Die Formel 1 erlebte am Samstag im Sprint von Brasilien den wohl heftigsten Unfall des Jahres. Mit in der Spitze über 57 g schlug Gabriel Bortoleto auf der letzten Runde in der ersten Kurve in die Streckenbegrenzung ein. Dem Brasilianer geht es zum Glück gut, damit setzt Selbstreflexion ein. Ein 57-g-Crash, heftiger als etwa Max Verstappens 51-g-Einschlag 2021 in Silverstone, nur im Kampf um einen wertlosen Sprint-P10? War das ein angemessenes Risiko?

Erst einmal kann Bortoleto selbst am Samstagabend noch nicht mit Sicherheit sagen, was passiert ist, als er nach dem Qualifying - welches er aufgrund der zu umfangreichen Reparatur seines Autos verpasste - erstmals vor die Medien trat. Er hatte sich im Sprint kurz vor Schluss mit Alex Albon gematcht, ihn einmal kurz überholt, Albon konterte, und in der letzten Runde wollte Bortoleto hin zur ersten Kurve wieder zurückschlagen.

Mit einem äußerst riskanten Manöver auf einer Strecke, die immer noch feucht war. "Ich glaube, es war eine Kombination. Ich habe angegriffen. Ich habe wieder voll reingehalten. DRS war offen. Ich bremste wohl ein bisschen, da waren feuchte Flecken, und dann ist das Auto komplett nach links abgebogen und ich war nur noch Passagier."

"Ich war so fokussiert darauf, vielleicht doch noch ins Qualifying zu gehen, dass ich mir nicht angesehen habe, warum der Crash passiert ist", meint Bortoleto. Aber ein Fahrfehler scheint wahrscheinlich. Er scherte sehr spät und sehr aggressiv mit noch offenem DRS aus dem tiefen Windschatten aus, damit war der Anpressdruck am Heck schon sehr niedrig. Zusammen mit einer feuchten Stelle lässt sich das plötzliche völlige Abreißen des Grips sehr leicht erklären.

Horror-Crash in Brasilien, Verstappen schreibt Formel-1-WM ab! (19:46 Min.)

Gabriel Bortoleto hält rein: Irgendwann muss ich in der Formel 1 kämpfen

Das erscheint dann eben unverhältnismäßig riskant, und damit wie schlechte Risikoabwägung. Hätte Bortoleto das Manöver durchgebracht, so wäre er als Zehnter trotzdem punktelos geblieben. Etwas, worauf er am Samstag prompt auch angesprochen wird. Nicht zuletzt, weil er sich etwa im China-Sprint über unnötiges Risiko von Kontrahent Jack Doohan im Kampf um die letzten Plätze beschwert hatte.

"An irgendeinem Punkt muss ich kämpfen, weißt du?", ist Bortoleto nachdenklich. Die Formel 1 ist für junge Fahrer grundsätzlich mental eine ziemliche Umgewöhnung: "Ich war es gewohnt, in den kleineren Klassen immer an der Spitze zu kämpfen. Und jetzt, in der Formel 1, habe ich noch nicht ganz das Auto dafür." Der Kampf um effektiv wertlose Positionen außerhalb der Punkte, die Verantwortung, ein Auto zu fahren, das von einem Team von 1.000 Personen hingestellt wird, das alles schien eine gewisse Passivität hervorzurufen.

"Das ganze Jahr über habe ich zurückgesteckt und nicht gekämpft", meint Bortoleto. "Aber ich denke, ich muss auch lernen, muss Dinge austesten. Denn an dem Tag, an dem ich hoffentlich ein WM-fähiges Auto bekomme, kann ich solche Fehler nicht mehr machen." Daher verteidigt er rückblickend das Risiko: "Dinge wie heute, die machen dich denke ich zu einem besseren Fahrer. Du hast es selbst mit Max Verstappen zu Beginn seiner Karriere gesehen."

Bortoleto bedankt sich trotz verpasstem Qualifying bei Sauber

"Heute hat das Manöver eine Runde davor geklappt", zuckt Bortoleto mit den Schultern. "Das Leben geht weiter. Ich hoffe, ich lerne aus meinen Fehlern auch für die Zukunft." In der Gegenwart wurde er schon heftig dafür bestraft. Weil das Auto völlig zerstört war, musste Sauber das Ersatz-Chassis von Grund auf neu aufbauen. In der Mittagspause zwischen Sprint und Qualifying eine Mammut-Aufgabe, die nicht zu vollbringen war.

Nicht, dass es die heroischen Sauber-Mechaniker nicht versucht hätten. "Sie hätten wohl 20 oder 30 Minuten länger gebraucht, um es anständig zu machen und das Auto in perfektem Qualifying-Zustand hinzustellen", schätzt Bortoleto. "Ich muss dem Team gratulieren. Sie haben ein Auto von Grund auf neu gebaut und es fast bis zum Qualifying geschafft. Das ist nicht leicht. Ein Wahnsinns-Job."

Damit startet Bortoleto von ganz hinten. Teamkollege Nico Hülkenberg zeigte mit Q3 und Platz 10, was möglich gewesen wäre. Bortoleto gibt den Teamplayer: "Ihn heute in Q3 zu sehen macht mich glücklich. Zum einen, weil wir Punkte in unserem WM-Kampf brauchen, was mit zwei Racing Bulls in Q3 schwierig ist. Und ich bin happy für ihn, weil er ein paar Momente in der Saison hatte, wo ich in Q3 war, und er in Q1 rausflog. Jetzt bringt er aber sehr gute Runden zusammen und fühlt sich gut im Auto."