall wie heute Nachmittag!" Das Ricciardo Regen will ist klar: Red Bull kommt damit traditionell besonders gut zurecht. Noch dazu fährt der Australier in Le Castellet nicht ganz freiwillig ein High-Downforce-Paket.

Doch Temperaturen (genaue Wetterprognose siehe Abschnitt "S wie Sonntagswetter") spielen für die Gegenseite ohnehin keine rechte Rolle. Geht es nach Vettel wird Ferrari den Teufel tun, und mehr als einmal stoppen. "Ich denke nicht, dass wir einen Extra-Stopp machen, die Boxengasse ist hier ziemlich lang, man verliert viel Zeit", erklärt Vettel.

Umso mehr, nachdem die Boxengasse aus Sicherheitsgründungen statt mit 80 nur noch mit 60 km/h durchfahren werden darf. Das erhört die Durchfahrtszeit in der ohnehin schon langen Pitlane von bereits stattlichen rund 27 Sekunden auf deren 36. Ein gigantischer Zeitverlust bei jedem zusätzlichen Stopp.

Ist der Utrasoft deshalb nicht doch ein Risiko, sollte es einfach nicht anders gehen? Räikkönen winkt ab: "Wir denken, dass das so für uns am besten ist. Wir schauen nicht, was die anderen machen, sondern was sich für uns am besten anfühlt. Schauen wir was das morgen bringt." Tatsächlich hielt sich der Verschleiß in engen Grenzen, selbst mit dem Ultrasoft. Und wenn nicht mit dem, dann hält der Soft im zweiten Stint so oder so - ob nun fünf Runden mehr oder weniger.

4. - S wie Strecke

Der 5,861 Kilometer lange Circuit Paul Ricard zählt zu den längeren Strecken im Rennkalender der Formel 1. Entsprechend werden die 15 Kurven im Rennen nur 53 Mal durchfahren. Doch das jedes Mal mit größtem Anspruch. Ein Gros der Kurven ist extrem anspruchsvoll, da sehr langgezogen und technisch, allen voran die legendäre Signes. Schwerstarbeit für die Fahrer, besonders wenn die Balance nicht ganz stimmt und man sich mit immer leichter werdendem Auto permanent anpassen muss.

Noch dazu ist in Sachen Setup ohnehin ein Kompromiss nötig: Sowohl auf der berüchtigten Mistral-Geraden als auch Start-Ziel geht es lange geradeaus. Topspeed braucht es also auch.

Schließlich ist der Kurs eben neu im Rennkalender. "Es ist eine neue Strecke, da musst du mit der Strategie und allem etwas raten. Das macht es schwieriger als sonst", mahnt Verstappen. Noch schwieriger als sonst - oder zuletzt - könnte es durch den Kurvenreichtum auch in Sachen überholen werden. Doch was bringt die neue Strecke nun? Prozession oder Action. Ricciardo hält beides für möglich: "Lotterie oder Fahr' einfach dem vor dir hinterher".

5. - S wie Sonntagswetter

Eine Überraschung war der heftige Regen im dritten Training und das leichte Tröpfeln im Qualifying in Le Castellet nicht. Die Meteorologen hatten zumindest recht hohe Regenwahrscheinlichkeiten vorhergesagt - und das schon frühzeitig vor dem Rennwochenende. Da hieß es allerdings auch, der Sonntag und das Rennen würden genauso heiß und staubtrocken werden wie der der hitzige Trainingsfreitag. Doch inzwischen hat sich die Prognose verkehrt.

Nach aktuellem Stand drohen am Sonntag erneut kräftige Schauer, ja sogar vereinzelte Gewitter - und das nicht irgendwann am Morgen, sondern kurz vor oder gerade zum Rennstart um 16:10 Uhr. "Das würde mich freuen", frohlockt Daniel Ricciardo. Red Bull kommt im Regen traditionell extrem gut zurecht. Für schwächeren Wind wird Regenwetter on top nicht gerade sorgen. Dabei bläst es ob Seenähe und parkplatzartiger Ebenheit des Circuit Paul Ricard generell kräftig in Le Castellet.

Doch Mercedes sieht sich auch im Regen so gar nicht im Nachteil. Der Grund: Pirelli-Reifentestfahrten in der Vergangenheit. Deshalb kennt zumindest Bottas Le Castellet im Nassen wie aus dem Eff-Eff - obwohl er im dritten Training wie fast alle anderen lieber Reifen sparte. "Ich habe hier die Regenreifentests gemacht, aber auf einem anderen Layout", relativiert der Finne.

Doch kennt er dennoch ein paar Finessen: "Stehendes Wasser kann hier ein Problem sein wenn es so sehr regnet wie heute. Aber der Grip ist ok." Hamilton ist etwas vorsichtiger: "Ich bin hier ja nicht im Regen gefahren und da ist es immer schwierig. Würde sicher hart werden wenn das Wasser so steht wie heute."

6. - S wie Sauber-Wunder

Vielleicht kein Siegfaktor - so groß wird die Sensation durch Sauber dann doch ganz sicher nicht - , aber zumindest für viele Beobachter ein Schlüssel für eine tolle Story des Rennens: Charles Leclerc. Der Monegasse lieferte 2018 zuletzt schon so einige unfassbar starke Qualifyings. Doch bei seinem nach Monaco zweiten Heimrennen toppte der Ferrari-Junior noch einmal alles.

Bis ins Q3 fuhr er mit dem Sauber. Das war dem Rennstall zuletzt vor drei Jahren in Spielberg gelungen. Doch hörte Leclerc dort noch nicht auf mit der großen Show, ließ obendrein auch noch die beiden Haas hinter sich. Startplatz acht, nur zwei Positionen hinter dem ersten Werks-Ferrari. Punkte sollten von dort einmal mehr drin sein. Kracht es vorne, könnte am Ende vielleicht sogar ein waschechtes Wunder herausspringen

7. - S wie Sieger

Aber zurück zu den echten Favoriten auf den Sieg. Wer das ist? Na klar: Vor allem Mercedes. Die Silberpfeile drückten dem Wochenende in Frankreich bisher ganz klar ihren Stempel auf. Viele fühlen sich an Barcelona erinnert. Ähnliche Streckencharakteristik, genauso ein neuer Asphalt und ebenfalls um 0,4 Millimeter dünnere Pirelli-Reifen. "Es ist aber nicht Barcelona und wir hatten am Freitag gute Longruns", beharrt Vettel darauf, dennoch ganz klar eine Chance zu haben. Die Daten geben ihm hier Recht. Schlechter sah Ferrari am Freitag nicht aus. Doch auch das war in Spanien so.

"Es fühlte sich aber besser an als in Barcelona. Morgen müssen wir schauen, was wir machen können", wählt auch Räikkönen auf Nachfrage von Motorsport-Magazin.com ermutigende Worte zu diesem Thema. "Und es gibt ja ein paar unterschiedliche Reifenwahlen", schiebt er nach. Das könnte jedoch nur am Start einen Vorteil bringen (s.o.)

Nicht an einen möglichen Angriff auf Mercedes glaubt dagegen Red Bull. "Sie sahen schnell aus, und es sah leicht aus", zollt Verstappen den Silberpfeilen Respekt. Das klingt alles andere als optimistisch. Auch Teamchef Christian Horner meint: "Mit der Pace ist Mercedes weg. Unser Rennen geht gegen Ferrari." Ricciardo bestätigt: "Im Trockenen ist unsere Pace nicht schnell genug für Mercedes."

Zumindest gegen Ferrari sieht Verstappen auf jeden Fall Chancen. "Sie haben mehr Grip am Start, aber unser Supersoft sollte länger halten", so der Niederländer. Daniel Ricciardo rechnet sich mit seinem anderen Setup weniger aus. "Auf dem Papier sollten wir auf den Geraden verglichen mit den Autos vor uns deshalb sehr langsame sein. Aber um 16.10 Uhr werde ich natürlich zuversichtlich sein", so der Honeybadger zu Motorsport-Magazin.com. Vor allem braucht es jedoch eines: Regen. "Dann können wir die Glückspilze sein", hofft Ricciardo.


Weitere Inhalte:
Wir suchen Mitarbeiter