Kritik an den neuen Formel-1-Regeln gab es in den letzten Wochen zuhauf. Doch nach dem heftigen Unfall von Oliver Bearman im Japan-GP steigt unter den F1-Fahrern der Unmut. Wurde bei dem ganzen Klagen über Qualifying-Probleme das wirklich Gefährliche übersehen? Carlos Sainz spricht am Sonntagabend Klartext.
Was Bearman passiert war, ist für viele keine Überraschung. Mit den neuen Hybrid-Motoren sind nämlich unglaublich große Geschwindigkeits-Unterschiede möglich. Genau das passierte Bearman. Er flog ab, weil er mittels Boost-Button seine Batterie voll ausquetschte, während Franco Colapinto vor ihm normal hin zur Spoon-Kurve fuhr. Das erzeugte einen plötzlichen Unterschied von gut 50 km/h. Mehr zum Unfall selbst gibt es hier:
Formel-1-Fahrer sehen in Bearman-Crash Beweis: Das ist brandgefährlich
"Wir als Gruppe haben die FIA davor gewarnt", sagt Bearman am Sonntag nach dem 50-G-Crash, dem er zum Glück nur mit Prellungen entkam. Schon am Freitag im Fahrer-Briefing hatten die Piloten das Thema erneut angerissen. Am dritten Wochenende in Japan hatte es nebenbei auch die ersten Hybrid-Anpassungen gegeben - aber nur im Qualifying.
Doch die Fahrer sehen nicht ein, warum nur das Qualifying ein Problem sei. "Bis zum ersten Crash war es nur eine Frage der Zeit", ist Carlos Sainz, einer der Vorsitzenden der Fahrer-Gewerkschaft GPDA, am Sonntagabend nicht überrascht. "In den ersten drei Runden gibt es immer schon viele Fälle, während wir uns alle mit der Energie aussortieren und unsere Systeme anlernen. Mit Geschwindigkeits-Unterschieden, Boost-Button, selbst ohne dem hast du manchmal mehr Speed als der Vordermann."
An schnellen Ecken machen diese Geschwindigkeiten nun jede Kleinigkeit gefährlich. "Es sieht aus, als wenn du dich in der Bremszone bewegst, aber das passiert auch, wenn du schnell beschleunigst, da kannst du einen großen Crash haben", meint Max Verstappen. Und die Fahrer können oft nicht wissen, wer gerade wie viel abgibt. Der Unterschied entsteht allein durch Hybrid-Settings, während der Fahrer selbst einfach nur voll am Gas steht.
Carlos Sainz empört sich in Japan: Hört auf die Fahrer, nicht die Teams
"Ich hoffe, das dient als Beispiel, damit man auf die Fahrer hört und weniger auf die Teams und die Leute, die sagen, das Racing sei okay. Es ist nicht okay", empört sich Sainz. "Das ist das Problem, wenn du nur auf die Teams hörst. Die denken, die Rennen sind okay, weil sie im TV unterhaltsam sind."
"Aber aus Fahrersicht fahren wir mit 50 km/h Unterschied gegeneinander, das ist kein Racing mehr", klagt Sainz. "Hier gab es zum Glück eine Auslaufzone. Jetzt stellt euch vor, was in Baku, Singapur oder Las Vegas mit den Speeds passieren kann. Wir als GPDA haben die FIA gewarnt, dass diese Unfälle passieren werden. Jetzt müssen wir etwas ändern. Bald. Wenn wir nicht wollen, dass es passiert."
In die gleiche Kerbe schlägt auch McLaren-Teamchef Andrea Stella, der schon bei den Testfahrten diese Gefahr aufgebracht hatte: "Wir sollten nicht darauf warten, dass Dinge passieren, um etwas zu tun. Heute ist etwas passiert. Oliver scheint mit Prellungen davongekommen zu sein, nichts Schlimmes. Aber wir haben eine Verantwortung, besonders in Sachen Sicherheit, dass wir etwas unternehmen."
FIA reagiert nach Japan-Crash mit Stellungnahme
Die Regelhüter von der FIA meldeten sich am Sonntag prompt mit einer beschwichtigenden Stellungnahme, in der erneut erinnert wird, dass es stets der Plan gewesen sei, die ersten drei Rennen erst einmal abzuwarten, bevor man sich zusammensetzt und größere Änderungen vornimmt: "Damit ausreichend Daten vorhanden sind und analysiert werden." Für den rennfreien April sind mehrere Meetings von Motorherstellern, Teams, FIA und F1-Vertretern anberaumt.
Davor will man Spekulationen über Änderungen gar nicht kommentieren: "Jegliche Anpassungen, besonders in Bezug auf Energiemanagement, verlangen sorgfältige Simulationen und Analysen. Die FIA wird weiterhin eng und konstruktiv mit allen Beteiligten zusammenarbeiten, um das Bestmögliche für den Sport zu erzielen, und Sicherheit wird immer ein zentrales Element der Mission der FIA sein."
"Ich hoffe, dass sie auf uns hören, und auf unser Feedback, anstatt nur auf die Teams zu hören", meint Sainz jedenfalls. Bis Miami hätte er gerne einen mittelfristigen Fahrplan: "Machen wir noch einen Schritt in Miami, und dann entweder für später im Jahr oder für nächstes Jahr einen großen Schritt."
Trotzdem mahnen andere Teamchefs vor Schnellschüssen. "Wir dürfen Sicherheit nicht als Ausrede für Änderungen nehmen, aber Sicherheit sollte Priorität haben", sagt Haas-Teamchef Ayao Komatsu. "Wir hatten drei Events und einen Zwischenfall. Wir müssen das ruhig als F1-Community diskutieren. Was wir auch tun, in jedem Meeting mit Teamchefs, FIA und Formel 1, da geht es niemandem um den eigenen sportlichen Vorteil."
Was sonst noch in Japan im Rennen passierte, gibt es hier im Rennbericht nachzulesen:



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