1. Warum hatte Bearman so viel Geschwindigkeitsüberschuss?
Ausgangspunkt des heftigen Unfalls von Oliver Bearman beim Japan GP war die große Geschwindigkeitsdifferenz zwischen ihm und Franco Colapinto, auf den er aufgelaufen war. Die Teams geben die elektrische Energie an unterschiedlichen Stellen aus. Große Unterschiede gibt es vor allem zwischen den verschiedenen Motorherstellern. Alpine fährt mit Mercedes-Motoren, Haas mit Ferrari-Aggregaten.
Das ganze Rennen war zu sehen, dass Bearman deutlich mehr Energie auf dem Weg aus der Haarnadel bis hin zur Spoon-Kurve ausgibt. Rund 20 km/h, so Haas-Teamchef Ayao Komatsu, soll der Geschwindigkeitsunterschied regelmäßig betragen haben. Deshalb witterte Bearman an dieser Stelle seine Chance und aktivierte in Runde 21 den Boost-Knopf, der die volle elektrische Energie freigibt. Dadurch kam es zu einem Speed-Delta von rund 50 km/h.
2. Wer war schuld am Bearman-Crash?
Von den FIA-Stewards gab es kein Urteil zum Unfall, denn die leiteten noch nicht einmal eine formelle Untersuchung ein. Franco Colapinto ging jedenfalls nicht vom Gas, er fuhr wie auch die Runden zuvor. Aber seine Linie war etwas anders: Um sich gegen Oliver Bearman zu verteidigen, warf er die Tür etwas zu. "Er hat mir nicht viel Platz gelassen", beschwerte sich Bearman später. Aber es war noch Platz. Bearman nahm die Schuld auch auf sich. Wobei Teamchef Komatsu gar nicht von "Schuld" sprechen wollte. Er sprach von einer "Fehleinschätzung" seines Piloten.
Auf der anderen Seite gab es auch kritische Stimmen über Colapinto. "Es war nur eine Frage der Zeit, dass etwas um ihn herum passiert", meint Nico Hülkenberg. Der Argentinier ist in der Formel 1 als Rowdy bekannt. Im Fahrerbriefing am Freitagabend ging es noch um das Verteidigungsverhalten bei großen Geschwindigkeitsdifferenzen. Einige Fahrer möchten hier die Regeln anpassen, sodass man nicht mehr so spät die Türe zuwerfen darf.
Und dann gibt es noch Stimmen, die das Reglement für den Crash verantwortlich machen. "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es aufgrund der Geschwindigkeitsunterschiede zu einem schweren Unfall kommt", hieß es von mehreren Fahrern. Vor dem Japan GP trafen sich FIA, Formel 1 und Teamchefs, um über Regeländerungen zu diskutieren. Auch der Sicherheits-Aspekt lag auf dem Tisch, wurde aber nicht als dringend eingestuft.
Mehr zum Unfall von Ollie Bearman gibt es hier:
3. Warum startete Antonelli wieder so schlecht?
Starts in der modernen Formel 1 sind eine Wissenschaft für sich. Zwischen den Teams gibt es deshalb große Unterschiede. "Wir haben unseren Piloten sicherlich nicht das beste Werkzeug gegeben", meinte Mercedes-Teamchef Toto Wolff, nachdem Andrea Kimi Antonelli und George Russell von eins und zwei auf vier und sechs zurückgefallen waren, fügte aber an: "Es gab heute auch Fehler der Fahrer."
Kimi Antonelli war beim Start zum China-Sprint weit zurückgefallen, weil er den Start-Modus nicht aktiviert hatte. In Suzuka war die Problematik eine andere: Der Youngster ließ die Kupplung zu schnell kommen, hatte stark durchdrehende Reifen und verlor deshalb fünf Positionen.
4. Weshalb war Überholen verhältnismäßig schwer?
Letztes Jahr entfaltete der Japan GP eine ähnliche Wirkung wie Baldrian. In Suzuka herrschte aufgrund der Streckencharakteristik fast Überholverbot. Mit dem neuen Reglement gab es deutlich mehr Action, aber Überholen war sichtlich schwierig als bei den ersten beiden Rennen. Einerseits waren die Unterschiede beim Energiemanagement nicht mehr ganz so groß, das Feld groovt sich langsam ein.
Andererseits spielt die Streckencharakteristik noch immer eine Rolle - aber eine andere. Nicht die vielen schnellen Kurven sind das Problem, sondern die Anordnung der Geraden. "Hier folgen drei Geraden aufeinander", erklärt McLaren-Teamchef Andrea Stella. Spoon bis 130R, 130R bis zur Schikane und schließlich von der Schikane bis Kurve 1.
Dazwischen gibt es nur einen Bremspunkt. Wer in der Schikane überholte, wurde fast immer auf Start und Ziel wieder überholt, weil ihm Energie fehlte. Außerdem befand sich der Messpunkt für den Overtake-Modus direkt hinter der Schikane. Wer also zuvor vorbeiging, spendierte seinem Konkurrenten in der nächsten Runde den Overtake-Modus.
5. Warum gab es selten Manöver in der Schikane?
Ja, wer vor der Schikane überholte, der wurde meist gleich wieder kassiert. Das lernten die Fahrer über das Rennen auch. Aber trotzdem wäre es oft einen Versuch wert gewesen, wenn es sonst nicht klappt. Und dennoch sah man verhältnismäßig wenige Manöver vor der Schikane.
Denn wer den Overtake-Mode vor 130R aktivierte, für den wurde die schnelle Linkskurve eine echte Kurve, die nicht mehr vollgas ging. Erst recht, wenn man auf den Vordermann auflief. Also mussten die Angreifer vom Gas gehen. Das Problem: Wer anschließend wieder Vollgas gibt, der ruft mindestens 200kW vom Elektromotor ab - an einer Stelle, an der man eigentlich schon rekuperiert. Das wäre Energie-technischer Selbstmord.
6. Warum war McLaren plötzlich so schnell?
Oscar Piastri führte das Rennen nach dem Start an. Das Kundenteam zeigt dem Werksteam, wie man mit seinem Triebwerk losfährt. Die echte Überraschung waren aber die Runden danach. Schnell hatte sich George Russell auf Platz zwei zurück gearbeitet, dann allerdings war Endstation. An Piastri kam der Brite nicht vorbei. Am Ende des Stints war Russell nicht einmal mehr im Overtake-Fenster.
Freie Fahrt half Piastri dabei, die Reifen zu schonen. Aber das Auto selbst war noch immer deutlich schlechter als der Mercedes. Der große Performance-Sprung im Vergleich zu den ersten beiden Rennwochenenden kam vom Verständnis des Motors. Die Hardware war weitestgehend unverändert. Dass auf Chassis-Seite noch immer viel fehlte, zeigt das Ergebnis. "Wir sind ein perfektes Rennen gefahren und hatten trotzdem 15 Sekunden Rückstand", weiß auch Piastri.
7. Hätte Antonelli auch ohne Safety Car gewonnen?
Oscar Piastri verlor die Führung an der Box. Der McLaren-Pilot wechselte regulär auf die harten Reifen, Kimi Antonelli in Runde 22 während der Safety-Car-Phase. Vor allem George Russell haderte mit seinem Schicksal, weil er eine Runde vor dem Safety Car an der Box war und vor Antonelli fuhr. Tatsächlich zeigte sich aber schon vor den Boxenstopps, dass Antonelli der schnellere der beiden Mercedes-Piloten war.
Als der Italiener in Runde 15 Platz drei von Charles Leclerc holte, lag er dreieinhalb Sekunden hinter Russell. Binnen weniger Runden verkleinerte er den Rückstand auf zwei Sekunden. Aber Antonelli hätte erst an Russell und dann an Piastri vorbeigemusst. Bei McLaren ist man sich nicht sicher, ob man Antonelli hätte halten können. Am Ende hatte Antonelli das Glück des Tüchtigen.
8. Was war bei Russell los?
Ab dem 3. Freien Training war Russell von der Rolle. Vor dem Qualifying nahm er Setup-Änderungen vor, die ihn noch weiter zurückwarfen. Wegen der Parc-ferme-Regelung musste er auch im Rennen mit diesem Setup ausharren. Das war aber nicht Russells einziges Problem.
Beim Restart musste er sich von Lewis Hamilton überholen lassen. Der Mercedes-Pilot hatte in der Runde vor dem Restart falsch mit der Energie gehaushaltet. Zu früh in der Runde erreichte er die Grenze von 8,5 Megajoule beim Rekuperieren. Dadurch war seine Batterie beim Restart nicht mehr ganz aufgeladen.
Auch beim Zweikampf mit Charles Leclerc machte Russell die Energie einen Strich durch die Rechnung. Ein Problem in der Software, ausgelöst vom gleichzeitigen Betätigen eines Knopfs und der Schaltwippe, sorgte für Superclipping bei der Anfahrt zur Spoon-Kurve. Am Ende war nicht mehr als Rang vier für Russell drinnen.
9. War Verstappen im Rennen besser?
Zum ersten Mal seit Aserbaidschan 2024 hatte Max Verstappen wieder ein GP-Qualifying mit gleichen Voraussetzungen gegen seinen Teamkollegen verloren. Der Ex-Weltmeister scheiterte sogar am Einzug ins Q3. Von Startplatz elf zeigte Verstappen aber ein ordentliches Rennen. Schnell ging er auch an Teamkollege Isack Hadajr vorbei. Im Renntrimm schienen seine Probleme mit dem neuen Aero-Paket nicht mehr so schlimm zu sein.
Trotzdem reichte es am Ende nur zu Platz acht. Lange wirkte es so, als wäre Verstappen schneller als Pierre Gasly vor ihm. Im ersten Stint war Verstappen nicht schneller als der Franzose. Als er freie Fahrt hatte, konnte er auf Gasly nicht aufholen. Das Safety Car brachte Verstappen wieder ran. Auf den harten Reifen wirkte Verstappen tatsächlich schneller, doch der Pace-Unterschied war nicht groß genug, um Überholen zu können. Wohlwollend war Red Bull im Rennen geradeso vierte Kraft. Teamkollege Isack Hadjar tat sich allerdings schwerer und verlor durch das Safety Car zusätzlich ein paar Plätze.
10. Warum musste Hamilton Norris nicht vorbeilassen?
Die Stewards um ihren Vorsitzenden Gerd Ennser hatten in Suzuka einen ruhigen Nachmittag. Kein einziges Urteil musste das Quartett verfassen. Das lag auch daran, dass sie die Szene zwischen Bearman und Ocon und das Abkürzen von Lewis Hamilton in Runde 44 schnell ad acta legten und gar keine Untersuchungen einleiteten.
Hamilton verbremste sich in der Schikane und kürzte leicht ab. Lando Norris, direkt dahinter, beschwerte sich anschießend und wollte, dass sein Landsmann die Position freiwillig aufgibt. Allerdings verbremste sich Hamilton nicht im Zweikampf, Norris lag eine halbe Sekunde dahinter. Nach der kleinen Abkürzung hatte der Weltmeister noch immer eine halbe Sekunde Rückstand. Hamilton hatte sich also keinen Vorteil erschlichen.
11. Warum stoppte Albon 6-mal?
Von den TV-Kameras weitestgehend unbeachtet, fuhr Alex Albon ein eigenartiges Rennen. Von Startplatz 17 ging es für ihn nicht nach vorne. "Ich war die ganze Zeit im Verkehr und mein Rennen verlief wirklich ereignisarm. Also haben wir eine Testsession daraus gemacht", verriet der Williams-Pilot. Auch Teamchef James Vowles spricht davon, dass sein Pilot ein Testprogramm absolvierte.
Nach dem etatmäßigen Stopp in Runde 22 kam Albon noch fünf weitere Male an die Box. In Runde 45 holte er sich weiche Reifen, anschließend kam er vier Runden am Stück an die Box, um sich den Frontflügel verstellen zu lassen. Beim letzten Stopp gab es noch einen frischen Satz Mediums, auf dem Albon mit zwei Runden Rückstand ins Ziel fuhr.



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