Lando Norris bekommt beim Formel-1-Rennen in Brasilien die nächste goldene Gelegenheit, seine WM-Führung weiter auszubauen und in zweistellige Sphären zu treiben. Nachdem er diese in Mexiko übernommen, und durch den Unfall von Oscar Piastri im Sprint weitere Punkte geschenkt bekommen hat, steht er nun auch für das Rennen auf der Pole Position. Und bei der derzeitigen Form von Norris: Wer soll ihm ernsthaft den Sieg streitig machen?
Da kommt in Brasilien vor allem ein Fahrer in Frage, und dabei handelt es sich nicht um einen der üblichen Verdächtigen. Die Rede ist von Mercedes-Pilot Andrea Kimi Antonelli, der sich auf dem Autodromo Jose Carlos Pace in bestechender Form präsentierte und mit seiner starken Pace Teamkollege George Russell im Qualifying vielleicht nicht ganz zur Verzweiflung, aber immerhin auf einen Medium-Reifen trieb.
Andrea Kimi Antonelli als größter Norris-Gegner?
Der Italiener hat eines der bisher seltenen Wochenenden, an denen er der schnellere Mercedes-Pilot ist. Bislang ließ sich das nur beim Miami-GP - übrigens auch ein Sprint-Event - von ihm behaupten. Antonelli rückte im Interlagos-Qualifying auf 0,174 Sekunden an Norris heran, nachdem er im Sprint-Qualifying sogar weniger als eine Zehntel aufgerissen hatte.
Doch mehr als die Hotlap-Auftritte des 19-Jährigen gibt Norris wohl der Sprint zu denken. Dort rückte Antonelli gegen Ende des 24-Runden-Rennens immer näher an den McLaren-Fahrer heran und war schon im DRS-Fenster. Doch für ein Manöver ging dem Rookie die Zeit aus. "Ich habe gelernt, dass sie sehr schnell sind", sagte Norris im Parc-Ferme-Interview nach dem Qualifying mit Blick auf Antonelli, "und ich habe gelernt, dass Kimi bis zum Schluss pusht. Also irgendwie freue ich mich auf das Rennen, irgendwie auch nicht."
Bei McLaren nimmt man die Mercedes-Gefahr ernst, auch wenn der starke Schlussspurt im Sprint einem Reifenunterschied geschuldet war. Denn nach der roten Flagge befand sich Antonelli auf den bevorzugten Mediums und Norris auf den Softs, die bei den Formel-1-Fahrern in Sao Paulo auf wenig Gegenliebe stoßen. Teamchef Andrea Stella betonte dennoch: "Mercedes ist sehr sehr knapp dran, auch im Qualifying."
Im Gegensatz zu den Silberpfeilen, die laut dessen Aussage am Auto von Antonelli zwischen Sprint und Qualifying nichts geändert hatten, hat das Papaya-Team die Parc-Ferme-Öffnung am Samstag nochmal für wesentliche Setup-Umbauten genutzt. "Wir haben einiges geändert", bestätigte Lando Norris in der Presskonferenz.
Stella relativierte: "Es gab Anpassungen, aber Anpassungen, von denen wir uns nicht versprechen, dass sie unser Auto schneller machen." Dabei spielt er vor allem auf Faktoren wie die Fahrzeughöhe an. Diese kann im Sprint aufgrund der kürzeren Dauer tiefer abgestimmt werden als im Rennen, wo man bei einer zu tiefen Abstimmung durch eine entsprechend stärkere Abnutzung der Planke am Unterboden ein Disqualifikations-Risiko eingeht. In Brasilien müssen die Formel-1-Teams aufgrund des aggressiven und welligen Asphaltes in dieser Hinsicht besonders vorsichtig sein.
Für Antonelli selbst hat die Serie an zweiten Plätzen an diesem Wochenende (Sprint-Qualifying, Sprint, Qualifying) die Hoffnung auf seinen ersten Formel-1-Sieg angestachelt. Trotzdem gibt er sich konservativ: "Die Pace heute morgen war sehr stark. Aber in verwirbelter Luft zu fahren ist nie einfach. Hoffentlich haben wir eine starke Pace, damit wir sie [McLaren, d. Red] unter Druck setzen und um den Sieg kämpfen können."
Er baut auch darauf, dass ihnen das Wetter in die Karten spielt: "Es war ziemlich kalt und morgen soll es ähnlich sein." Während es am Samstagvormittag auftrocknete und deshalb die Temperaturen gedämpft ausfielen, steht für den Sonntag generell zwar trockenes, aber kühles Wetter in der Vorhersage. Bei bewölkten Bedingungen soll es Tages-Spitzenwerte von unter 20 Grad geben. Damit ist der Sonntag der kälteste Tag des Wochenendes. Prinzipiell Bedingungen, die der Mercedes-Wundertüte entgegenkommen sollten.
Kalter Brasilien-Sonntag: Was machen die Formel-1-Reifen?
Die kalten Temperaturen und der Sprint könnten etwas Würze in die Strategie bringen. Diese soll laut den - nicht immer zutreffenden - Prognosen von Pirelli mit einer 1-Stopp als beste Variante ausfallen. In der blanken Theorie wäre zwar die 2-Stopp marginal schneller, aber eben ohne den Faktor Verkehr.
So viel von Pirelli, aber eine 1-Stopp verlangt zwei lange Stints. An diesem Punkt kommen die Temperaturen ins Spiel: Der Reifenhersteller geht davon aus, dass der Hard auf dem kalten, relativ grünen und an diesem Wochenende griparmen Autodromo Jose Carlos Pace keine sonderlich gute Option darstellt.
Doch im Sprint stellten die Teams auch fest, dass der Soft trotz eines geringen Rundenzeit-Deltas von zwei bis drei Zehntel auf den Medium im Longrun gegenüber diesem stärker abfällt und somit nicht die bevorzugte Wahl ist. Es muss also zwangsläufig ein Stint auf einem ungeliebten Reifen absolviert werden.
Vor zwei Wochen in Mexiko war das ähnlich. Dort war der Soft das Gummi der Stunde, der Medium schwächer und Hard ohnehin keine Option. Das trieb einen Großteil des Feldes in eine 2-Stopp-Strategie, um den Rennabschnitt auf dem schlechten Reifen so kurz wie möglich zu halten.
Norris vs. Antonelli in Brasilien: Wie steht es um die anderen Fahrer?
Das Duell um den Sieg könnte also schon wie im Sprint Norris gegen Antonelli lauten. Neben dem Ferrari von Charles Leclerc, dessen Rennpace sich nur schwer einordnen lässt, lauert Oscar Piastri in Reihe 2. Im bisherigen Wochenend-Verlauf war er aber nie eine Gefahr für Norris. Dass die Strecke - unter anderem aufgrund zahlreicher Abfluss-Rillen - unter den kühlen Bedingungen des Samstags und voraussichtlich auch des Sonntags nicht viel Haftung bietet, läuft seinem Fahrstil zuwider.
George Russell nahm sich, wie weiter oben schon angeschnitten, selbst aus dem Rennen um die vordersten Startplätze und nimmt nur auf P6 Aufstellung - und damit hinter Isack Hadjar. Er hatte im Q3-Finale den Medium aufgezogen, als ihn schon zuvor Antonelli unterboten hatte. Am Freitag hatte Pirelli die Annahme in den Raum gestellt, dass dieser auf eine Runde praktisch genauso schnell sei wie der Soft-Reifen - war er aber letztendlich doch nicht.
Von Max Verstappen müssen wir an dieser Stelle gar nicht erst reden. Er blieb im Qualifying nur auf P16. Wie es dazu kam, und warum er eine Aufholjagd, wie letztes Jahr, kategorisch ausschließt, könnt ihr hier nachlesen:



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