Er kann es noch! Ganze 588 Tage musste Jorge Martin warten, ehe er in der MotoGP an einem Sonntag wieder ganz oben auf dem Podest stehen sollte. Zuletzt beim Indonesien-GP im Herbst 2024 siegreich, klappte es in Le Mans endlich wieder - und das, obwohl der 'Martinator' zwischenzeitlich schon zweieinhalb Sekunden Rückstand auf Platz eins angehäuft hatte. Seine rasante Aufholjagd zeigt: Mit dem 27-Jährigen aus Madrid ist zweifellos wieder zu rechnen!

Nach Diggia-Duell: MotoGP-Sieg für Jorge Martin vermeintlich außer Reichweite

"Letztes Jahr habe ich gelernt, niemals aufzugeben und heute war das genau ein solches Rennen", kommentierte Martin am Sonntagabend überglücklich. Warum? Ganz einfach: Seinen Raketenstart vom Samstag hatte er diesmal nicht wiederholen können, blieb vielmehr auf Startplatz sieben stecken. Statt freier Fahrt wie im Sprint wartete im Grand Prix also einiges an Arbeit auf den Aprilia-Piloten. Zunächst war Ai Ogura fällig, dann Fabio Quartararo.

Jorge Martin steckte zu Beginn des Rennens im vorderen Mittelfeld fest, Foto: VR46 Media
Jorge Martin steckte zu Beginn des Rennens im vorderen Mittelfeld fest, Foto: VR46 Media

Beide Überholmanöver klappten ohne größere Probleme, doch Fabio Di Giannantonio erwies sich dann als härtere Nuss. Der vermutlich scheidende VR46-Fahrer wehrte sich hart, gab sich erst nach mehreren Kurven geschlagen. Als Martin durch diesen intensiven Zweikampf auf 2,610 Sekunden hinter seinen führenden Teamkollegen Marco Bezzecchi zurückgefallen war, schien das Podium dann eigentlich das Maximum: "Ich dachte nicht, dass ich noch um den Sieg kämpfen könnte. Aber ich habe nie aufgegeben. Acht Runden vor Schluss wurde mir dann klar, dass es noch möglich ist."

Da hatte Martin den Rückstand auf 'Bezz' erstmals auf unter eine Sekunde gedrückt. Selbst mit bloßem Auge war zu diesem Zeitpunkt zu erkennen, dass die Nummer 89 in großen Schritten näher kam. "Ich konnte in den ersten Runden etwas Reifen sparen und hatte am Ende dann noch Reserven. Bei Marco habe ich hingegen gesehen, dass er mit dem Grip am Heck zu kämpfen hatte. Da habe ich einfach den Hammer fallen lassen." Vier Runden vor Schluss war Martin dran, drei Runden vor Schluss dann das rennentscheidende Überholmanöver in der Dunlop-Schikane: "Ich wusste nicht, ob ich genug Reserven hätte, um mich abzusetzen. Aber dem war so. Ich habe heute alles gegeben, ich bin wirklich sehr glücklich."

Ausgerechnet Le Mans! Jorge Martins emotionale MotoGP-Erlösung

Was der erste Grand-Prix-Sieg seit Oktober 2024 bedeutete, war in den Minuten nach der Zielankunft deutlich zu erkennen. Schon auf der Inlap jubelte Martin ausgiebig, im Parc Ferme und auf dem Podium flossen dann sogar ein paar Tränen. Wer kann es ihm nach dieser langen Leidenszeit auch verübeln? Und doch ist es schon kurios, dass der erlösende neunte GP-Sieg seiner MotoGP-Karriere ausgerechnet in Le Mans kommen musste. Wieso? Weil Martin dem Aprilia-Team um Racing-CEO Massimo Rivola vor zwölf Monaten genau an diesem Ort mitgeteilt hatte, dass er 2026 eigentlich nicht mehr für sie fahren will. Ein wochenlanger Vertragsstreit war die Folge, erst rund um das Comeback in Brünn Mitte Juli folgte die Versöhnung.

Jorge Martin ist bei Aprilia längst wieder gemocht, Foto: MotoGP Press
Jorge Martin ist bei Aprilia längst wieder gemocht, Foto: MotoGP Press

"Die letzte Saison war nicht nur körperlich, sondern auch mental sehr schwierig für mich. Ich erinnere mich, dass ich letztes Jahr Massimo hier gesagt habe, dass ich wechseln möchte", berichtete Martin mit Blick auf jene Ereignisse aus dem Frühling 2025. "Ich dachte damals, dass dies die beste Option für mich sei. Jetzt bin ich aber dankbar, dass Massimo mich hiergehalten hat. Ich bin dankbar, dass ich mich entschieden habe, aufzuhören zu kämpfen und bei Aprilia zu bleiben. Ich freue mich sehr, dass jetzt alles in die richtige Richtung geht und ich bin dankbar, dass mir all das passiert ist. Denn das hat mich zu dem Mann gemacht, der ich heute bin."

Und das ist vielleicht der stärkste 'Martinator', den wir bisher in der MotoGP gesehen haben. Obwohl es mit der RS-GP immer noch etwas Luft nach oben gebe, liegt der 27-Jährige in der Weltmeisterschaft nach dem Le-Mans-Double nur noch einen Punkt hinter Stallgefährte Bezzecchi auf Rang zwei. Der zweite WM-Titel nach 2024 wird immer realistischer und nun auch zum erklärten Ziel: "Wir werden weiterkämpfen. Ich bin mir sicher, dass es für mich dieses Jahr noch häufiger Champagner geben wird. Und wenn ich am Ende des Jahres eine Chance habe, den Titel erneut zu gewinnen, dann soll niemand daran zweifeln, dass ich dafür nicht alles geben werde."

Während Martin also Morgenluft schnuppert, könnte der WM-Traum für Marc Marquez in Le Mans bereits geplatzt sein. Der Ducati-Star wurde am Sonntag erfolgreich operiert und fehlt nun mindestens kommende Woche in Barcelona. Alle Infos dazu gibt es hier: