Nach einer aufregenden Startphase beruhigte sich der Italien GP 2025 recht schnell. Statt eines Spektakels sahen die Tifosi ein eher langweiliges Formel 1-Rennen in Monza, bei dem die Podiumsplätze auch in ihrer Reihenfolge zementiert zu sein schienen. Vor den Boxenstopps führte Max Verstappen knapp sechs Sekunden vor Lando Norris, der wiederum lag weitere rund sechs Sekunden vor Oscar Piastri. Durch einen langsamen Boxenstopp bei Norris änderte sich die Reihenfolge der McLaren-Piloten. Doch das Team griff ein und ließ die Fahrer die Positionen tauschen. Motorsport-Magazin.com hat die Antworten zum McLaren-Aufruhr.

1. Was ging bei Norris' Stopp schief?

5,87 Sekunden dauerte der Reifenwechsel bei Lando Norris in Runde 46. Eine Runde zuvor fertigten die McLaren-Mechaniker Oscar Piastri noch in 1,91 Sekunden ab. Eine wirkliche Erklärung hatte das Team nach dem Rennen dafür nicht, man wolle sich noch Zeit für die genaue Analyse lassen, hieß es. Die TV-Bilder zeigten aber, dass der Mann mit dem Schlagschrauber vorne links Probleme hatte. Nachdem er ein zweites Mal angesetzt hatte, sah er seine Arbeit als getan an.

Norris wurde aber nicht losgeschickt, weil das Rad vorne links offenbar doch noch nicht ganz fest war. Für die Freigabe beim Boxenstopp sind verschiedene Sicherheitsebenen eingezogen. Die Ampel darf nicht automatisiert umschalten. Ein Mechaniker machte den Kollegen am Schlagschrauber darauf aufmerksam, dass das seine Arbeit noch nicht getan war. Darauf setzte er ein drittes Mal an und konnte dabei die Mutter offenbar festschrauben.

Neugierig geworden, wie ein Boxenstopp in der Formel 1 funktioniert? Wir haben uns erst kürzlich die Technik dahinter und die Choreografie genauer angesehen. Alle Infos gibt's im Video:

Formel 1 Boxenstopp erklärt: 22 Leute, 1,8 Sekunden, 1 Ziel! (14:42 Min.)

2. Was wurde am Funk besprochen?

Das eigentlich eingeschlafene Rennen erhielt durch das Missgeschick noch einen Höhepunkt. Oscar Piastri ging wegen des deutlich schnelleren Stopps an seinem Teamkollegen vorbei. McLaren wies ihn aber dazu an, den Platz wieder herzugeben. Was genau lief in den entscheidenden Runden am Funk ab? Motorsport-Magazin.com hat das Funk-Transkript der entscheidenden Phase.

RundeNorrisPiastri
45Joseph: "Lando, wir stoppen diese Runde.
Auf Soft, plus eins."
Norris: "Wollt ihr das andere Auto zuerst stoppen?"
Joseph: "Ja, machen wir."
Norris: "Nur, wenn er keinen Undercut fährt.
Dann stoppe ich zuerst."
Piastri: "Jetzt stoppen…?""
Joseph: "Es wird keinen Undercut geben."Stallard: "Oscar, jetzt stoppen."
46Stallard: "Strat 6, Strat 6.
Standard-Outlap."
Joseph: "Strat 6, bitte, Strat 6."Stallard: "Leclerc auf Start-Ziel."
Joseph: "Jetzt stoppen."Stallard: "Oscar, kontrolliere die Outlap.
Wir stoppen die Autos in dieser Reihung,
um Leclerc zu decken.
Du darfst gegen Lando fahren,
sobald er am Ausgang ist."
47langsamer Norris-Stopp
Joseph: "Das könnte jetzt eng am Exit werden."
Joseph: "Overtake-Knopf drücken."
Joseph: "Strat 7."
48Joseph: "Lando, wir werden die Reihung
wieder herstellen."
Stallard: "Sechs Runden.
Priorität ist kein Graining."
Joseph: "Er wird dich durchlassen.
Dann dürft ihr frei fahren."
Stallard: "Oscar, das ist ein bisschen
wie Ungarn letztes Jahr.
Wir stoppten aus Teamgründen in dieser Reihung.
Bitte lass Lando durch,
dann darfst du frei fahren."
Joseph: "Er könnte dich jetzt in Kurve 1 durchlassen."Piastri: "Ich meine …
Wir sagten, ein langsamer Stopp sei Racing.
Ich sehe nicht, was da anders ist.
Aber wenn ihr es wirklich wollt,
mache ich es."
49TauschStallard: "Empfehle,
ihn in Kurve 1 durchzulassen.
Wie Ungarn letztes Jahr.
Ich weiß, es tut weh.
5 Runden ab jetzt."
Joseph: "Okay, frei fahren."Stallard: "Danke Oscar, freie Fahrt, sauber."

3. Was sagte Oscar Piastri nach dem Rennen?

Piastri gab sich in der Pressekonferenz nach dem Rennen gewohnt besonnen: "Das werden wir besprechen. Wir haben das schon einmal besprochen. Ich denke, heute war es eine faire Forderung. Lando qualifizierte sich vorne, lag das ganze Rennen über vorne und verlor diesen Platz ohne eigenes Verschulden. Ich habe am Funk gesagt, was ich zu sagen hatte. Und als ich die zweite Aufforderung erhielt, wollte ich mich nicht gegen das Team stellen. Ich denke, es gibt viele Menschen zu schützen und eine Kultur zu schützen, die über Lando und mich hinausgeht. Letztendlich ist das eine sehr wichtige Sache für die Zukunft."

Würde der WM-Leader seine Entscheidung am Ende der Saison bereuen, sollten ihm die sechs Punkte den WM-Titel kosten? "Nein, ich würde es nicht bereuen. Ich denke, heute war es eine faire Entscheidung. Für mich ist das in Ordnung. Letztendlich möchte jeder, der die Meisterschaft gewinnt, diese so weit wie möglich durch seine eigenen Leistungen und Dinge, die er kontrollieren kann, gewonnen haben. Heute war das nicht der Fall."

4. Was sagte Lando Norris nach dem Rennen?

Hatte Lando Norris Zweifel daran, dass ihm Oscar Piastri den Platz zurückgibt? "Nein. Weil wir das als Team so beschlossen haben und uns alle darauf geeinigt haben", sagte der Brite nach dem Rennen. Verallgemeinerungen will er daraus aber nicht schließen: "Jede Situation ist anders, daher ist es ziemlich dumm, einfach so etwas anzunehmen und zu sagen, dass dies der Präzedenzfall ist, den man geschaffen hat. Wir sind keine Idioten und haben Pläne für verschiedene Situationen. Wenn vier Autos zwischen mir und Oscar waren, würde er mich natürlich nicht vorbeilassen, und ich finde es auch nicht richtig, dass er mich vorbeigelassen hat. Aber in einer Situation, in der wir nicht im Rennen waren, in einer Situation, in der wir einfach fair sein können, dann würde man erwarten, dass man als Team fair ist."

"Sie wollen nicht der Grund dafür sein, dass ein Fahrer oder ein anderer Fahrer ohne eigenes Verschulden verärgert wird. Heute war es nicht meine Schuld", stellte Norris klar. "Wenn ich mit Vollgas in meine Box gefahren wäre und alle meine Mechaniker aus dem Weg geräumt hätte, würde ich auch nicht erwarten, die Position zurückzubekommen, aber heute lag es außerhalb meiner Kontrolle. Letztendlich möchte ich nicht auf diese Weise gewinnen, indem mir Positionen geschenkt werden oder so etwas. Und dasselbe gilt für Oscar - wir wollen nicht auf diese Weise verlieren oder gewinnen. Aber wir tun das, was wir als Team für richtig halten."

Boxenstopp bei McLaren-Pilot Lando Norris
Auslöser des Dramas: der schlechte Boxenstopp bei Norris, Foto: IMAGO/PanoramiC

5. Wie erklärt Andrea Stella die McLaren-Stallorder?

McLaren-Teamchef Andrea Stella ist besonders wichtig, dass es nicht hauptsächlich um den misslungenen Boxenstopp geht. Der Platztausch wurde angeordnet, weil Piastri eine Runde vor Norris kommen durfte. Dadurch wurde ihm ein Undercut gegen den Teamkollegen ermöglicht. Der hätte zwar ohne den langsamen Boxenstopp niemals geklappt, aber das Prinzip ist Stella wichtig. Warum aber stoppte man dann überhaupt in dieser Reihenfolge?

Weil man Piastri gegen einen möglichen Undercut von Charles Leclerc schützen wollte, der schon viele Runden zuvor drinnen war. Norris wollte man außerdem in der Hoffnung auf ein Safety-Car-Phase, ein VSC oder gar eine Rennunterbrechung so lange wie möglich draußen lassen, um gegen Max Verstappen eine Chance zu haben. Auf der Strecke war man gegen den Weltmeister chancenlos, aber mit Glück hätte man den Sieg doch noch holen können. "Wir wollten den Weg für ein besseres Ergebnis offenlassen", so Stella.

6. Wird es die Stallorder in Zukunft so geben?

"Wir überprüfen unsere Prinzipien", erklärte der McLaren-Teamchef nach dem Rennen. Also wurde mit Monza kein Präzedenzfall geschaffen? "Wir überprüfen bei McLaren alles. Egal ob Engineering, Abläufe im operativen Geschäft oder das Racing mit unseren Fahrern. Ein Review (Überprüfung) bedeutet nicht automatisch, dass sich etwas ändert. Es bedeutet, dass wir uns ständig hinterfragen, um Exzellenz zu erreichen." Im Klartext: Noch ist unklar, wie man in Zukunft mit solchen Situationen umgehen wird.

7. Ist Stallorder in der Formel 1 nicht illegal?

Die kurze Antwort: Nein. Stallorder war in der Formel 1 zwischenzeitlich im Reglement verboten, seit vielen Jahren gibt es diesen Passus aber nicht mehr. Auch, weil Stallorder nicht immer so klar als solche deklariert wird wie zum Beispiel von Ferrari in Österreich 2001 und 2002. Seit 2010 gibt es kein explizites Stallorder-Verbot mehr. Aber im International Sporting Code gibt es einige Artikel, die man entsprechend auslegen könnte. Artikel 12.2.1.c verbietet so zum Beispiel "jedes betrügerische Verhalten oder jede Handlung, die den Interessen eines Wettbewerbs oder den Interessen des Motorsports im Allgemeinen schadet."

Artikel 12.2.1 könnte man an dieser Stelle auch anführen. So ist "jeder Verstoß gegen die Grundsätze der Fairness im Wettbewerb, unsportliches Verhalten oder der Versuch, das Ergebnis eines Wettbewerbs in einer Weise zu beeinflussen, die gegen die sportliche Ethik verstößt" verboten. Durch die Vorgeschichte, die zum Platztausch führte, dürfte aber keiner dieser Artikel ernsthaft zur Anwendung kommen.

8. Was hätte Toto Wolff gemacht?

"Eine äußerst interessante Frage", meinte Toto Wolff selbst. Er ist in der modernen Formel 1 der erfahrenste Teamchef, wenn es um teaminterne Titelkämpfe geht. "Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Man schafft einen Präzedenzfall, der nur sehr schwer rückgängig zu machen ist", so Wolff.

"Was ist, wenn das Team einen weiteren Fehler macht, der nichts mit einem Boxenstopp zu tun hat? Wechselt man dann die Positionen? Aber andererseits ist es auch nicht fair, wenn ein Fahrer, der versucht aufzuholen, wegen eines Fehlers seines Teams Punkte verliert. Ich denke, wir werden gegen Ende der Saison, wenn es spannend wird, eine Antwort darauf bekommen, ob das heute richtig war."

McLaren-Duo shake hands, Verstappen sieht zu
Verstappen schaut sich das McLaren-Spektakel aus der Zuschauerrolle an, Foto: IMAGO/Action Plus

9. Hätte Max Verstappen die Position hergegeben?

Max Verstappen sorgte nach dem McLaren-Platztausch für den Funkspruch des Rennens. "Ha! Nur weil er einen langsamen Stopp hatte?", antwortete der Red-Bull-Pilot seinem Renningenieur, als er über die Vorgänge informiert wurde. Seine Reaktion war eindeutig, nach dem Rennen wollte er aber große Kontroversen vermeiden und antwortete in der Pressekonferenz erst gar nicht auf eine solche Frage. Nach dem Rennen absolvieren die Formel-1-Piloten aber zunächst die TV-Interviews, ehe es zur FIA-Pressekonferenz geht. Dort sind die Fahrer meist noch nicht so auf bestimmte Themen sensibilisiert. Servus TV konnte Verstappen deshalb noch etwas entlocken. "Als Oscar Piastri?", wurde gefragt und Verstappen vervollständigte erwartungsgemäß: "… hätte ich das nicht gemacht."