GEWINNER: Cadillac

Beim WEC-Rennen in Sao Paulo gab es eigentlich nur einen echten Gewinner in der Hypercar-Klasse: Cadillac. Der US-Autobauer feierte seinen ersten Sieg seit dem LMDh-Projektbeginn anno 2023 und machte - ganz amerikanisch - sogar 'Happy Hour' in Brasilien: Doppelsieg für das neue Werksteam Jota, angeführt vom #12 V-Series.R mit Polesetter Alex Lynn, Will Stevens und Norman Nato. P2 ging an Earl Bamber, Sebastien Bourdais und Jenson Button, der sein zweites WEC-Podium nach Shanghai 2018 (damals mit SMP Racing) erzielte.

"Wir sind selbst ein bisschen überrascht von unserer Pace im Vergleich zum Rest", musste der frühere Formel-1-Weltmeister schon vor dem Zieleinlauf lachen. Tatsächlich fuhren die Cadillac in ihrer eigenen Liga: Vier der sechs Piloten belegten die Spitzenplätze im Durchschnitt der schnellsten Rundenzeiten, angeführt vom Briten Stevens, wie aus der Datenanalyse von The B Pillar hervorgeht.

Ferraris WEC-Siegesserie beendet! Mick Schumacher in Top-10 (07:39 Min.)

Der siegreiche #12 Cadillac hatte sogar Glück im Unglück: Nach einer frühen Durchfahrtstrafe in Runde 30 wegen zu geringer Reifendrücke legte Startfahrer Stevens nur 5 Runden später seinen ersten Service ein und kehrte mit vier frischen Medium-Slicks auf die Strecke zurück - wobei der ursprüngliche Plan den Wechsel von nur zwei Reifen vorsah. Das war effektiv ein Undercut gegen das #38 Schwesterauto (1. Stopp in Runde 43) und den zu diesem Zeitpunkt führenden #5 Porsche (1. Stopp in Runde 42), der Stevens und Co. mit besserer Performance zurück ins Spiel brachte.

In Runde 85 übernahm #12 Fahrer Lynn erstmals die Führung, als er Buttons #38 Cadillac überholte und sich den entscheidenden Vorsprung erkämpfte, den die #12 Crew bis zum Rennende auf 57 Sekunden ausbauen sollte. Der #12 Cadillac führte in 145 der 242 Runden das Rennen an und war der #38 vor allem im letzten Renndrittel deutlich überlegen.

GEWINNER: #5 Porsche

Cadillac galt vor dem Rennen als großer Favorit, gefolgt von Porsche. Die Zuffenhausener hatten zwar keine reelle Chance auf ihren ersten Saisonsieg, holten mit dem #5 963 aber das Maximum aus ihren vorhandenen Möglichkeiten heraus. Steht normalerweise eher der #6 Weltmeister-Porsche von Kevin Estre und Laurens Vanthoor im Rampenlicht, sorgte diesmal das Schwesterauto mit Julien Andlauer und Michael Christensen für Action.

Andlauer profitierte zunächst von seinem starken Auftritt im Qualifying - Startplatz zwei nach einer 1-Platz-Gridstrafe für den #38 Cadillac - und im Rennen von einem Weltklasse-Start. Der Franzose krallte sich Will Stevens in Kurve 5 und übernahm für immerhin 78 Runden die Führung. Der #12 Cadillac war danach zwar zu jeder Zeit außer Reichweite, aber Christensen und Andlauer blieben in Schlagdistanz zur #38. Das hätte sich beinahe bezahlt gemacht, als Sebastien Bourdais gegen Rennende mit seinen Reifen kämpfte und den zweiten Platz mit nur 1,8 Sekunden Vorsprung ins Ziel rettete

Der #5 Porsche hatte sich das Podium konsequent erarbeitet und im Marken-internen Duell die Nase vorne. Auch, weil Kevin Estre im Qualifying nicht über den siebten Startplatz hinauskam und im Rennen ewig lange hinter den schnellen Peugeot-Hypercars hing. "Danach hatte sich bereits eine ziemliche Lücke zur Spitze gebildet, die wir nicht mehr schließen konnten, denn der Cadillac war heute einfach das schnellste Auto", sagte Teamkollege Laurens Vanthoor. Der #6 Porsche lief am Ende mit einer Runde Rückstand ins Ziel ein.

GEWINNER: #87 Akkodis-Lexus

Klar, der erste Cadillac-Sieg in der WEC war in der breiten Masse die Geschichte des Rennens. Wir wollen aber ebenso wenig den Debütsieg eines Lexus RC F GT3 in der Langstrecken-WM vergessen. Der deutlich in die Jahre gekommene GT3-Bolide der Japaner, der 2026 endlich durch ein Nachfolgemodell abgelöst werden soll, zählt seit Saisonbeginn zu den Favoriten, doch für den großen Durchbruch hatte es bisher nicht gereicht.

Das sollte sich in Sao Paulo ändern, als Jose Maria Lopez, der Österreicher Clemens Schmid und der weitläufig unbekannte Petru Umbrarescu den #87 Lexus von Akkodis mit 37 Sekunden Vorsprung auf die #81 Corvette von TF Sport zum Sieg führten.

"Endlich mal mit der alten Lady zu gewinnen, macht mich sehr glücklich", sagte der frühere Toyota-Hypercar-Fahrer Lopez. Teamkollege Schmid, der den Lexus zum zweiten Startplatz geführt hatte und im Rennen zu den schnellsten Silber-Piloten zählte, ergänzte: "Wir waren manchmal knapp dran, aber hatten Probleme oder auch mal Fahrfehler. Heute haben alle einen unglaublichen Job gemacht."

WEC, Sao Paulo, #87, Akkodis ASP, Lexus, Lopez, Schmid, Umbrarescu
Mit Schmid und Co.: Erster LMGT3-Sieg für den Lexus RC F GT3, Foto: IMAGO/PsnewZ

GEWINNER: #85 Iron-Dames-Porsche

Man kann darüber streiten, ob der Damen-Porsche von Manthey mit Rahel Frey, Michelle Gatting und Celia Martin zu den Gewinnern oder zu den Verlierern zählt. Verlierer, weil Gatting in der Schlussphase wegen eines Full-Course-Yellow-Vergehens eine Durchfahrtstrafe kassierte und damit den quasi sicheren Podestplatz wegwarf. Oder Gewinner, weil das Team mit Platz vier geschlossen seine beste Saisonleistung ablieferte, den Fehler nicht beschönigte und der Motorsportwelt einmal mehr vor Augen führte, dass Frauen auf Augenhöhe mit Männern konkurrieren können, wenn sie die gleichen Chancen erhalten. Wir haben uns für Zweiteres entschieden.

"Es ist ein bittersüßes Resultat, denn wir hatten definitiv das Potenzial für mehr", sagte die frühere DTM-Pilotin Frey, die den pink-weißen #85 Porsche auf P7 in der LMGT3-Klasse qualifiziert hatte. Ein Sonderlob erhält die eher unerfahrene WEC-Debütantin Martin, die ihren besten Start hinlegte und den Neunelfer auf P4 liegend an Frey übergab. Die Schweizerin wusste ebenso zu überzeugen und erkämpfte sich den dritten Platz nach zahlreichen toll anzuschauenden Zweikämpfen.

Gatting, nach ihrem in Le Mans erlittenen Fußbruch zwar noch auf Krücken unterwegs, aber längst wieder im Rennauto, war die schnellste Porsche-Pilotin - wurde aber zur tragischen Heldin, als sie bei einer Full Course Yellow den Speedlimit-Knopf zu früh losließ. Platz vier am Ende, nur 1,4 Sekunden hinter dem Aston Martin um Lokalmatador Eduardo Barrichello. "Leider habe ich einen Fehler gemacht, der uns den ersten Podiumsplatz in der WEC mit Manthey gekostet hat", sprach Gatting Klartext. "Ich übernehme die volle Verantwortung für diesen Fehler."

WEC, Sao Paulo, #85, Manthey, Porsche, Martin, Frey, Gatting
Hingucker im WEC-Starterfeld: Der Iron-Dames-Porsche von Manthey, Foto: IMAGO/PsnewZ

VERLIERER: Balance of Performance

Die Balance of Performance ist ein künstliches Werkzeug, das dazu dienen soll, Fahrzeuge mit unterschiedlichen Antriebskonzepten auf ein vergleichbares Niveau zu bringen. Sinn und Zweck jeder BoP im Motorsport: Alle Teilnehmer sollen konkurrenzfähig sein. Was die BoP hingegen nicht sein soll: ein politisches Werkzeug, um gewisse Hersteller zu bevor- oder zu benachteiligen. Nicht erst seit Sao Paulo muss man den Eindruck erhalten, dass hier etwas gehörig schiefläuft.

Ferrari war bei den 24 Stunden von Le Mans eindeutig viel zu gut eingestuft und fuhr locker zu seinem vierten Saisonsieg in Folge. Für Sao Paulo bekamen die Italiener dann eine regelrechte BoP-Klatsche, die sie chancenlos zurückließ. Wohl nicht zuletzt auf Druck der Hersteller-Lobbyisten und Motorsportchefs, die sich gegenüber ihren Vorständen rechtfertigen müssen, wie eine einzelne Marke eine Rennserie dominieren kann, obwohl doch alle siegfähig sein sollen.

Jetzt das krasse Gegenteil: Cadillac war den anderen sieben Herstellern übermächtig. Es ist schade, dass man in der WEC - hinter vorgehaltener Hand, weil verboten - eigentlich nur noch über die BoP fabuliert. Das wird den Leistungen der Fahrer und Teams überhaupt nicht gerecht. Muss man die BoP-Verantwortlichen dafür verurteilen? Sie stecken in einer Zwickmühle, weil sie sich auf Daten verlassen und bestmögliche Arbeit vollrichten wollen - und gegen Hersteller ankämpfen, die BoP-Spielchen längst perfektioniert haben. Die Balance of Performance bleibt das notwendige Übelste im heutigen Rennsport.

VERLIERER: Toyota

Toyota kam ausgerechnet auf der Strecke unter die Räder, wo die Japaner im vergangenen Jahr einen dominanten Sieg mit mehr als einer Minute Vorsprung gefeiert hatten. Der Unterschied zwischen Sao Paulo 2024 und 2025: 9 Kilogramm mehr Gewicht, 28 PS weniger Leistung und eine neuasphaltierte Strecke, die den damaligen Medium-Reifen-Vorteil zunichte machte.

Die beiden Toyota GR010 Hybrid mit den Startnummern #7 (Conway, Kobayashi, De Vries) und #8 (Hartley, Hirakawa) landeten am Sonntag abgeschlagen auf den Plätzen 14 und 15. Irre Statistik: Zuletzt blieb der amtierende Marken-Weltmeister im Jahr 2018 in Silverstone ohne Punkte! Teamdirektor David Floury hatte schon nach dem Erscheinen der BoP-Tabelle ein schwieriges Unterfangen erwartet, und das sollte sich auch bestätigen.

Kamui Kobayashi, der schnellste der fünf Toyota-Fahrer, war im Schnitt der schnellsten Rennrunden gigantische 1,3 Sekunden langsamer als der fixeste Cadillac. Selbst die Aston Martin hatten in Sao Paulo eine bessere Pace als die beiden Werks-Toyota. "Wir hatten auf den Geraden nicht den Speed der anderen, sodass wir mit niemandem kämpfen konnten", stellte Kobayashi ernüchtert fest.

Ferrari beim WEC-Rennen in Sao Paulo
Das Ferrari-Werksteam ging in Sao Paulo komplett leer aus, Foto: IMAGO/PsnewZ

VERLIERER: Ferrari-Werksteam

Ferrari, Sieger der ersten vier Saisonrennen inklusive Le Mans, war trotz besserer Platzierungen der noch größere Verlierer als Toyota. Zwar fehlte den Italienern nach einer BoP-Klatsche - 12 Kilo mehr und 12 PS weniger als in Spa - ebenso die Performance, doch diesmal schlichen sich auch Fehler und Strafen ein. Dass Ferrari potenziell Punkte holen konnte, zeigte der private AF-Corse-499P um die amtierenden Le-Mans-Sieger Robert Kubica, Yifei Ye und Phol Hanson mit Platz acht.

Das Werksteam ging mit den Plätzen elf (#51 mit Pier Guidi, Giovinazzi, Calado) und zwölf (#50 mit Fuoco, Molina, Nielsen) hingegen leer aus. Der #50 Ferrari musste nach einem unverschuldeten Kontakt mit einer GT3-Corvette auf Ansage der Rennleitung einen ungeplanten Boxenstopp einlegen, um die beschädigte Heckpartie reparieren zu lassen. "Aus unserer Sicht war das nicht fair, weil das Auto komplett sicher war und keine Probleme hatte", fand Miguel Molina.

Das #51 Schwesterauto kassierte früh eine 5-Sekunden-Zeitstrafe wegen falscher Durchfahrt durch die Startbox und spät eine Durchfahrtstrafe nach überhartem Kampf mit dem Proton-Porsche. "Uns fehlte der Topspeed auf den Geraden und ein paar Situationen liefen gegen uns", kommentierte James Calado. "Inklusive der Strafe am Ende, die ich ehrlich gesagt nur schwer verstehen kann."