Bei BMW ist Aufatmen angesagt nach dem historischen ersten WEC-Sieg in Spa-Francorchamps. Die Werks-Engagements in der Langstrecken-WM (seit 2024) sowie in der US-Meisterschaft IMSA (2023) sind prestigeträchtig, waren bislang aber nicht von größtem Erfolg geprägt. In der IMSA gewann der Autobauer aus München bisher 'nur' drei Rennen, während der deutsche Konkurrent Porsche von einer Meisterschaft zur nächsten eilte und Siege bei wichtigsten Rennen wie den 24 Stunden von Daytona abräumte.

Mit dem ersten WEC-Sieg im Hypercar-Feld der acht Marken ist nun endlich der Knoten geplatzt nach zuvor 17 erfolglosen Anläufen und lediglich zwei Podestplätzen (Fuji 2024, Imola 2025). Rene Rast, Sheldon van der Linde und Robin Frijns führten den #20 BMW M Hybrid V8 zum Triumph in Spa, während Kevin Magnussen, Raffaele Marciello und Dries Vanthoor im Schwesterauto sogar einen Doppelsieg perfektmachten.

WEC-Krimi in Spa 2026: Finale des epischen 6-Stunden-Rennens (02:59 Min.)

Rene Rast: BMW-Sieg war "ganz bitter nötig"

Nach den bisherigen Ergebnissen war dem Vernehmen nach gehörig Druck auf dem Kessel bei BMW, das sich im Juli 2025 langfristig zum Hypercar-Programm in beiden Serien bekannt hatte - während Porsche zum Jahresende den Stecker in der WEC zog. Der Spa-Sieg dürfte nun etwas Ruhe ins Gefüge bringen - besonders wichtig vor dem nächsten Rennen und dem gleichzeitigen Highlight des Jahres, den 24 Stunden von Le Mans (13.-14. Juni 2026).

"Das war ganz bitter nötig, muss man sagen", so BMW-Star Rene Rast zu Motorsport-Magazin.com. "Irgendwann werden natürlich unangenehme Fragen gestellt, wenn man nach drei Jahren noch keinen Sieg eingefahren hat - sowohl an die Fahrer als auch ans Team und an BMW. Von daher war dieser Sieg jetzt wirklich Balsam für die Seele aller Beteiligten. Der Druck steigt natürlich mit jedem Rennen, das man nicht gewinnt. Deshalb war das heute, vor allem mit dem Doppelsieg, extrem wichtig für unser gesamtes Programm und für uns alle."

BMW reist als WEC-Spitzenreiter zu den 24 Stunden von Le Mans

Zusätzliche Motivation verschafft sicherlich ein Blick auf die WM-Tabelle: Rast und Frijns führen die Fahrer-Meisterschaft nach den bisherigen Rennen in Imola (Platz fünf) und Spa an. Und BMW reist als Spitzenreiter bei den Herstellern vor Toyota und Ferrari nach Le Mans, wo die Münchner erst- und einmalig im Jahr 1999 siegten. Rast trug sich zudem als erst fünfter Rennsieger aus Deutschland nach Andre Lotterer, Timo Bernhard, Marc Lieb und Nico Hülkenberg in den WEC-Geschichtsbüchern seit 2012 ein.

"Le Mans ist natürlich noch einmal ein ganz anderes Rennen, das weiß jeder", sagte Rast. "Ich glaube, dort werden alle ihre Karten auf den Tisch legen. Ich bin mir nicht sicher, ob das bisher schon passiert ist - wir werden sehen." Hintergrund: Immer wieder wurde einzelnen Herstellern in der Vergangenheit unterstellt, in den WEC-Rennen vor Le Mans absichtlich langsamer zu fahren, um für den 24h-Klassiker eine gute Einstufung zu erhalten. Die BoP-Tabellen sind seit diesem Jahr nicht mehr für die Öffentlichkeit zugänglich. Ebenso ist unklar, auf welchen Faktoren die BoP für Le Mans basieren wird.

BMW beim WEC-Rennen in Spa-Francorchamps
So sehen Sieger aus: Sheldon van der Linde von der #20 BMW-Crew, Foto: Michele Scudiero / Drew Gibson Photography

BMW-Chef Roos: "Würde nicht mal sagen, dass Druck da ist"

BMW-Motorsportchef Andreas Roos wollte unterdessen nicht von einer Druck-Situation sprechen und stellte sich vor sein Werksteam. "Siege sind immer wichtig", sagte er zu Motorsport-Magazin.com. "Ich würde nicht mal sagen, dass Druck da ist. In der ganzen Mannschaft muss man keinem Druck machen. Wir sind Racer und wollen alle gewinnen. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir nicht nur dabei sein, sondern Rennen gewinnen wollen."

Dabei hob Roos den hochkarätigen Wettbewerb in der WEC hervor. Ein Großteil der Siege seit 2024 ging an Ferrari (6), Toyota (5) und Porsche (4), während Alpine und Cadillac 2025 ihr jeweils erstes und einziges Rennen gewannen. Im aktuellen Starterfeld sind jetzt nur noch Peugeot, Aston Martin und Neueinsteiger Genesis sieglos.

BMW beim WEC-Rennen in Spa-Francorchamps
BMW-Motorsportchef Andreas Roos nach dem Spa-Sieg, Foto: Michele Scudiero / Drew Gibson Photography

BMW feiert ersten WEC-Sieg mit Evo-Prototyp

Roos: "Uns war klar, dass eine Meisterschaft mit so vielen hochkarätigen Wettbewerbern kein Spaziergang wird. Wenn man schaut, wie schwer sich der eine oder andere Hersteller getan hat, einen Sieg einzufahren, zeigt das, wie schwierig es war in den letzten Jahren. Es zeigt auch, dass sich die harte Arbeit in den vergangenen Jahren ausgezahlt hat. Um hier zu gewinnen, muss wirklich jedes Detail passen."

BMW hatte über den Winter wie die meisten Hersteller einen Update-Joker genutzt, um den BMW M Hybrid V8 weiterzuentwickeln. Überarbeitet wurde vor allem die Aerodynamik mit einer neugestalteten Frontpartie samt kleinerer Niere. Roos über das Evo-Paket für 2026: "Wir haben vor allem daran gearbeitet, ein sehr konstantes, gut fahrbares und berechenbares Auto für die Fahrer zu entwickeln. Dadurch konnten sie heute genau das tun: eine schnelle Runde nach der anderen auf konstant hohem Niveau fahren."

Und weiter: "Vor dem Evo-Paket war das nicht unsere Stärke. Wir konnten zwar sehr schnelle Peak-Rundenzeiten fahren, aber nicht konstant genug. Beim Evo ging es nie darum, die maximale Einzelrundenzeit zu verbessern. Es ging um Konstanz, Berechenbarkeit und Fahrbarkeit des Autos." Wie das beim Doppelsieg in Spa-Francorchamps funktioniert hat und welche entscheidende Rolle die Strategie spielte, lest ihr in unserer Renn-Analyse: