Auch einen Tag nach dem Italien Grand Prix ist die McLaren-Teamorder immer noch Thema Nummer 1. Einer, der die Situation – zwei Teamkollegen, die um die WM fighten, kennt, ist Toto Wolff. Entsprechend weiß er auch, dass das in der Formel 1 ein "Luxusproblem" ist.

"Das Wichtigste ist, eine klare Strategie zu haben: Entweder man lässt sie frei fahren oder man versucht, es so fair wie möglich auszugleichen. Welchen Weg man auch wählt, es ist ein Luxusproblem. Denn McLaren kann beide Weltmeisterschaften nicht mehr verlieren", erklärte der Mercedes-Teamchef. McLaren forderte WM-Leader Oscar Piastri in Runde 49 des Rennens in Italien auf, seinen Teamkollegen Lando Norris vorbeizulassen, nachdem Norris durch einen langsamen Boxenstopp Zeit und damit auch seine Position auf der Strecke verloren hatte.

Wolff: Gefährlicher Präzedenzfall bei McLaren

Die Entscheidung von McLaren-Teamchef Andrea Stella, die Plätze beider Fahrer zu tauschen, sieht Toto Wolff als gefährlich an. "Man schafft einen Präzedenzfall, der nur sehr schwer rückgängig zu machen ist", sagt Wolff und stellt die Frage in den Raum, was McLaren das nächste Mal macht, wenn das Team wieder einen Fehler macht, der aber nichts mit einem Boxenstopp zu tun hat. "Was ist, wenn das Auto am Start nicht anspringt oder eine Aufhängung oder Bremse kaputtgeht? Was macht man dann beim nächsten Mal? Es könnte zu einer Kettenreaktion von Ereignissen oder Präzedenzfällen kommen, die sehr schwer zu bewältigen sind", meint Wolff.

Er selbst musste 2016 das erbitterte Titelduell zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg managen. "Wenn man früher die Konstrukteurswertung sicher in der Tasche hatte, ließ man die beiden Fahrer im Sinne des Sports frei fahren. Sprich: Man rührt sich nicht an. Das ist etwas, das ich 2016 vielleicht anders gemacht hätte, anstatt zu versuchen, unsere Rennabsichten zu sehr zu kontrollieren", verriet Wolff. Zwischen den Mercedes-Teamkollegen herrschte von Anfang an eine ausgeprägte Rivalität. Auf der Strecke wurde es mehrmals eng, abseits der Strecke ging es mit persönlichen Sticheleien weiter.

Zwischen Lewis Hamilton und Nico Rosberg stand 2016 Krach an der Tagesordnung. Die Chronologie des Kriegs der Sterne zum Nachlesen:

Beim Spanien GP 2016 erreichte der Mercedes-Clash den absoluten Höhepunkt. Rosberg überrumpelte Hamilton beim Run auf die erste Kurve, doch Hamilton blieb dran und setzte mit deutlich mehr Schwung aus der dritten Kurve heraus zum Konter an. Rosberg reagierte und versuchte innen dicht zu machen. Sein Teamkollege steckte aber nicht zurück, musste auf die Wiese ausweichen, verlor die Kontrolle über seinen Mercedes und riss Rosberg mit sich ins Kiesbett. Der Super-GAU für Mercedes: Beide Fahrer mussten das Rennen beenden. Statt 43 Punkte gab es 0.

Rosberg & Hamilton sind Killer, McLaren-Duo nicht

Auch zwischen den McLaren-Piloten krachte es in Kanada, allerdings mit weit weniger Auswirkung auf das Verhältnis der Teamkollegen. Für Wolff sind Norris und Piastri ganz andere Charaktere als Hamilton und Rosberg. "Lewis und Nico waren zwei Killer, wobei Killer nicht das richtige Wort ist. Sie waren zwei erbitterte Kämpfer, die, wenn sie gegeneinander gefahren sind, keine Gefangenen gemacht haben. Das war für das Team manchmal sehr schwer zu handhaben, aber dieses Problem sehe ich bei McLaren nicht", so Wolff.

Mercedes liegt aktuell auf Rang drei der Konstrukteurswertung, entsprechend entspannt kann sich Wolff die Situation bei McLaren ansehen. "Ich bin gespannt, wie sich das weiterentwickelt. Ich glaube, wir werden gegen Ende der Saison, wenn es spannend wird, eine Antwort darauf bekommen, ob das heute [Teamorder in Monza] richtig war." Weniger entspannt blickt er momentan auf die Situation mit Rookie Kimi Antonelli. Nach dem Italien GP fand Wolff ungewöhnlich harte Worte für den 19-Jährigen.